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SciFi-Thrillerserie „Devs“ : Sturz ins total Unmögliche

Die Hände, in denen unser Schicksal liegt, sind zwar groß, aber kindlich: Lily (Sonoya Mizuno) betrachtet ein Monument der Zukunft. Bild: Fox

Alex Garland hat einen Science-Fiction-Thriller inszeniert, der von Physik, Ökonomie und Angst erzählt. „Devs“ ist Serienkunst pur. Sie geht ans Eingemachte, direkt in Kopf und Herz und nie wieder weg.

          6 Min.

          Als der Programmierer Sergei kapiert, woran er arbeitet, steht er auf und drückt sich die Handballen in die Augenhöhlen, bis sich die Finger zu Krallen biegen. Weinend geht er auf die Knie und übergibt sich ins Klo. Sein Wissen darf er nicht weitergeben. Er versucht es trotzdem und wird erwischt. Sein Chef Forest stellt ihn, ein Mann, dessen Augen aussehen, als hätte er sie sich tausend Jahre lang kaputtgeguckt und leergeweint. Seine Haut spannt sich als mikroporöse Salamischicht über seltsamen Gefühlen. Der wild bärtige und zerzauste Mann leitet eine Computerfirma, die Amaya heisst, wie seine verstorbene Tochter. Eine gigantische Statue des toten Kindes im Stil von Ron Mueck oder David Mesguich steht auf dem Firmengelände.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Weiter waldeinwärts duckt sich hinter Bäumen, um deren Stämme Lichtreifen schweben, der Bunker der Amaya-Abteilung „Devs“ (scheinbar von „Development“ wie in: „Forschung und Entwicklung“, der wahre Sinn des Namens ist Betriebsgeheimnis). Hinter dicken Betonwänden und Goldgittergewebe summt und knistert eine unmögliche Maschine zwischen elektromagnetischen Dämpfern in einem Menger-Schwamm. Das ist ein Würfel, dessen Räumlichkeit nicht wie bei zwei- oder dreidimensionalen Sachen von einer ganzen Zahl benannt wird, sondern in gebrochenen Größen, fraktal. Die Maschine, Springbrunnen aus Weltlinien, Hochzeitstorte mehrwertiger Logik, ist ein Quantencomputer. Sergei fragt, wie viele Qubits, also Grundrecheneinheiten der Quanteninformatik, das Ding verarbeiten kann. Forest antwortet: „Eine Zahl, die sich nicht mehr als Zahl schreiben lässt.“ Im Guckfeld dieser Maschine wischt weißer Lichtstaub um grobkörnige Menschenbilder, Schatten, Rieseln und Rauschen. Was sieht man hier? Ist das Jesus am Kreuz? Tatsächlich? Vergangenheit, Wahrheit, Metaphysik?

          Viel unheimlicher: Es geht um Ökonomie, nämlich einen Versuchsaufbau zum berühmten Aufsatz „A Market for Lemons“, in dem George A. Akerlof 1970 bewies, dass der freie Markt als Werkzeug hochwertiger Produktion nicht funktioniert, wenn die Informationszugänge der Marktbeteiligten ungleich gut sind. Wie wir heute wissen, wird das Dilemma nicht besser, sondern schlimmer, wo Produkt wie Rohmaterial „Information“ heißen. Kritik an Google, Facebook, Twitter und tutti quanti beklagt Steuerflucht, Arbeitsunrecht und andere überschaubare Regelverstöße; „Devs“ aber geht weiter und dramatisiert die Frage der Informationsmacht nicht bloß als Fairnessproblem, sondern als Hirnthriller und Seelenhorror. Leute werden mit Plastiktüten erstickt, in der Wanne gefoltert, im Parkhaus abgemurkst, vor allem aber stürzen sie von hoher Warte, denn „Sturz“ heißt: Mensch gegen Schwerkraft; das Bewusstsein gegen ein Universum, dem wir gleichgültig sind.

          In was für eine Geschichte ist er da hineingeraten? Karls Glusman spielt den Programmierer Sergei.
          In was für eine Geschichte ist er da hineingeraten? Karls Glusman spielt den Programmierer Sergei. : Bild: Fox

          Was hilft dagegen? Wissenschaft und Technik, Vorhersage und Vorbereitung. Sergei zum Beispiel, der Datendieb bei Amaya, hat einen Algorithmus geschrieben, der das Verhalten eines Nematodenwurms auf mehrere Sekunden vorausberechnet. Weil das eine irre Komplexitätsbewältigung verlangt, ist Sergeis Chef Forest beeindruckt und holt ihn in die Devs-Abteilung. Diesen Chef spielt Nick Offerman, bekannt aus „Parks and Recreation“ und überhaupt als Komödiant; hier kann er endlich sein volles Pfund Können in einen Film buttern, weil der Drehbuchautor und Regisseur Alex Garland bei „Devs“ die Besten braucht – und sie zum Spitzenspiel treibt.

