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Agentenaffäre „Celler Loch“ : Aktion Feuerzauber

  • -Aktualisiert am

Tatort-Besichtigung am „Celler Loch“, wo das RAF-Mitglied Sigurd Debus einsaß. Technische Hilfe bei der Sprengung leistete die Anti-Terror-Einheit GSG9. Eine einzigartige Affäre nahm ihren Lauf. Bild: Picture-Alliance

1978 sprengte der Verfassungsschutz ein Loch in die Mauer der JVA Celle, um Informanten in linke Terror-Kreise zu schleusen. Hinter der Aktion steckte ein ehemaliger „Spiegel“-Redakteur. Gastbeitrag über eine Spurensuche in Niedersachsen.

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          In einer warmen Sommernacht des 25. Julis 1978 gab es an der Außenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle einen lauten Knall; Justiz- und Kriminalbeamte entdeckten kurz darauf ein gesprengtes Loch von rund vierzig Zentimetern Durchmesser. Am Tatort an der Aller lagen auch noch ein Schlauchboot und ein paar Werkzeuge herum. Politik und Presse übernahmen bereitwillig die Erklärung der Niedersächsischen Landesregierung unter dem frisch gekürten Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU): Linksterroristen hätten mit der Sprengung vergeblich versucht, ihren in Celle einsetzenden Gesinnungsgenossen Sigurd Debus zu befreien. Schon bald kamen Gerüchte auf, so sei es nicht gewesen - aber erst acht Jahre später erbarmte sich ausgerechnet die gutbürgerliche „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ des anhaltenden Informantendrucks.

          Das war die eigentliche Bombe, denn das Ganze war tatsächlich eine Staatsaktion unter falscher Flagge; der niedersächsische Verfassungsschutz hatte unter operativer Beteiligung der Bundes-Elitetruppe GSG 9 das „Celler Loch“ selbst gesprengt. Ziel der Aktion: drei „intelligente anpolitisierte Kriminelle“ (so Albrecht) sollten als glaubwürdige Kombattanten und V-Männer in die Kreise von „Roter Armee Fraktion“ oder „Bewegung 2. Juni“ geschleust werden, zwecks weiterer Informationsgewinnung. Es war die Zeit nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers durch die RAF, und Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte höchstpersönlich um „exotische Lösungen“ zur Erledigung des deutschen Linksterrorismus gebeten. Ernst Albrecht fühlte sich herausgefordert.

          Allerdings hatte der niedersächsische Verfassungsschutz drei veritable exotische Kriminelle als Schein-Terroristen akquiriert: einen Jugoslawen, der nur gebrochen Deutsch sprach, einen anderen „Knasti“, der zuvor mit einem Panzer zwei Leute überrollt hatte (juristisches Ergebnis: zehn Jahre Haft), und dessen ebenfalls nicht sonderlich anpolitisierten Gefängniskumpel, der bei einer versuchten Festnahme einem Polizeibeamten in den Rücken geschossen hatte (gleichfalls zehn Jahre Haft). Der Jugoslawe, Jelko „Django“ Susak, sollte überdies in die kanarische „Befreiungsfront“ MPAIAC eingeschleust werden. Bei dieser skurrilen Ausweitung des Aufgabengebietes galt es, auch noch den in die Aufklärungsarbeit involvierten, ebenso mysteriösen wie kostspieligen „Privatagenten“ Werner Mauss bei Laune zu halten, und es sprangen für die Hannoverschen Verfassungsschutzbeamten auch schöne Dienstreisen nach Madrid und Las Palmas heraus.

          Denunziert und drangsaliert

          Heute lesen sich die Protokolle des 1987 eingesetzten parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den kombinierten Aktionen „Feuerzauber“, „Neuland“ und „Emsland“ wie Kapitel aus der Comicserie „Spion vs. Spion“ des MAD-Magazins, und für den damals (ohne Stimmrecht) beigeordneten grünen Landtagsabgeordneten Jürgen Trittin war das alles ein großes politisches Fest. Er konnte dabei zusehen, wie die Administration des niedersächsischen Ministerpräsidenten im Wochenrhythmus zerbröselte. Ernst Albrecht, der „Strahlemann“ und Jaspers-Schüler („Der Staat“) wurden abgewählt, 1990 kam Gerhard Schröder mit einer rotgrünen Koalition in Hannover an die Macht.

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