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„The Boys“ bei Amazon Prime : Heroismus im Ausverkauf

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Aalglatt, eiskalt und unberechenbar: Antony Starr spielt den „Homelander“, einen zynischen Gegenentwurf zu Marvels Captain America. Foto Amazon Prime Bild: Photo: Jan thijs

Sag mir, welche Maske du trägst, und ich nenne dir deinen Wert: Unterhaltung, Satire, Gesellschaftskritik. Die Anti-Superhelden-Serie „The Boys“ hat alle Zutaten, um ein großer Erfolg zu werden.

          Die angelegentliche Scheinheiligkeit großer Institutionen wie etwa Facebook, der katholischen Kirche oder auch der Fifa kann mitunter irritieren. Ähnliches gilt für die fast unglaubwürdige Perfektion eines Barack Obama oder eines Bill Gates, die sich als globale Wohltäter inszenieren – so perfekt kann doch eigentlich niemand sein. Auch Superhelden kommen nun in den Genuss gesunden Zweifels, donnern sie doch seit einigen Jahren ohne Ablass und vom Kommerz getrieben über Kinobildschirme.

          Alle Zuschauer, die so empfinden, haben Glück. Denn die just beschriebene moderne Zivilisationswut hat sich Bahn gebrochen: In Form der intelligent-zynischen, aber zuweilen hochkomischen Amazon-Prime-Serie „The Boys“. Das Szenario ist so schlicht wie genial: Superhelden gibt es wirklich, sie sind Weltstars, haben eigene Marken, Filme, Produkte, sind auf Instagram. Und sie sind zutiefst korrupt, narzisstisch, heuchlerisch. Man sieht sie strahlend bei öffentlichen Auftritten und gierig bei der internen Verhandlung von Erlösanteilen.

          „Vought“, die Dachorganisation, in der sie wie ähnlich Fußballer bei der Fifa organisiert sind, verkauft ihre Dienste an Bürgermeister, die im Wahlkampf Argumente sammeln müssen. Das Geschäft mit Superhelden läuft. Jedem Superhelden sein kuratiertes Image, seine Nachfragewerte, sein Zielpublikum. An der Spitze der Helden stehen die „Seven“. Das sind die beliebtesten sieben Superhelden, die in ständiger Angst leben, ihren Ruf einzubüßen und auch nur deshalb Gutes tun.

          Kontrast zwischen Kindheitstraum und Wirklichkeit

          Es sind bitterböse gezeichnete Parodien echter Helden. Homelander (Antony Starr) ist ein schmieriger, verlogener Patriot im um einen Flaggenumhang erweiterten Captain-America-Outfit, The Deep (Chace Crawford) ist eine Art Aquaman und ein Vergewaltiger, Translucent (Alex Hassell) ist ein durchsichtiger Spanner, der auf Frauentoiletten rumlungert, Black Noir ist in Schwarz gehüllt und darf kein Wort sagen. Auch zwei Frauen sind Teil der sieben, eine ist die völlig zermürbte Queen Maeve (Dominique McElligott); die andere, Starlight (Erin Moriarty), ist naiv und neu in der Runde. Sie sorgt als zentrale Figur für den Kontrast zwischen dem Kindheitstraum Superheld zu sein und dieser perfiden Wirklichkeit.

          Die Seven und alle anderen Superhelden werden als „Supes“ bezeichnet, was nach „Soup“ (Suppe) klingt, die getrost weggeschüttet werden kann. Dafür braucht es Antihelden. Und für solche ist der nordirische Comicautor Garth Ennis, der 2006 das gleichnamige Material verfasst hat, auf dem „The Boys“ beruht, berühmt. Er hat schon für Preacher, Punisher oder Hitman Antihelden entwickelt, denen das stinknormale Leben von einem völlig korrupten System zerstört wird und die sich dann zu einer rachsüchtigen Revolte erheben.

          Ein Beitrag zur Debatte um Geschlechterungleichheit

          Hughie Campbell, gespielt von Jack Quaid (Sohn von Meg Ryan und Dennis Quaid), ist so ein Antiheld. Er arbeitet als Verkäufer in einem Elektronik-Geschäft und traut sich nicht einmal, um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Dann wird er Opfer eines großen Unrechts und mutiert in der daraus resultierenden Gewaltspirale zum zwiegespaltenen Racheengel. Nicht zufällig ist bei „The Boys“ auch George Mastras involviert, der als zentraler Autor und Produzent bei „Breaking Bad“ in Erscheinung getreten war. Auch dort stand mit dem vom Chemielehrer zum Drogenkoch gewordenen Walter White ein Antiheld im Fokus, dessen widersprüchliche Handlungen das Publikum jedes Mal in neue Gewissenskonflikte warfen, die es mit sich selbst ausmachen musste.

          „The Boys“ ist, wie der Titel schon sagt, auch auf Produktionsseite so ziemlich Männersache. Das Produzententeam um Seth Rogen und Evan Goldberg, die zusammen bereits sehr erfolgreiche Millennial-Komödien wie „Superbad“ und „Pineapple Express“ produziert haben, besteht ausschließlich aus namhaften Herren. Trotzdem gelingt es den Serienmachern, einen veritablen Beitrag zur laufenden Debatte um Geschlechterungleichheit zu leisten. Gerade im Geschehen um die Superheldin Starlight spielen der komplizierte individuelle Umgang mit gesellschaftlichen Frauenbildern und die Wahrnehmung um sexuelle Gewalt eine große Rolle. Die Erzählung verfällt hier zum Glück nicht in Didaktik, sondern stellt in heiklen Szenen geschickt emotionale Nachvollziehbarkeit her.

          Titel- und tonangebend ist der Serie übrigens jene Gruppe von Antihelden um Hughie und den australischen Ganoven Billy Butcher (Karl Urban), die die korrupten Superhelden zu Fall bringen wollen und aus deren Aktivitäten die Serie ihre Dynamik entfaltet. Phasenweise wirkt „The Boys“ wie eine Melange aus „Ocean’s Eleven“ und jenen Superhelden-Filmen, die hier so boshaft karikiert werden. Häufig werden Szenen klassisch aufgebaut, um gleich darauf ironisch gebrochen zu werden. Als Hughie über Leben und Tod entscheiden muss, wird die Rote-Pille-blaue-Pille-Analogie aus dem Film „Matrix“ bemüht. Ein Streit über die jeweilige Bedeutung der Pillen verkommt zur herrlichen Farce.

          Wer das einmal gesehen hat, bleibt dran: Allenthalben fliegen Filmreferenzen umher, absichtlich schlechte Kostüme und bizarre Akzente setzen komische Akzente. Langatmig wird es in den acht einstündigen Folgen kaum. Das funktioniert auch als eine Art Ventil, um der Wut über das verdorben geglaubte politische System und die hässlichen Seiten des Kapitalismus Luft zu machen. Gleichzeitig verstärkt die Serie aber auch die ohnehin schon omnipräsente Erzählung von der Ohnmacht des Menschen in der Postmoderne: Ohnmächtige gieren nach Revolution, weil ihr Glaube an Evolution zerstört ist. Dieser Art von Zynismus zuzuschauen macht Spaß, doch muss auch Hughie auf seiner Vendetta lernen: Alles hat seinen Preis.

          The Boys läuft ab 26.7.2019 bei Amazon Prime.

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