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Thunberg-Doppelgängerin : Greta von gestern

Unbekannte Kinder am Brunnen während des Goldrauschs in Yukon, Nordkanada. Aber kommt einem die links nicht irgendwie bekannt vor? Bild: Eric A. Hegg/University of Washington

Ist Greta Thunberg eine Zeitreisende? Ein Twitternutzer hat sie jedenfalls auf einem Foto von 1898 erkannt. Dann verselbständigte sich die Sache.

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          Greta ist nicht, was sie scheint. So manche, die sich auf die schwedische Klimaaktivistin eingeschossen haben, nicken jetzt heftig, aber Moment, die Sache ist noch viel komplizierter: Greta Thunberg ist eine Zeitreisende. Das wäre nicht aufgefallen, wäre sie nicht im Jahr 1898 im wilden Nordwesten Kanadas vor eine der wenigen photographischen Apparaturen gelaufen, während sie und zwei jüngere Kinder gerade nichtsahnend Wasser aus einem Brunnen schöpften. So aber wurde dieser Augenblick für die Zukunft, also unsere Gegenwart, festgehalten.

          Tatsächlich ist die Ähnlichkeit frappierend: Das Alter, das Gesicht, der Blick, sogar die beiden Zöpfe! Die Fotografie findet sich mit dem Vermerk „Three children operating rocker at a gold mine on Dominion Creek, Yukon Territory, ca. 1898“ im Bildarchiv der University of Washington und auch online auf der Website der Universität, ordentlich erfasst mit allen Metadaten, eine Manipulation kann daher wohl ausgeschlossen werden. Greta drückte sich also nicht einmal vor Kinderarbeit während des Klondyke-Goldrausches, sie trägt derbe Arbeitskleidung, grobe Stiefel und packt hart an.

          Die Gier trieb alle an

          Natürlich gibt es auch verschwörungstheoretische Stimmen im Internet, die behaupten, sie habe sich nur eben mit ein paar Klumpen Gold schnell bereichern wollen, aber wir wissen: Selten hat eine gnadenlose Ausbeutung der Erde so drastische Folgen in so kurzer Zeit verursacht wie dieser Goldrausch. Die Karibuherden wurden drastisch dezimiert, die indianischen Bewohner Kanadas, die First Nations, verloren ihre Lebensgrundlage, es kam zu ökonomischen Verwerfungen. Die Gier trieb alle an. Natürlich hat Greta da getan, was getan werden musste, und das Schlimmste verhindert oder es zumindest versucht.

          Denn Greta Thunberg, so die Theorie, ist eine Zeitreisende, wahrscheinlich aus der Zukunft, die an entscheidende Punkte der Vergangenheit zurückreist, um die Menschheit zu warnen. Die Sache in die Welt gebracht hat der walisische Thriller-Autor Jack Strange mit einem Tweet. „Greta Thunberg ist auf einem Foto von vor 120 Jahren, und das ist meine neue Lieblingsverschwörungstheorie“, schrieb er. Das wurde bis dato 41000 mal geliked, dreizehntausend Nutzer retweeteten. Selbstredend gibt es eingefleischte Verschwörungstheoretiker, die auch sonst in ihrer Freizeit in Sachen Echsenmenschen, Chemtrails und dergleichen missionieren gehen und denen angesichts des Fotos klar wurde, worauf sie selbst bislang nur noch nicht gekommen sind. Es gibt nichts, was nicht irgendjemand da draußen für bare Münze nimmt. Doch die Mehrzahl der Nutzer perpetuiert die Idee mit einer gespielten Ernsthaftigkeit, wie es nur Menschen im Internet können, die auch ohne mit der Wimper zu zucken fliegende Spaghettimonster institutionalisieren. Eine Ironie, die vielen Multiplikatoren abgeht. Es ist ja auch zu schön, der „Bild“-Zeitung dabei zuzuschauen, wie sie fragt: „Altes Foto sorgt für irre Verschwörungstheorie: Hat Greta schon mal gelebt?“

          Nein, das Foto sorgt nicht für irre Verschwörungstheorien. Es sorgt vor allem für Erheiterung, Verblüffung und ein paar Gedankenspiele. Herr Strange aus Wales genießt derweil seine fünf Minuten Ruhm und postet fleißig Artikel aus aller Welt, die über seinen Fund im Online-Fotoarchiv und irre Verschwörungstheorien berichten. Und Greta selbst hat, wenn sie nach ihrer Atlantiküberquerung wieder Netzempfang hat, einiges nachzuholen.

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