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Amazon macht Fernsehen : Mister Bezos geht einkaufen

Über den neuen Mitspieler will da niemand unken und schon gar nicht dergestalt zitiert werden. Lieber nehmen die Produzenten mit Blick auf Amazon das Wort „Chance“ in den Mund: Amazon als Auftraggeber verheiße Chancen auf mehr Wettbewerb und stärke möglicherweise die Position der Produzenten im Kampf um ihrer kommerziellen Verwertungsrechte, welche ihnen die Sender bislang größtenteils wegnehmen.

Die Sender geben sich gelassen

Oliver Castendyk sitzt als Wissenschaftlicher Direktor in der Geschäftsführung des Branchenverbands Allianz Deutscher Produzenten. „Amazon“, sagt er, „hat in bestimmten Märkten wie dem Buchhandel eine starke Machtposition. Als Filmproduzent oder als Auftraggeber von Filmproduktionen ist das Unternehmen erst einmal ein kleiner Wettbewerber im Vergleich zu den Fernsehsendern.“ Und als solcher könne Amazon helfen, die verkrusteten Vertriebs- und Produktionsstrukturen aufzubrechen.

Dass exklusive Produktionen in einem Markt, der sich immer weiter fragmentiert, wichtiger werden, ist eine der Hoffnungen, die Moritz von Kruedener, Geschäftsleiter des Rechtehändlers und Produzenten Beta-Film, hegt. Eigenproduktionen, sagt er, helfen, Marken zu etablieren. Dass es deshalb zwangsläufig mehr und gut gemachte Fernsehproduktionen geben werde, bezweifelt er trotzdem: „Produktions-Know-how, gute Drehbuchautoren, Schauspieler und finanzielle Mittel stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung“, sagt er. Das, was produziert werde, werde sich schlicht anders verteilen. Schwerer werde es wohl werden, große Zuschauerzahlen zu gewinnen.

Die Sender, die Amazon fürchten müssen, geben sich gelassen. Selbst bei dem Abosender Sky, der eigentlich mit Sorge beobachten müsste, was da im Netz heranwächst. Sky Deutschland ist der Exklusivpartner des amerikanischen Senders HBO, der ein aufwendig produziertes Programm nach dem anderen auflegt, dabei auf die Kreativität der Macher und nicht von vornherein auf die Marktgängigkeit der Programme schaut.

Und obschon Sky Deutschland noch keine schwarzen Zahlen schreibt und seine eigene Produktion zunächst auf den Sport konzentriert, mit einer Rundum-Berichterstattung und umfassenden Ausstrahlungen (Fußball satt), versichert der Sendersprecher Wolfram Winter, es sei nur „eine Frage der Zeit, bis Sky eigene fiktionale Inhalte anbieten wird“.

Vertrauen auf Live-Berichterstattung

Sorgen, dass die Konkurrenz aus dem Netz seinem Sender den Rang ablaufen könnte, plagen ihn nicht. Im Gegenteil. Man befinde sich in einem Wachstumsmarkt, und der Bedarf an Fernseh-Inhalten werde weiter wachsen. Es werde zwar immer mehr im Internet und mobil ferngesehen, deshalb aber nicht weniger daheim vor dem Fernseher. Konkurrenz belebe also nur das Geschäft, sorge für mehr Quantität und Qualität. Die Produzenten könnten sich freuen. Für sie könnten goldene Zeiten anbrechen.

So spricht der Mann vom Abofernsehen, das schon durch einen Videodienst wie Netflix herausgefordert wird, der mit der Serie „Lilyhammer“ international Erfolg hat. Marc Schröder, Geschäftsführer von RTL interactive, vertraut als Vertreter des linearen Privatfernsehens auf die Anziehungskraft von Live-Ereignissen, Shows und Sport. „Solche Ereignisse möchte der Zuschauer im Hier und Jetzt erleben, nicht irgendwann im Stream ansehen“, sagt er.

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