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Alan Rusbridger : Ein Mann mit dem Blick fürs Ganze

  • -Aktualisiert am

Räumt nach gut 20 Jahren den Chefredakteursposten beim „Guardian“: Alan Rusbridger Bild: AFP

Als Chefredakteur gab Alan Rusbridger dem britischen „Guardian“ ein modernes, frisches Profil. Ob sich seine Digitalstrategie einmal auszahlt, ist noch nicht abzusehen. Mit seinem für das Jahr 2016 angekündigten Rücktritt legt er sie in jüngere Hände.

          In einer Branche, in der Hektik zur DNA gehört, wirkt Alan Rusbridger stets wie die Ruhe selbst. In seinen fast zwanzig Jahren als Chefredakteur des „Guardian“ hat er dem 1821 aus der Reformbewegung hervorgegangenen Blatt seinen Stempel aufgeprägt, ohne die Stimme zu erheben oder sich allzu sehr ins Tagesgeschäft einzumischen. Das überlässt er seinen Stellvertretern, während er sich um das große Ganze kümmert.Rusbridgers undurchsichtige Zurückhaltung verleitet Mitarbeiter in vorauseilendem Gehorsam zu raten, was ihm behagt. Bei der morgendlichen Themenkonferenz sitzt der Chefredakteur, der mit seinen 61 Jahren wie ein großgewordener Harry Potter aussieht, in der Mitte der Runde und macht im Flüsterton sparsame Kommentare, als beschäftige ihn das alles wenig. Auch politisch ist er schwer festzunageln. Sein Augenmerk gilt eher der politischen Kultur als den Niederungen des parteipolitischen Gerangels, weshalb der „Guardian“ sich in der Ära-Rusbridger vor allem durch die Berichterstattung über Themenkomplexe hervortat, die weitreichende Fragen über die Welt aufwerfen, in der wir leben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dazu zählen freilich von der Wikileaks-Affäre und den Snowden-Enthüllungen ausgelösten Debatten sowie investigative Berichte über die Steuerarrangements von Großkonzernen und die Abhörpraktiven bei Murdochs „News of the World“, die schließlich zur Einstellung des Massenblattes führten.

          Linksliberale Grundsätze

          Der „Guardian“, einst die geistige Heimat linker Studienräte, Beamter und sandalentragender Idealisten, hat unter Rusbridger einen urbaneren Anstrich bekommen. Während die „Times“ nach rechts rückte, warb Rusbridgers „Guardian“, ähnlich Tony Blairs „New Labour“, mehr um die Mitte, ohne freilich seine linksliberalen Grundsätze zu vergessen. Vor allem hat Rusbridger die Digitalisierung vorangetrieben, neue Plattformen geschaffen und Akzente gesetzt, die dem Blatt ein frischeres Profil geben. Noch bevor er zum Chefredakteur avancierte, hat er den Inhalt erweitert durch zwei Beilagen, „Guardian Weekend“ und „G2“, die einen unterhaltsameren, ironischen Ton anschlagen, von der alten Garde allerdings als seicht empfunden werden.

          Es ist schwer mit seiner Aura des Intellektuellen in Einklang zu bringen, dass Rusbridger, der in Cambridge englische Literatur studierte und als ehemaliger Chorschüler ein passionierter Liebhaber der klassischen Musik ist, im Kampf um die Seele des „Guardian“ damals als Leichtgewicht galt, weil er populäre Themen nicht grundsätzlich ablehnte. Inzwischen wird Rusbridgers „Guardian“ als Zeitung wahrgenommen, die in einem Klima allgemeiner Verdummung, mitunter etwas selbstgerecht, für den Qualitätsjournalismus einsteht.

          Beharren auf den „offenen Journalismus“

          Es ist symptomatisch für den rapiden Wandel in der Zeitungsbranche, dass zu Rusbridgers Amtsantritt im Februar 1995 in der Redaktion gerade darüber gestritten wurde, ob man von Schwarz-Weiß-Bildern zu Farbe übergehen solle. Heute muss die gedruckte Zeitung, deren Auflage in den letzten sechs Jahren von 350.000 Exemplaren um etwa die Hälfte geschrumpft ist, mit einer untergeordneten Stellung hinter dem Online-Geschäft Vorlieb nehmen. Und die große Frage ist, ob sich Rusbridgers umstrittenes Beharren auf den „offenen Journalismus“ ohne Bezahlgrenzen rentieren kann. Der Einbruch der Haupteinnahmequelle des „Guardian“, nämlich die Stellenanzeigen im öffentlichen Dienst, wird durch die Online-Erträge noch lange nicht wettgemacht.

          Obwohl die Website mit Außenposten in den Vereinigten Staaten und Australien monatlich 111,5 Millionen Nutzer weltweit erreicht, mehr als irgendein anderer seriöser englischsprachiger Titel, schrieb der „Guardian“ im vergangenen Jahr einen Verlust von 30,6 Millionen Pfund. Jetzt findet Rusbridger, es sei an der Zeit, den nächsten Schritt der Digitalisierung in jüngere Hände übergeben.

          Er wird den Chefredakteursposten nach der parlamentarischen Wahl räumen und im Jahr 2016 den Vorsitz der nach dem ehemaligen Besitzer benannten Scott-Stiftung übernehmen, die 1936 gegründet wurde, um die Zukunft des „Guardian“ auf ewig zu sichern. Die Redaktion stimmt zwar über den nächsten Chefredakteur ab, jedoch ist die Entscheidung nicht bindend. Rusbridger, der bereits Mitglied des Stiftungsvorstandes ist, dürfte ein starkes Wort mitreden.

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