https://www.faz.net/-gqz-865lv

Der Fall Mohamed Fahmy : Qatar macht Journalisten zu Kanonenfutter

Mohamed Fahmy sagt, Al Dschazira betreibe Propaganda und setze Korrepondenten wissentlich der Gefahr aus, als Spione der Muslimbrüder zu gelten. Bild: AP

In Kairo steht Al Dschaziras früherer Bürochef vor Gericht: Mohamed Fahmy soll die Muslimbrüder unterstützt haben. Er klagt jedoch selbst – gegen die ägyptische Justiz und seinen alten Arbeitgeber. Und da wird es interessant.

          An diesem Donnerstag hätte sich das Schicksal von Mohamed Fahmy entscheiden sollen.* Die Verhandlung wurde nach einem Bericht der staatlichen Zeitung „Al-Ahram“ kurzfristig wegen der Erkrankung des Richters vertagt. Jetzt soll nach Angaben der Zeitung „Youm7“ am 8. August die nächste Sitzung sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Entweder verlässt Fahmy dann den Gerichtssaal in Kairo als freier Mann, womit er kaum zu rechnen wagt. Oder er wird wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu mehrjähriger Haft verurteilt. Es könnte auch sein, dass er, wie sein australischer Kollege Peter Greste, ausreisen darf, ganz gleich, wie der Prozess endet. Fahmy besitzt seit langem einen kanadischen Pass, seine ägyptische Staatsbürgerschaft hat er aufgegeben. Gearbeitet haben er, Greste und der dritte Mitangeklagte Baher Mohamed für den qatarischen Sender Al Dschazira. Die Terrorgruppe, die sie angeblich unterstützt haben sollen, sind die Muslimbrüder.

          Der Prozess gegen die sogenannte „Marriott-Zelle“ – die drei Angeklagten waren vor anderthalb Jahren in einem Marriott-Hotel festgenommen worden – sorgt international für Aufsehen, zeigt er doch auf eklatante Weise, wie das ägyptische Regime gegen die freie Presse vorgeht. Die Organisation Reporter ohne Grenzen nennt das Verfahren „eine Farce“. Auch als Beispiel für den Machtkampf zwischen Kairo und Qatar kann der Prozess interpretiert werden. Die Journalisten gelten als Faustpfand der Regierung al Sisi. Dass diese allerdings auch Grund hat, mit Al Dschazira abzurechnen, hat Mohamed Fahmy jetzt selbst dargelegt: Er klagt seinen alten Arbeitgeber an.

          Al Dschazira behinderte Fahmys Verteidigung

          Al Dschazira, schrieb Fahmy in der „New York Times“ und in einem umfangreichen Dossier für den Thinktank „Washington Institute“, habe die Journalisten seines englischsprachigen Programms, dessen Bürochef Fahmy in Kairo war, gegen deren Willen und ohne deren Wissen für Propaganda missbraucht. Die Beiträge, die er und seine Kollegen absetzten, seien nämlich im arabischen Programm von Al Dschazira, Mubasher Misr, falsch übersetzt, in andere Zusammenhänge gesetzt und mit einer die Muslimbrüder unterstützenden propagandistischen Diktion versehen worden.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Als die Muslimbrüder noch an der Macht gewesen seien, schreibt Fahmy, habe sich Mubasher Misr zum Verlautbarungsorgan des damaligen Präsidenten Mursi entwickelt und habe seine Linie auch nach dessen Sturz nicht verändert. Das Programm werde heute in der Senderzentrale in Doha produziert und strahle ohne Lizenz nach Ägypten aus. Damit setze Al Dschazira die angeklagten Journalisten wissentlich der Gefahr aus, als Spione oder Unterstützer der Muslimbrüder verurteilt zu werden: Korrespondenten als Kanonenfutter. Einer ihrer Anwälte, so Fahmy, habe deshalb sein Mandat niedergelegt – weil der Arbeitgeber seiner Mandanten durch sein Handeln fortwährend deren Leben gefährde und seine Verteidigung behindere. Inzwischen wird Mohamed Fahmy von der Anwältin Amal Clooney vertreten. Er verklagt Al Dschazira seinerseits auf Schadensersatz von 83 Millionen kanadischen Dollar.

