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ARD-Film „Alles Isy“ : Pflichtprogramm für Oberstufenschüler

  • -Aktualisiert am

Schwerer Vertrauensbruch: Isy (Milena Tscharntke, li.) ahnt nicht, was Jonas (Michelangelo Fortuzzi), ihr bester Freund seit Kindertagen, ihr angetan hat. Bild: rbb/Jana Lämmerer

Ein junges Mädchen wird vergewaltigt, ein Täter bricht das Schweigen, doch dann schalten sich seine Eltern ein: „Alles Isy“ ist einer der wichtigsten Familienfilme des Jahres.

          Fernsehfilme, die nicht nur heiße Eisen anpacken, sondern auf allgemeines Fingerverbrennen ohne kühlenden Emotionsbalsam und Nachdenklichkeit ohne beruhigendes Moraleinordnen setzen, brauchen überzeugte Geburtshelfer. Bei „Alles Isy“ von Mark Monheim und Max Eipp dauerte es trotz vielfacher Unterstützung zehn Jahre, bis aus einer Idee (Monheims) erst ein preisgekröntes Drehbuch und schließlich ein bemerkenswerter Spielfilm wurde, der, und das ist noch ungewöhnlicher als die Entstehungsgeschichte, nun zur besten Sendezeit im Ersten läuft, statt spätabends versenkt zu werden.

          Neben dem Produzenten Florian Deyle von der Drife Filmproduktion sind mit Cooky Ziesche und Verena Veihl noch zwei Redakteurinnen des RBB zu nennen, die „Alles Isy“ durchgesetzt haben. Es ist ein Film, dem möglichst viele kritische Zuschauer zu wünschen sind. Einer, der zum Pflichtprogramm in Schuloberstufen dieses Landes werden sollte, weil er Fragen stellt, statt bloß zu antworten, und Jugendlichen auf Augenhöhe Angebote macht, statt sogleich Patentrezepte zu basteln. Darüber hinaus ist es ein verdammt guter Film, mit toller Kamera (Jana Lämmerer), exzellentem Schnitt (Patricia Mestanza Niemi), überzeugenden Schauspielern und ungebremster Lebensnähe.

          Ein Thema, das alle angeht

          Das Thema Vergewaltigung unter Jugendlichen, das zeigen Untersuchungen wie „Speak! Die Studie. Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher“ von 2017 oder der Report der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Sexualaufklärung und Familienplanung. Sexualisierte Gewalt“ (Forum 2-2015), geht alle Heranwachsenden und ihre Familien an, auch wenn sie nicht unmittelbar betroffen sind. Sie alle können zumindest in die Verlegenheit kommen, in einem konkreten Fall in ihrer Umgebung Stellung zu beziehen. Auch als Eltern und Angehörige, Lehrer und Nachbarn, wie es in „Alles Isy“ in der Eingangssequenz geschieht, in der eine Elternversammlung sich über eine aus dem Ruder gelaufene Schüler-Party klarzuwerden versucht – und gleich persönliche Schadensbegrenzung betreibt. Dass im Zweifel immer der andere Schuld hat – er oder sie hat die Kinder nicht im Griff, ist beruflich überfordert, frisch getrennt oder hoffnungslos naiv –, das leben diese Mittelstandseltern mit gehobenem bürgerlichen Bewusstsein dem Nachwuchs als erstrebenswerte Einstellung vor.

          Oder doch nicht, so einfach will es der Film dem Zuschauer eben nicht machen. Carola Vanderberg (Claudia Michelsen), Galeristin, und ihr Mann Richard (Hans Löw), Staatsanwalt, gehören zu den Leuten, mit denen man sofort befreundet sein will. Ihr Sohn Jonas (Michelangelo Fortuzzi) ist sechzehn, verträumt und schwärmt für die gleichaltrige Isy (Milena Tscharntke). In zwei Wochen geht er für ein Auslandsjahr nach Amerika. Als Isy bei der Party von Caro (Tijan Marei) mit einem älteren Typen auftaucht und Jonas frustriert das Nachsehen hat, sieht Isys Freundin Nora (Runa Greiner) ihre Chance bei dem Jungen gekommen.

