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Amazon-Serie „Transparent“ : Wenn Vater seinen Typ verändert

In der Amazon-Serien „Transparent“ outet sich Mort Pfefferman (Jeffrey Tambor) als Frau und nennt sich Maura. Bild: dpa; Beth Dubber/Amazon.com Inc

Amazon bietet eine große Fernsehwelt an. Sie passt in einen kleinen Stick. Doch was produziert der Online-Händler dabei eigentlich selbst? Eine Serie wie „Transparent“ – in der wird ein Mann zur Frau.

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          Zum Wochenbeginn hat der Online-Händler Amazon in Deutschland unauffällig schwarze Pakete zum Sonderpreis von neunzehn Euro an eine nicht genannte Zahl von Bestellern versandt. Darin befinden sich ein zwei Finger breiter Stick, in dessen Gehäuse ein Mini-Prozessor sitzt, außerdem zwei Kabel und eine Fernbedienung. Ist die Internetverbindung stark genug, gewährt die einfache Installation einer Online-Heimvideothek am Smart-Fernseher Zugriff auf Abertausende Filme. Von Mittwoch an ist der „Fire-TV-Stick“ regulär erhältlich, für 39 Euro – ob das immer noch günstig genug ist, um dem internetbasierten Filmegucken, dem Streamen, zum Durchbruch zu verhelfen, wird sich zeigen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf jeden Fall ist dieses Angebot, das auch Amazons Film- und Serienflatrate „Prime Instant Video“ attraktiver macht, für Geschichtensüchtige verlockend. Vergleichbare Pakete von Google oder Apple kosten 35 oder 79 Euro, eine ähnliche Flatrate gibt es nur bei Anbietern wie Netflix oder Watchever. Außerdem nimmt man als Amazon-Prime-Mitglied am Premiumversand teil. Kurz: Das Ganze ist ein Kampfpreis, der die Konkurrenz aus dem Feld schlagen soll.

          Das hat noch gefehlt

          Und da man auf der Fernseh-Plattform des Internetriesen auch andere Unterhaltungs- und Informationsangebote von Spotify über die Berliner Philharmoniker bis Youtube, Spiele-Apps und die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen ansteuern kann, weiß man fast nicht mehr, was einem noch fehlen soll.

          Zwar tritt auch bei Amazon Prime der digitale Übersättigungseffekt recht schnell ein, die interessantesten neuen Filme verursachen immer noch Extrakosten, doch kann man sich als Probenutzer des Eindrucks nicht erwehren: Viel mehr, als hier angeboten wird, braucht man neben dem gespeicherten Fernsehprogramm nicht. Worin zugleich eine nicht zu unterschätzende Gefahr liegt: Denn auch Amazon braucht nicht viel mehr von seinen Nutzern, um sie künftig rund um die Uhr mit ihren Seh-, Lese- und Hörgewohnheiten noch effektiver als bisher zu durchleuchten. Die Aufmerksamkeit der Nutzer kann Amazon derart genau messen, dass die Quotenforschung der Fernsehsender bald wohl nur noch belächelt wird.

          Könnte Spuren von California-Digital-Gehirnwäsche enthalten

          Und nicht zuletzt festigt das Unternehmen seinen Status als Anbieter eigener Unterhaltungsinhalte. Wobei die ambitionierteste der von Amazon produzierten Serien, die mit zwei Golden Globes ausgezeichnet und mit dem Stick zusammen gezielt beworben wurde, wegen ihres sprechenden Titels Fragen aufwirft. „Transparent“ erzählt die Geschichte des 68 Jahre alten, früheren Politologie-Professors und jüdischen Familienpatriarchen Mort Pfefferman (Jeffrey Tambor), der eines Tages beschließt, offen als Frau, als Maura, zu leben, und mit dieser Entscheidung seine Familie in einen Strudel der Selbstoffenbarungen reißt. Die älteste Tochter, Sarah (Amy Landecker), verlässt kurz nach dem Coming-out des Vaters ihren Mann und zieht mit ihren beiden Kindern zu Tammy (machohaft gespielt von Melora Hardin), zu ihrer lesbischen Freundin aus Studienzeiten. Sohn Josh (Jay Duplass), beruflich für Neuentdeckungen im Musikbusiness zuständig, will recht unverhohlen ans Erbe des Vaters, führt ein ausschweifendes Sexleben und fragt sich erst mit über dreißig, ob er als Jugendlicher nicht eigentlich von seiner Kinderfrau missbraucht wurde, mit der er heute noch gelegentlich intim wird. Das hochbegabte Nesthäkchen Ali (Gaby Hoffman) findet weder einen passenden Beruf noch eine Beziehung, weshalb sie sich Porno-Phantasien und Drogenexperimenten hingibt.

          Die Frage, die sich stellt, ist, ob das Programm, das Amazon zurzeit aufbietet, mit seiner Dauerreflexion über die Notwendigkeit von „Transparenz“ zur Befreiung der menschlichen Gesellschaft nicht auch Spuren von California-Digital-Gehirnwäsche enthält. Ist es ein Zufall, dass jenes Gut, das den Reichtum von Internetgiganten wie Amazon, Google und Facebook begründet – die Bereitschaft seiner Nutzer, ein Übermaß an Transparenz aufzubringen –, in dieser Serie kaum hinterfragt wird? So haben die Hauptfiguren keine Scheu, etablierteste gesellschaftliche Konventionen über den Haufen zu werfen, nur eines zweifeln sie niemals an: die Autorität des Internets. Keine andere Quelle außer Google ziehen sie in Erwägung, wenn es darum geht, mehr über Transsexuelle oder illegale Sterbehilfe bei Dementen zu erfahren. Was sie dort lesen, verfechten sie anschließend, als wäre es Gesetz.

          Kluger Humor

          Ob diese beeindruckend gespielte und durch ihren zynischen Humor hervorstechende Serie tendenziell ein Silicon-Valley-Propagandafilm oder ein hochintelligentes Kuckucksei ist, das Jill Solway Amazon ins Nest gelegt hat, bleibt nach der ersten Staffel noch offen. Einerseits enthält die Handlung, wenn Maura etwa ihre Familie bei musikalischen Auftritten im Transsexuellen-Kreis weniger beeindruckt als gruselt, eine Menge an ästhetischer Unberechenbarkeit, andererseits wird „Mapas“ Outing trotz zum Teil grotesker Nebeneffekte mit größter Ernsthaftigkeit dargestellt – zuweilen geradezu kitschig.

          Das bin ja ich: Mort hat sein Leben radikal verändert

          „Ich sehe dich, wie du wirklich bist“, sagt Ali im Drogenrausch zu ihrem Vater. Am nächsten Tag erzählt sie ihrer besten Freundin angewidert, sie sei so breit gewesen, dass sie am liebsten mit ihrem transsexuellen Vater „rumgemacht“ hätte. Hier ist der Humor der Serie klüger als der Making-of-Trailer der Serie, der gestanzte Gewissheiten verbreitet: Transparenz kann eben nicht nur eine heilsame „Transition“ herbeiführen, wie es dort heißt, sondern auch verhindern.

          Würden die Pfeffermans den TV-Stick von Amazon kaufen? Der riesige Plasmafernseher, den Tammy im traumhaften Familiensitz oberhalb von Los Angeles aufgehängt hat, wird von allen Pfeffermans jedenfalls als lachhaft beanstandet. Sie beziehen lieber alles aus dem Netz.

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