          Nachhaltiger Objektivitätsverlust

          Im Februar dieses Jahres war Mohamed Fahmy mit seinen beiden mitangeklagten Kollegen aus der Haft freigekommen, aber nicht freigesprochen worden. Das letzte Wort des Richters folgt erst jetzt. In seiner 411 Tage währenden Untersuchungshaft sei er, berichtet Fahmy, auch dem Gerücht nachgegangen, dass Al Dschazira Aktivisten der Muslimbrüder beschäftigte – als ein solcher wurde er ja selbst verdächtigt. Dabei habe er bei Recherchen unter Mithäftlingen herausgefunden, dass Al Dschazira tatsächlich in großem Stil Aktivisten der Muslimbrüder angeworben habe, als „Bürgerjournalisten“ sozusagen, die ihr Salär wiederum direkt für Aktionen der Bewegung verwendet hätten.

          Eine Islamisierung des Programms und Hinwendung zu den Muslimbrüdern sei ohnedies schon seit längerem zu verzeichnen gewesen unter der Ägide des Chefredakteurs Wadah Khanfar, der im Sommer vor einem Jahr zur „Huffington Post“ wechselte, um deren Dienst im Mittleren Osten aufzubauen. Der startete am Montag – begleitet von der Zusicherung der Verlegerin Arianna Huffington, für Autoren von „HuffPost Arabi“ die Anwaltskosten zu übernehmen, sollten sie wegen ihrer Artikel mit Regierungen in der Region in juristische Konflikte geraten. Khanfar werden auch enge Kontakte zu amerikanischen Geheimdiensten nachgesagt.

          Einst der Wahrheit verpflichtet

          Was Mohamed Fahmy von der jetzigen Regierung in Kairo hält, hat er in den vergangenen Tagen unter anderem im Gespräch mit kanadischen Zeitungen unmissverständlich ausgedrückt: Pressefreiheit existiere für die Regierung al Sisi nicht. Fahmy leuchtet aber zugleich einen blinden Fleck der hiesigen Wahrnehmung aus: Al Dschazira ist mitnichten der ehrliche Makler, als den das Herrscherhaus von Qatar den Sender gerne ausgibt, sondern ein Instrument der Außenpolitik, das seine Nachrichtengebung an strikten politischen Vorgaben ausrichtet, also Propaganda reinsten Wassers betreibt, die weltweit nicht direkt auffällt, weil sich das englischsprachige Programm vom seinem arabischen Pendant deutlich unterscheidet. Al Dschazira auf Englisch dient, so wie Mohamed Fahmy es schildert, als schöne Kulisse für die internationalen Beobachter. Zur Sache geht es dann im Originalprogramm.

          Diese Einschätzung eines Insiders deckt sich eins zu eins mit den Erfahrungen, die der frühere Berlin-Korrespondent von Al Dschazira, Aktham Suliman, machen musste und die ihn im Oktober 2012 bewogen hatten, seinen Job nach zehn Jahren Korrespondententätigkeit hinzuwerfen. In dieser Zeitung beschrieb er unter dem Titel „Vergiss, was du gesehen hast“, wie die Chefredaktion und die Senderleitung Al Dschazira mehr und mehr in einen Propagandakanal verwandelten. „Der Nachrichtensender Al Dschazira war der Wahrheit verpflichtet. Jetzt wird sie verbogen“, schrieb Suliman damals, nannte viele Beispiele und verwies auf weitere Kollegen, die bei diesem Kurs nicht hatten mitmachen wollen und gingen. Sulimans Fazit klang wie das seines Kollegen Mohamed Fahmy, der jetzt in Kairo vor Gericht steht: „Es geht um Politik, nicht um Journalismus.“ Am Donnerstag wird sich erweisen, ob Mohamed Fahmy ein Opfer dieser Art von Politik wird.

          Weitere Themen

          Ihr habt mehr Zeit für das Museum der Moderne!

          F.A.S. exklusiv : Ihr habt mehr Zeit für das Museum der Moderne!

          Wenn wir jetzt nicht bauen, verlieren wir die Sammler! So drohen die Verantwortlichen für das Berliner Museum der Moderne. Stimmt nicht, sagt die Sammlung Marx gegenüber der F.A.S. Was treibt die Politik zur Eile? Schaut sie nicht auf die Kosten?

          Topmeldungen

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.