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Amazon-Serie : Als die Nazis den Krieg gewonnen hatten

  • -Aktualisiert am

Es war einmal in Amerika: Wenn Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell) auftaucht, geht es um Tod und Verderben. Bild: Amazon

Der Autor Philip K. Dick fragte 1962: Was wäre, wenn Deutsche und Japaner den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden hätten? Nun macht Amazon aus dem Roman „The Man in the High Castle“ eine erstaunliche Serie.

          Siebzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick vor, wie es wäre, hätte dieser einen anderen Ausgang gefunden. Das Szenario von „The Man in the High Castle“ lautete: Was, wenn die Nazis zuerst die Bombe gebaut und die Deutschen und Japaner den Krieg gewonnen hätten? Amazon hat Dicks Buch jetzt verfilmt - als politischen Thriller mit großer Ausstattung, stimmungsvoller Inszenierung und einer vielschichtigen Erörterung der Frage, ob das Schicksal oder der Mensch den Gang der Dinge bestimmt.

          Wir befinden uns im Jahr 1962: Fünfzehn Jahre nachdem die Nazis Washington, D.C. mit einer Wasserstoffbombe dem Erdboden gleichgemacht haben, sind die Vereinigten Staaten von den Achsenmächten Japan und Deutschland besetzt. Östlich der Rocky Mountains erstreckt sich das „Greater Nazi Reich“, westlich davon die „Japanese Pacific States“. Zwischen den Besatzungsgebieten liegt in den Rockies eine neutrale Zone, ein Nachkriegs-Wilder-Westen, wo „ein Marshal Feinde des Reichs aufspürt und bei lebendigem Leib verbrennt“, wie geraunt wird.

          Im Westen der Vereinigten Staaten herrschen die Japaner.

          Hierher, in ein Örtchen namens Canon City, streben zwei Protagonisten eines vielköpfigen Ensembles aus Diplomaten, Spionen, Funktionären und Widerständlern: Juliana (Alexa Davalos) kommt mit dem Bus aus San Francisco, um den Spuren ihrer von den Japanern erschossenen Halbschwester zu folgen. Joe (Luke Kleintank) aus New York ist in einem Lieferwagen in verdeckter Mission unterwegs. Beide sind im Besitz einer geheimnisvollen Filmrolle, die Rettung oder Verderben bedeuten kann: Zu sehen sind Bilder vom Sieg der Alliierten. Ist das ein Propagandastück oder ein historisches Dokument?

          Freiheit in der Figurenzeichnung

          Geschickt betreibt „The Man in the High Castle“ vollständige Verunsicherung. Denn trauen kann man niemandem in dieser von Gewalt, Einschüchterung und Angst geprägten Welt. Visuell ist „The Man in the High Castle“ ein Paukenschlag: In diesen sechziger Jahren dominiert schäbige Abgerissenheit - entsättigte Farben, Braun- und Grüntöne, durchbrochen vom Rot des Hakenkreuzes, das von den Videowänden des Time Square leuchtet und in der amerikanischen Flagge die Sterne ersetzt hat.

          Die Serie entstand unter Anleitung von Ridley Scott, der 1982 schon mit „Blade Runner“ eine legendäre Verfilmung eines Romans von Philip K. Dick vorgelegt hat, und dem „Akte X“-Autor Frank Spotnitz, der die Drehbücher schrieb. Zunächst sollte „The Man in the High Castle“ bei der BBC und beim amerikanischen Kabelkanal Syfy als Vierteiler zu sehen sein, landete dann aber in der Schublade und endlich bei Amazon, wo man Spotnitz die, wie er sagt, „große, teure Show“ machen ließ, die er im Sinn hatte. Die nimmt sich zwar einige Freiheiten mit Dicks Figuren, scheut sich aber nicht, wie der Roman etliche Handlungsstränge zugleich zu verfolgen.

          Die Gunst der Versandhaus-Kundschaft

          So braut sich jenseits des Geschehens in Canon City Größeres zusammen: Hitler ist schwer krank, Goebbels, Himmler und Göring planen angeblich, nach dem Tod des Führers auch die Japaner zu unterwerfen. Worum es im Folgenden geht, deutet eine Szene der Auftaktfolge an, die Juliana beim Kampfkunst-Training zeigt. Beim Aikido, hören wir, gehe es „nicht um den Angriff, sondern um die Verteidigung“, es brauche „Können anstatt Kraft, um die Aggression des Gegners gegen ihn zu kehren“.

          Dass hin und wieder mit dem Holzhammer inszeniert wird, hat mit Amazons Produktionsmodell zu tun: Die Gunst der Versandhaus-Kundschaft bestimmt, welche der ihr vorgestellten Serienpiloten in die Entwicklung gehen, und so gilt es für die Macher, gleich zu Beginn möglichst viele Dreh- und Angelpunkte der Geschichte anzudeuten, die eleganter im Verlauf der Serie enthüllt werden könnten. Dennoch gewinnen Geschichte und Figuren an Vielschichtigkeit. Während der zielstrebige SS-Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell) mit brutaler Gewalt und einem weitreichenden Netz von Informanten den Widerstand im Osten zu brechen hofft, verhört im Westen Inspektor Kido (Joel de la Fuente) Julianas Freund Frank (Rupert Evans), der seine jüdischen Wurzeln zu verbergen hofft. Derweil konsultiert der japanische Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa), sehr zur Irritation seines deutschen Kollegen und Vertrauten Rudolph Wegener (Carsten Norgaard), das Orakel des I Ging als Handlungsleitfaden für die kommenden „dunklen Zeiten“, die die beiden am Horizont aufziehen sehen.

          Angesichts von „The Man in the High Castle“ darf man prophezeien, dass aus den Amazon Studios in den kommenden Jahren noch weitere Qualitäts-Serien zu erwarten sind.

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