https://www.faz.net/-gqz-9f54p

„Presidential Alerts“ : Alarmierendes in der Sendewarteschleife

  • -Aktualisiert am

Kam nicht überall gut an: Eine „Presidential Alert“-Nachricht des Katastrophenwarnsystems der FEMA Bild: EPA

Warnungen nach dem Zufallsprinzip: In Amerika hat die Katastrophenschutzbehörde FEMA mit den „Presidential Alerts“ ein Warnsystem getestet, das bisher alles andere als flächendeckend funktioniert und zum Lacher der halben Nation wurde.

          Mit einem durchdringenden Warnton machten sich am Mittwoch manche amerikanischen Handys bei ihren Besitzern bemerkbar. „Presidential Alert“ stand da auf dem Schirm, und gleich dahinter: „Dies ist ein Test des National Wireless Alert System. Es ist keine Reaktion notwendig.“

          Der Test wurde schnell zum Lacher der Nation - nicht nur wegen seines Titels, der von manchen Leuten für eine Parodie gehalten wurde. Aufgeregte Warnungen des Präsidenten hagelt es schließlich fast stündlich bei Twitter. Sondern auch, weil viele Handys still blieben, manche die Botschaft erst viel später erhielten, und die Katastrophenschutzbehörde FEMA, die seit Jahren an einem umfassenden Warnsystem für die amerikanische Bevölkerung arbeitet, um Erklärung rang: Wer gerade Daten auf seinem Handy übertrug oder ein langes Telefongespräch führte, könnte die Nachricht nicht erhalten haben, hieß es, ausgeschaltete Handys oder solche, die sich nicht in Reichweite eines Netzwerks befanden, waren womöglich ebenfalls nicht erreichbar.

          Alles andere als flächendeckend

          In dem ungeschickt betitelten Test, der eigentlich bereits im vergangenen Monat stattfinden sollte, aber durch den Wirbelsturm Florence vertagt wurde, kulminiert die jahrelange Arbeit verschiedener amerikanischer Behörden an der Entwicklung eines umfassenden Katastrophenwarnsystems.  Drei Viertel der 225 Millionen Handybesitzer sollte er erreichen. Aber wie sich zeigte, war die Test-Warnung alles andere als flächendeckend.

          Das Magazin „Wired“ sammelte via Twitter Daten von Lesern, die die Nachricht erhalten oder nicht erhalten hatten. Ein Muster ließ sich nicht erkennen – offenbar war es egal, ob man iPhone- oder Android nutzt, auch der Netzwerkbetreiber (Berichten zufolge nehmen sämtliche amerikanischen Handynetzbetreiber an dem neuen Warnsystem teil) spielte scheinbar keine Rolle dabei, ob man die Warnung bekommen hatte oder nicht.

          Seit 2006 erlaubt ein Gesetz die Versendung von Warnbotschaften von Regierungsbehörden an die Bevölkerung, und nach Angaben der Medienbehörde FCC ist dieses System seit 2012 über 40 000 Mal von lokalen Behörden genutzt zu worden, um vor Unwettern zu warnen oder auf die Suche nach vermissten Kindern aufmerksam zu machen. In den sogenannten Amber Alerts werden Fahrzeugdaten mutmaßlicher Kindesentführer verschickt, aber Nutzer können sowohl diese als auch die Wetterwarnungen in ihren Einstellungen blockieren. Die neuen „präsidialen Warnungen“ dagegen kann man nicht abschalten, was bereits vorab zu einem Sturm der Entrüstung geführt hatte.

          Ist das Warnsystem überhaupt verfassungsgemäß?

          „Darf Trump Ihnen texten, wann immer er möchte?“, fragte eine juristische Webseite mit Blick auf die missverständliche Namensgebung. Es bedurfte der Klarstellung, dass dies mitnichten ein persönlicher Kommunikationskanal des Präsidenten sei, sondern vielmehr ein Handy-Warnsystem der Federal Emergency Management Administration, das Amerikaner im Falle von Naturkatastrophen, terroristischen Attacken oder anderen öffentlichen Notlagen benachrichtigen soll.

          Ob die flächendeckende Versendung von SMS-Nachrichten durch die US-Regierung indes überhaupt verfassungsgemäß geregelt ist, wird bezweifelt. In New York ist ein Gerichtsverfahren anhängig, das sich gegen den potentiellen Missbrauch des Warnsystems als „Lautsprecher der Regierung“ wendet. In den Richtlinien des Warnsystems heißt es, dieses dürfe „außer zu Testzwecken nicht zur Übertragung von Botschaften benutzt werden, die nicht Bezug auf eine Naturkatastrophe, einen terroristischen Akt oder andere menschengemachte Katastrophen oder Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit nehmen.“ Die Kläger bemängeln, diese Definition sei zu vage.

          Unterdessen entsponnen sich im Internet amüsierte Reaktionen auf die „präsidialen Warnungen“ per SMS – von vielen wurden sie mit Blick auf die Kommunikationskultur der aktuellen Regierung rundweg abgelehnt. „Danke, ich passe“, schrieb ein „Wired“-Leser auf dem Twitter-Feed des Magazins, ein anderer forderte: „Gebt ihm doch nicht noch mehr Knöpfe zum Drücken!“ Ein dritter erklärte: „Ich war nie glücklicher, Kanadier zu sein“. Der Late Night-Talker Jimmy Kimmel tweetete über einem getürkten „Presidential Alert: Witch Hunt, Crooked Hillary, No Collusion, Confirm Kavanaugh, #MAGA“: „Hat noch jemand dies erhalten?“, und der Zoo der Stadt Houston nahm die Debatte zum Anlass, sein neugeborenes Elefantenbaby zu bewerben: „Dies ist ein Test des Warnsystems für niedliche Baby-Elefanten. Es ist keine Reaktion notwendig.“ Die Human Rights Campaign postete eine Variante, in der zu lesen war: „Dies ist ein Test der Demokratien unserer Nation. Es vebleiben nur noch 34 Tage bis zu den Midterm-Wahlen. Registrieren Sie sich zur Wahl – eine Reaktion ist notwendig.“ Auch die Realityshow „Jersey Shore“ machte sich über den Presidential Alert lustig, und die amerikanischen Medien, darunter die Tageszeitung „USA Today“ und das Magazin „People“, beeilten sich, Kompilationen der besten Memes und Parodien zusammenzustellen.

          FEMA ist nun damit beschäftigt, die Reichweitenprobleme des neuen Warnsystems zu beseitigen. Und hoffentlich damit, einen neuen, ernstzunehmenden Titel für ihre Katastrophenwarnungen zu finden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.