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Am Sonntag im ZDF : Bollywood und Biedermeier

Wärmt das Herz: Annie (Stephanie Stumph) erzählt eine Geschichte - und natürlich geht sie gut aus. Bild: Alexander Fischerkoesen 2012

Das ZDF verabreicht uns eine märchenhafte Indien-Schnulze: „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“. Mit der elenden Realität hat der Film zwar nichts gemein, dafür überzeugen seine hübsche Optik und gute Darsteller.

          Gerade hat die indische Prinzessin sich vor den feindlichen Schergen gerettet, da fällt das verräterische Adjektiv: „Märchen sind nachhaltig“, sagt die Junglehrerin Annie Krüger (Stephanie Stumph) ihren Schülern und klappt das Buch zu, aus dem sie vorgelesen hat. Dann doziert sie mit gewinnendem Lächeln: „Auf unterhaltsame Weise vermitteln sie Moral.“ Da ist das Bollywood-Experiment des ZDF noch keine vier Minuten alt und erst auf dem Sprung von der biederen deutschen Privatschule auf den Subkontinent, aber der Zuschauer ahnt schon, was ihm blüht: ein nachhaltiges Märchen also.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das klingt ein wenig nach Diabetiker-Lebkuchen und soll es wohl auch, so, als wolle das Zweite sich schon vorauseilend rechtfertigen für das, was nun kommt: zweimal neunzig Minuten knallsüßer, orientalisch gewürzter Klebrigkeit, zubereitet aus Fabelbildern von bemalten Elefanten, Turbanträgern und pittoresker Armut, das Ganze dick glasiert mit einer Schnulze um die - selbstverständlich - überaus hübsche, sympathische und engagierte Annie, die von Indien in eine Prinzessin zwischen zwei Männern verwandelt wird. Wovon der eine ein Maharadschasohn mit goldenem Palast (Omar El-Saeidi) und der andere ein Paria mit goldenem Herzen (Faraz Khan) ist.

          Nichts ist wie es scheint

          Gut, dass da noch die obligatorische Hexe ist und sie Suzanne von Borsody mit Hingabe verkörpert. Sie spielt die Mutter des Prinzen, Maritha Sing, ein ehemaliges Hippie-Mädchen und jetzt Witwe des Maharadschas. Unfassbar reich und eiskalt, das rotblonde Haar zu abenteuerlichen Frisuren toupiert und gekleidet wie die späte Liz Taylor, spinnt sie ihre Fäden - die ideale Gegenspielerin der gänzlich unverdorbenen Annie, die Stephanie Stumph mit unverdrossenem Elan, aber ohne viel Seele durch den Orient treibt.

          Für einen stabilen Blutzuckerspiegel in dem ganzen Trubel soll das didaktische Element sorgen. Denn wir sollen auch etwas lernen, über das Wesen des Kastensystems etwa, vor allem aber darüber, wie hoffnungslos die Situation vieler Mädchen in Indien ist. Eine Runde mit der Rikscha durch den Slum, und Annie weiß Bescheid: Mädchen verschwinden zu Abertausenden, weil sie Mitgift kosten, weil sie nicht der erhoffte Erbe sind, weil sie schlicht als wertlos gelten. Um vertauschte Kinder wird sich der ganze Märchenplot bald (Buch: Natalie Scharf) drehen. Und es braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, dass nach hundertachtzig Minuten „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“ die eine oder andere Figur nicht mehr ist, was sie zu sein glaubte. Allen voran die Heldin.

          Elends-Ästhetik

          Die ist eigentlich nur nach Rajasthan gereist, um ihren Vater zu finden. Als junger Mann hatte er dort Entwicklungsarbeit geleistet, nun, nach dem Tod seiner Frau, kehrte er zurück - und verschwand. Die Suche wird für die Tochter zu einer Reise zur eigenen Identität. Was sie alles unterwegs erlebt, ist allerdings nur schwer zu verkraften, wenn sich der Zuschauer nicht an die Grundspielregel hält: all das, was da über den Bildschirm rauscht, eben als Bollywood-Märchen zu sehen.

          Das geht los mit dem Anruf aus dem Hotel in Jaipur, in dem der Vater abgestiegen war, am Apparat eine sympathische Knallcharge von Schmuddelhotel-Besitzer, heftig grimassierend und mit dickem Akzent Deutsch sprechend, wie übrigens alle nicht gebildeten Inder im Film. Es geht weiter im Flugzeug, wo die Heldin aus der Holzklasse in die Maharadscha-Class stolpert, die Privatgemächer des schönen Prinzen, der sich natürlich sofort in sie verliebt. In Jaipur gelandet, einer Stadt von drei Millionen, lernt sie im Nu kennen, wen es zu kennen gilt. Das Indien, das sie sieht, ist ein ästhetisiertes Elends-Indien mit liebenswert schmutzigen Kindern, Blumen, Tänzen, Tieren, mit Buckligen und Beinlosen, die auf Rollbrettern herumrutschen. Da ist schon jede Menge Gefühlskolonialismus dabei.

          Von Nachhaltigkeit keine Spur

          Und es geht rund, dass einem der Schädel brummt: Der gute Paria fliegt ins Gefängnis, der Vater geistert durch den Palast der Winde, ein Smaragd wird immer wichtiger, und irgendwann stirbt einer der Männer in den Armen der Schönen, sie schreit „Nein“ und schneidet sich die Haare. Und am Ende werden all die armen heimatlosen Mädchen, na ja, fast alle, ein Zuhause finden.

          Dass der Film von Michael Karen bis dahin zwischen Kitsch und Gutmenschentum nicht zu einer unerträglichen Veranstaltung wird, liegt an zweierlei: an den durchweg soliden und manchmal richtig guten Schauspielerleistungen und an seinen opulenten Bildern (Kamera Alexander Fischerkoesen) - nicht daran, dass er einen Auftrag zur Nachhaltigkeit im Bollywoodfilm sucht.

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