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„Al Dschazira Englisch“ : Die Abschiede werden bedauert

  • -Aktualisiert am

Im Sendezentrum von El Dschazira Englisch in Doha Bild: AP

Einige bekannte Journalisten haben den Sender verlassen. Zudem ist ihm in „BBC Arabic“ ein sehr ernstzunehmender Konkurrent erwachsen: „Al Dschazira Englisch“ sucht nach seinem Profil.

          „Keine Angebote“, heißt es derzeit in der „Job“-Rubrik auf der Internetseite des Nachrichtenkanals „Al Dschazira Englisch“. Dabei werden bei dem Sender aus dem Golfscheichtum Qatar, der im November 2006 als englischsprachiger Ableger des arabischen Senders Al Dschazira startete und es mit der BBC und CNN International aufnehmen sollte, gerade einige Stellen frei. Über fünfzehn Mitarbeiter haben bei AJE, wie der Sender nach seiner englischen Schreibweise abgekürzt wird, in den vergangenen zwei Monaten gekündigt. Darunter waren der amerikanische Fernsehveteran David Marash, der Anchorman des Büros in Washington, und der Nachrichtenchef Steve Clark in der Zentrale in Doha, einer der „Väter“ von AJE.

          Marash, früher bei der angesehenen „Nightline“-Nachrichtensendung des amerikanischen Networks ABC, erklärte seinen Abschied unter anderem mit der „antiamerikanischen Voreingenommenheit“, die er nicht bei seinen arabischen Kollegen, sondern beim britisch dominierten AJE-Management angetroffen habe. Diese „reflexhafte, stereotype, gegnerische Haltung“ habe ihn zuletzt verärgert, sagte Marash. Auch habe AJE seine Nachrichten zuungunsten eines eher analytischen, gemächlicheren Journalismus verändert. Das Washington-Büro wies diese Vorwürfe zurück: Marash habe gewusst, dass er als Moderator ausgetauscht werden sollte, um stärker als Reporter eingesetzt zu werden - man bedauere seinen Abschied.

          Sichtbarster Ausdruck der Unruhen, die den Sender von Anfang an begleiteten

          Der Abgang des vierundsechzig Jahre alten Marash, der letzten „echt amerikanischen“ Stimme von AJE, wird es dem Sender schwermachen, im Fernsehmarkt Amerika Fuß zu fassen, wo es der Kanal bis heute nicht in eines der großen Kabelnetze geschafft hat und eine entsprechend minimale Reichweite hat. Allerdings ist AJE über Breitband-Internet zu empfangen und auf dem Video-Portal YouTube der populärste Nachrichtenkanal. Insgesamt erreicht AJE nach eigenen Angaben rund hundert Millionen Haushalte in sechzig Ländern.

          Schwer wiegt auch die Kündigung von Steve Clark, der zu dem kleinen Kreis überwiegend britischer Nachrichtenprofis gehörte, der unter dem AJE-Geschäftsführer Nigel Parsons den Al-Dschazira-Ableger aufbaute. Sein Abschied war erwartet worden, nachdem seine Frau, die frühere AJE-Planungschefin Jo Burgin, gegen Al Dschazira eine Klage wegen „geschlechtlicher, rassischer und religiöser Diskriminierung“ angestrengt hatte, die derzeit noch läuft. Dies wiederum war nur der sichtbarste Ausdruck der Unruhen, die den Sender von Anfang an begleiteten.

          Wie viel Zeit bleibt noch zur Selbst- und Sinnsuche?

          Zuletzt mehrten sich die Klagen der überwiegend westlichen AJE-Beschäftigten über gestrichene Vergünstigungen, mangelhafte Rentenpläne und Versuche redaktioneller Einflussnahme seitens des arabischen Muttersenders. Auch ein für die nächsten Monate erwarteter Relaunch sorgt für Unsicherheit ebenso wie die Befürchtung, Al Dschasira wolle seine Mittel auf das arabische Programm konzentrieren. Denn seit März mischt mit „BBC Arabic“ ein neuer Konkurrent auf dem Fernsehmarkt in Nordafrika und dem Mittleren Osten mit.

          „Die Zeit, in der Briten in einem qatarischen Unternehmen den Ton angeben würden, war wohl eher kurz zu bemessen“, meint Paul Gibbs lakonisch, der wie Clark als Programmdirektor zur Gründerriege gehörte, aber noch vor dem Start des Senders entlassen wurde, um - wie Paul Gibbs es darstellt -, „das englische Launch-Team auf Linie zu bringen“. Er sei rechtzeitig gegangen, meint Gibbs, und dies hätten ihm auch seine früheren Kollegen geschrieben. Das derzeitige AJE-Programm sei vernünftig und zuverlässig, aber etwas gesichtslos, fügt er hinzu.

          „Im Gegensatz zu seiner arabischen Schwester ist AJE noch dabei, seine Identität und seine globale Nische zu finden“, sagt Mohammed el-Nawawy, Koautor eines Buch über Al Dschazira, der in Amerika an der Queens-Universität in Charlotte (North Carolina) ein Forschungsprojekt zu AJE leitet. „Ich denke, das ist ein normaler Prozess für einen neuen Sender. Erst recht für einen wie AJE, der den Stimmlosen eine Stimme in einer Medienwelt geben will, die von kommerziellen Interessen dominiert wird.“ Die Frage sei allerdings, wie viel Zeit AJE zur Selbst- und Sinnsuche noch bleibt.

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