          So gibt der Fernsehveteran Stephen McKinley Henderson den Techniker Stewart, einen äußerlich behäbigen, aber blitzgescheiten Buddha der digitalen Arbeitswelt (jedes Grummeln aus seinem Bauch spricht von Verantwortung für Tools und Systemarchitektur), und seinen blutjungen Sparringspartner Lyndon spielt die zurückhaltende Cailee Spaeny, der man den Knaben komplett abnimmt, der sich für nichts anderes zu interessieren scheint als für verkettete Fehlerkorrekturen zum Zweck der Entkopplung der Wahrscheinlichkeit eines falschen Outputs von der Programmlänge beim Quantenrechnen.

          Der Mann weiß mehr, als für Menschen gesund ist: Forest (Nick Offerman).
          Der Mann weiß mehr, als für Menschen gesund ist: Forest (Nick Offerman). : Bild: Fox

          Noch überzeugender allerdings schlägt sich Alison Pill, der pure Sachverstand als kühle Blondine. Manchmal, wenn sie besonders irre Fragen beantwortet, scheint sie zu vergessen, dass ein Mensch sie gestellt hat, und redet direkt mit dem Problem (gibt es Pilotwellen „hinter“ der Quantenwelt? – solches Zeug). In „Star Trek: Picard“ hat Alison Pill jüngst schon als KI-Expertin das Abgehobenste mit sparsamen Worten und Gesten auf die Erde geholt; aber während man im „Star Trek“-Erzähluniversum noch an Moral glaubt, vollstreckt Katie, die Rolle, die Pill in „Devs“ spielt, mit sanfter Unerbittlichkeit das Urteil, das der Philosoph Stephen Kershnar in der Abhandlung „Total Collapse: The Case against Responsibility and Morality“ (2018) jeder ethischen Kanzelkultur gesprochen hat: Entscheidungen verdienen weder Lob noch Tadel, Werte sind Wind.

          Verglichen mit dem AmayaSicherheitschef Kenton, von Zach Grenier als bizarre Kreuzung aus Udo Kier und Bruno Ganz verkörpert, ist Katie freilich noch ein Engel. Gegen diesen kalten Kerl hat weder Karl Glusman als Programmierer Sergei noch Jin Ha als Hacker Jamie eine Chance, dabei wollen beide gar nicht viel, nur eine Frau namens Lily für sich gewinnen.

          Lily ist Heldin und Herz von „Devs“. Wie ihr Freund Sergei arbeitet sie bei Amaya. Aber er verschwindet, und dann führt man Lily Bilder einer Überwachungskamera vor, die ihn beim Suizid zeigen, und schließlich eine verkohlte Leiche. Wie Lily in dieser Szene ihre im Schock aus dem Kopf gefallene Seele da als hörbaren Atemzug in die Lungen zurücksaugt, das zerreißt jede Dramaturgie und spricht den politischen Kern der Show aus: Information ist Grundrecht, alles andere ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

          Geheimnisträger: Alison Pill als Katie, Nick Offerman als Forest.
          Geheimnisträger: Alison Pill als Katie, Nick Offerman als Forest. : Bild: Fox

          Von diesem Kernsatz aus begleitet „Devs“ Lily, also die unglaubliche Sonoya Mizuno, mit Respekt und Liebe in den innersten Kreis der Hölle. Der Serienschöpfer Garland kann unterwegs seine größte Stärke zeigen: dass er weiß, wie Mathe-Menschen, Laborprofis, Quants, einfach: „Gehirntiere“ (Arno Schmidt) ticken.

          Schon die Filme „Ex Machina“ (2014) und „Annihilation“ (2018) zitterten mit der heiligen Ungeduld solcher Leute; in „Devs“ lauert sie in Forest, bis es zu spät ist, und zwingt Katie dazu, das Quantentheorie-Seminar an der Uni zu verlassen, weil die Professorin statt der von Mathe und Experiment gestützten Vielweltenlehre des Physikers Hugh Everett dualistischen Bullshit über Mikro- und Makrorealität lehrt.

          Wie in einem James-Bond-Film im Grunde jede Sequenz eine Sexszene ist, will bei Alex Garland jeder Moment auf einen Gedanken hinaus. „Devs“ erniedrigt in diesem Zeichen seine Stoffe aus Wissen und Technik, anders als der landläufige Science-Fiction-Dilettantismus, nie zur Dekoration, sondern will rastlos wissen, wie Dinge und Leute funktionieren. Das Publikum sollte diese Neugier teilen, muss aber, um „Devs“ genießen zu können, nicht wissen, was Kapazitätsdimensionen (Menger-Schwamm!), Kolmogorow-Komplexitätsmaße (Rechnen!) und Zustandsvektoren (Quantenwahnsinn!) sind oder wer Bohm und de Broglie waren – das kann man alles hinterher googeln oder nicht, wichtiger ist Kunstsinn.