          Angst und Scham

          In den Stunden der Feier läuft alles schief. Isys Freund knutscht fremd, heulend trinkt sie und wirft Gute-Laune-Pillen ein. Jonas zecht den Liebeskummer weg, besäuft sich mit Lenny (Ludwig Simon) und Martin (Jakob Schmidt), bevor plötzlich Koks im Spiel ist. In einem Schlafzimmer kommt es zur Gewalttat. Als Isy bewusstlos hinter dem Bett zusammensinkt, vergewaltigt Lenny sie und nötigt Martin und den zögernden Jonas, es ihm gleichzutun. Der Film steuert diese Szene ohne Umschweife an, zeigt aber nichts wirklich. Er stellt das Opfer nicht aus. Es geht um die Folgen der Tat, die Nora beobachtet hat, ohne einzugreifen.

          In Lennys testosterongesteuerter Sicht gibt es kein Problem, da Isy sich an nichts erinnern kann. Martin vertraut Jonas an, nur mitgemacht zu haben, weil er sein Schwulsein „kurieren“ wollte. Jonas kann mit seiner Schuld nicht weitermachen wie bisher. Erst Tage später begreift Isy, die mit Unterleibsschmerzen zur Frauenärztin geht, dass sie Geschlechtsverkehr hatte. Zur Polizei gehen will sie, wie fast alle Betroffenen, nicht, obwohl Mutter Bea (Claudia Mehnert) drängt. Stärker als der Wunsch nach Bestrafung sind das Gefühl der Scham und die Angst vor Bloßstellung in der Schule. Hat sie es nicht irgendwie provoziert, sich angeboten? Gibt es ein Video? Als sich Jonas seiner Mutter anvertraut und sein Vater Wind von der Sache bekommt, geht es ans Eingemachte – besonders für Richard, der die Zukunftschancen des Sohns und die eigene Karriere schwinden sieht.

          Die Mechanismen des Schweigens

          Nicht zuletzt durch #MeToo ist das Bewusstsein für die Häufigkeit sexueller Übergriffe gewachsen. Aber was bedeutet die Debatte in der Lebenswelt von Heranwachsenden, in deren Alltag sexy Poser-Selfies, knappe Kleidung mit Mikroshorts (Heidi Klum und ihre „Meedchen“ lassen grüßen), Hormonüberschwang, Gruppendruck, Pornokonsum, Alkohol, Partydrogen und eine vermeintlich lockere Einstellung zur Sexualität auf unzureichende Aufklärung treffen? 81 Prozent aller Jugendlichen, so die Speak!-Studie, haben Erfahrung mit sexualisierter Gewalt. Ein Viertel gibt an, selbst Aggressor gewesen zu sein. Die Hälfte aller Betroffenen hat nie mit jemandem darüber gesprochen. Wenn der Täter der aktuelle oder frühere Beziehungspartner ist, erhöht sich diese Zahl noch.

          Monheim und Eipp betonen, dass es ihnen genau darum geht: „Indem wir die Mechanismen des Schweigens, des Vertuschens, der Scham und der Ohnmacht schildern, wollen wir ergründen, wie es dazu kommt, dass über neunzig Prozent der sexuellen Übergriffe nicht angezeigt werden.“ Der Film zeigt auch Alternativen zur Anzeige: spezielle Beratungsangebote für Jugendliche, die Möglichkeit anonymer Spurensicherung, Gewaltschutzambulanzen. „Alles Isy“ entlässt mit Fragen, aus denen dringend notwendige Gespräche werden können, aber er entlässt nicht hilflos. Er ist einer der wichtigsten Familienfilme dieses Jahres.

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