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Amazon-Versandzentrum : Achtundzwanzig Kilometer in vierzehn Stunden

  • -Aktualisiert am
Nur der Computer hat den Überblick und schickt die Mitarbeiter durch die Halle.
Nur der Computer hat den Überblick und schickt die Mitarbeiter durch die Halle. : Bild: Picture-Alliance

1500 Menschen arbeiten hier hart. Zehn- bis Zwölfstundenschichten in einer viertägigen Arbeitswoche sind die Regel. Derzeit heuert Amazon in Phoenix viertausend zusätzliche Saisonarbeiter an für das Weihnachtsgeschäft und den bevorstehenden Cyber Monday. So nennt der Online-Händler den Montag nach Thanksgiving Ende November, an dem er mit Rabattaktionen in die härtesten und umsatzstärksten Verkaufswochen des Jahres startet. Wer als Arbeiter anheuern will, muss „willens und fähig sein, bis zu zwölf Stunden zu stehen und zu gehen, alle Schichten und nach Bedarf Überstunden zu arbeiten“, steht auf der Amazon-Website. Mitarbeiter legen hier schon mal 28 Kilometer in einer Vierzehnstundenschicht zurück, berichtet Anthony, der unsere Tour begleitet. Der Dreißigjährige arbeitet seit sechs Jahren in PHX6.

Nach „have fun“ klingt das nicht gerade. Geschichte dagegen hat Amazon-Chef Jeff Bezos geschrieben. 1994 hat er in einer Garage in Seattle begonnen, Internetbestellungen für Bücher anzunehmen. Seitdem hat er eine längst nicht mehr auf Bücher angewiesene Konsum-maschinerie entwickelt, die einer zunehmend impulsgetriebenen Kundschaft die Erfüllung ihrer Wünsche in kürzester Zeit verspricht. Amazon will die „weltweit größte Auswahl“ bieten. Dazu braucht das Unternehmen die Sortimente anderer. Etwa vierzig Prozent der Artikel, die der Onlinehändler verschickt, stammen von Drittanbietern. Zwei Millionen Händler, heißt es, verkaufen auf der Website mit 250 Millionen Kunden weltweit gegen Gebühr ihre Waren. An der Tour durch das Lager in Phoenix nehmen auch ein paar junge Verkäufer teil, die sich einen Einblick ins Amazon-Getriebe verschaffen wollen.

426 Artikel pro Sekunde

Wir steigen eine Treppe hinauf in den ersten Stock, wo die verpackten Artikel mit Adressaufklebern versehen und die Pakete auf ihr Gewicht geprüft werden – alles gelenkt von Barcode-Scans. Stimmt etwas nicht, leitet ein Förderband mit Rollen das Paket auf eine Ausfahrt zu einem menschlichen „problem solver“, einem Problemlöser.

Es ist abzusehen, dass die Picker und Packer und Problem Solver eines Tages überflüssig werden. Bis dahin müssen sie mit der eisernen Effizienz der Computer mithalten. „36,8 Millionen Artikel am Cyber Monday bestellt“, verkündet ein Schild an einer Säule. „426 Artikel pro Sekunde am Cyber-Monday verschickt“, prahlt ein anderes. Was die Mitarbeiter leisten, um das zu ermöglichen, lässt sich nur ahnen.

Alles durcheinander: Das Zufallsprinzip ist effizienter als eine Sortierung der Waren.
Alles durcheinander: Das Zufallsprinzip ist effizienter als eine Sortierung der Waren. : Bild: AP

Man sieht zwar niemanden durch die Gänge hetzen. Rennen ist sogar verboten. Aber die Barcodes und Scanner takten nicht nur den Warenfluss. Sie vermessen die Leistung der Angestellten. Die beiden Frauen, die im Obergeschoss kleinere Artikel in luftgepolsterte Umschläge stecken und diese etikettieren, arbeiten mit den knappen, zügigen Bewegungen von Fließbandarbeiterinnen. Sie würdigen die neugierigen Besucher keines Blickes. Wer zu langsam arbeitet, wird aussortiert, denn das Geschäftsmodell von Amazon toleriert keinen Verzug Nichts fürchtet der Konzern so sehr wie Stockungen und Unterbrechungen in seiner Warenlieferkette.

Streiks wie in Deutschland hat es in amerikanischen Amazon-Zentren noch nicht gegeben, auch wenn in den Vereinigten Staaten die Kritik an den Arbeitsbedingungen wächst. Es gibt genug Saisonkräfte, die gerne bei dem Versandhändler unterschreiben. Das System läuft. „Wir haben zahlreiche Redundanzen in unseren Computersystemen“, sagt Lisa Guinn auf die Frage nach einem Blackout, „einen Computerausfall gibt es praktisch nicht.“ Ein Stromausfall nach einem schweren Gewitter im vergangenen Sommer legte PHX6 nur drei Stunden lahm, sagt sie, „dann lief alles wieder“. Schlimmstenfalls könne man Bestellungen in anderen Lagern abwickeln lassen. Die Drucker und Scanner und Laufbänder klackern, fiepen und rattern vor sich hin. Ein paar Angestellte mit weißen Teilzeit- und blauen Vollzeit-Arbeitsausweisen um den Hals kommen um die Ecke und greifen sich von einem Regal auf Rädern einen Scanner. „Was macht man hier eigentlich in der Pause?“, will ich von Anthony wissen. „Geht man vor die Tür und schnappt ein bisschen frische Luft?“ Er grinst. „In der Pause“, sagt er, „willst du einfach nur sitzen.“

Amazon-Gründer Jeff Bezos : „Die Drohnen werden kommen“

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