          Einmal unterhalten sich Stewart und Dylan bei der Arbeit darüber, was „man“ kennen muss, um gut zu leben. Der Ältere weiß es: Musik, zum Beispiel von John Coltrane oder Johann Sebastian Bach. Hier souffliert der Schriftsteller („The Beach“, „The Tesseract“) und Filmemacher Garland seiner Figur direkt; „Devs“ ist ein Kunstwerk, kein Kurs in Quantenbit-Detektion. So tummeln sich Schönheit und Licht hier in kleinsten Ritzen, leisesten Momenten, San Francisco im Nebel, Waldweben, Gold wie Glas: Was illustrieren diese Bilder? Einen philosophischen Schaukampf zwischen den beiden unvereinbaren Positionen „der menschliche Wille ist frei“ und „Naturgesetze schlagen in jedem Willensakt deterministisch, also unerbittlich, durch“?

          „Devs“ versteht zweierlei, was so einen Streit erübrigt: 1.) Da ein Wille immer auf etwas gerichtet ist, das im vorhandenen Ereignisraum angeboten wird, ist er eh nie „frei“ im Sinne von „beliebig“, sonst wäre er kein Wille; die Information, anhand derer er wählt, ist indes meist unvollständig, und 2.) „Determinismus“ verwechselt die Erklärkraft der Wissenschaft („Ich kann viele Möglichkeiten auf eine probabilistische Gleichung, ein Gesetz runterrechnen“) mit einer Eigenschaft der Welt. Modelle können reduktionistisch sein, Sachverhalte nicht. Der Satz „die Wirkung geht auf die Ursache zurück“ beschreibt einen Gedanken, kein Ereignis: Wirkungen gehen nirgends hin und können allenfalls wieder Ursachen für anderes werden.

          Viel interessanter als solche Schlaglöcher auf den Landstraßen der Erkenntnis ist eine Genrefrage: Warum gibt es seit einiger Zeit so viele Serien, in denen die Handlungsführung abwechselnd vorwärts, rückwärts und seitwärts schielt, bis das gesuchte Signal sich aus dem Rauschen schält? „Lost“, „Legion“, „The Leftovers“, „Mr. Robot“, die erfreuliche deutsche Überraschung „Dark“: Was bedeutet das alles?

          Das bedeutet, dass Serienformate besonders geeignet sind, die Ungleichzeitigkeit menschlicher Bemühungen gegen tendenzielle Individualvereinsamung und Massenverblödung (Verschwörungstheorien!) im Infokapitalismus zu untersuchen. Wenn mich ein Freund anruft, während er frei hat und ich am Schirm arbeite, tun unsere Geräte so, als wären wir im selben Raum, aber die Taktung der Erlebnisse ist so krass verschoben, als wären wir auf verschiedenen Planeten. So verdienen immer mehr Leute ihr Geld, und dieses Geld ist, außer mancherlei sonst, auch ein Wechsel auf zukünftige Arbeit, eine Art Leistungs-zeitmaschine, wie Karl Marx 1844 das in den Pariser Manuskripten entschlüsselte.

          Der seltsame Zusammenhang greift bis ins Privateste: Selbst in der gemeinsamen Wohnung können zwei Liebende, wenn die Bude auch nur von einem von ihnen als Homeoffice genutzt wird, sich plötzlich vorkommen wie in einer Fernbeziehung. Was man in Frankfurt tippt, liest man vielleicht in China. Die chinesische Transfrau in „Mr. Robot“, die das Geheimnis dieser Ungleichzeitigkeit zur Waffe macht, heißt „Whiterose“, ist ein Anagramm von „otherwise“: anderswo, anderswann. Soll heißen: „Soziale Kohärenz und Dekohärenz qua Ungleichzeitigkeit“ ist das Generalthema gegenwärtiger Science-Fiction, in Film und Fernsehen wie in der Literatur (zuletzt wegweisend gestaltet in „Agency“ von William Gibson und „The Future of Another Timeline“ von Annalee Newitz).

          Solche Spekulation lebt, wie Kunst stets, vom Überschreiben und Unterlaufen des Gegebenen: Coltrane spielt Saxophon, Bach komponiert, Alex Garland dreht einen Film. Kunst verteidigt Menschen und Gottheiten gegen Unvermeidliches – Altern, Verlust, Tod: Jesus seufzt am Kreuz. Forest blinzelt. Lily atmet.

          Devs startet heute um 21 Uhr bei Fox und ist verfügbar bei Magenta TV.

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