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„After Life“ bei Netflix : Mit seiner Trauer macht er alle wahnsinnig

  • -Aktualisiert am

Schwer auszuhalten: Den Tod seiner Frau vermag Tony (Ricky Gervais) nicht zu verwinden. Bild: Netflix

Die sarkastische Personifizierung seines Autors: In der Netflix-Serie „After Life“ zeigt der britische Komiker Ricky Gervais, wieso ihn Hollywood fürchtet.

          2 Min.

          Fünfundzwanzig Jahre lang waren Tony (Ricky Gervais) und Lisa (Kerry Godliman) so wahnsinnig glücklich, dass sie weder Kinder wollten (nervig) noch Karriere machen (überlange Bürozeiten ohne das Vergnügen der Gegenwart des Partners). Sie ertrugen die lästigen Eigentümlichkeiten des anderen mit großer Nachsicht (sie) und überraschten sich mit albernen Scherzen, die für manche ein fristloser Scheidungsgrund gewesen wären (hauptsächlich er). Kurzum, ihr Leben war perfekt.

          Bis Lisa an Brustkrebs starb und Tony als Witwer hinterließ. Und mit Videos aus dem Krankenhaus für die Zeit danach. Filme mit detaillierten Anweisungen zum Weiterleben und praktischen Tipps („Die Garage ist das Gebäude neben dem Haus“). Tony versucht es mit Suizid (geht schief, weil der Hund gefüttert werden muss), mit Therapie bei einem unsympathischen Psychiater mit Egoproblem, mit Whisky, mit Heroin, mit Sterbehilfe und schließlich mit der betäubenden Wirkung des Zynismus.

          Ein Wasserfleck, der aussieht wie Kenneth Branagh

          Mitgefühl sei Schwäche und Rücksichtnahme Idiotie, meint Tony. Er zählt darauf, mit jeder noch so erniedrigenden Gemeinheit davonzukommen, weil man Trauernden alles verzeiht. Und sollte der Mitleidsbonus aufgebraucht sein, bliebe der Exit-Plan B. Bis dahin jedenfalls nennt er Jesus vor seinem Grundschulneffen einen „Arsch“, weil er Lisa hat sterben lassen, und macht sich über seine Kollegen beim Gratis-Anzeigenblattt „Tambury Gazette“ lustig, weil sie glauben, Artikel über einen korpulenten Jugendlichen, der Parallel-Nasenflöten spielt, oder einen alten Mann, der fünfmal dieselbe Grußkarte mit der Post bekam, seien investigativer Journalismus.

          Das Problem: Es gibt immer noch Leute, die zu ihm halten. Sein liebenswürdiger Schwager Matt (Tom Basden), Herausgeber der „Tambury Gazette“, schickt ihn zu immer neuen Lokalsensationen, damit Tony unter Menschen ist. Menschen, die in die Zeitung kommen möchten. Etwa weil ein geplatztes Wasserrohr auf der Tapete einen Fleck erzeugt, der wie Kenneth Branagh aussieht. Oder wie die völlig unpolitischen Eltern, die ihrem Baby einen Seitenscheitel kämmen und mit Eyeliner ein Bärtchen malen, damit es als „Baby Hitler“ auf die Titelseite kommt. Oder wie Brian (David Earl), der stadtbekannte Irre, aus dessen Geschichte die Neue der Schreibertruppe tatsächlich ein großes Porträt macht.

          Alle sollen sich schlecht fühlen, weil er sich schlecht fühlt

          Tonys größeres Problem: Er ist eigentlich einer von den Guten. Jemand, der seinen an Alzheimer erkrankten Vater (David Bradley) jeden Tag im Pflegeheim „Herbstlaub“ besucht. Jemand, der mit der alten Lady auf der Friedhofsbank (Penelope Wilton) über Gott und die Welt und den Tod spricht. Und der, manchmal unfreiwillig, die wirklich bösen Knaben in die Schranken weist, weil er nichts zu verlieren hat. Oder doch. Vielleicht ein Date mit der robusthumorigen Pflegerin (Ashley Jensen) seines Vaters, die ihm vorwirft, wie ein Troll auf Twitter zu sein – alle sollen sich schlecht fühlen, weil er sich schlecht fühlt.

          Die sechsteilige Serie „After Life“ ist Teil eines umfassenderen Deals, den der britische Comedian Ricky Gervais („The Office“, als „Stromberg“ in Deutschland mit Christoph Maria Herbst) mit Netflix abgeschlossen hat. Dazu gehören mehrere Improvisations-Comedy-Shows, Filme und die tiefschwarze Tragikomödie über das (Weiter-)Leben eines Mannes, der sich weigert, so zu trauern, wie man es gemeinhin erwartet. In Tony wütet der Schmerz, und Gervais macht daraus eine Menge sehr komische Witze.

          Für Gervais ist die aufklärerische Pflege des sozialunverträglichen Geschmacklosen seit langem Programm. In Amerika, wo er einen Ruf als „Persona non grata“ Hollywoods genießt, hat er gleichwohl öfters die Verleihung der „Golden Globes“ moderiert. In dieser Serie verehrt eine der Hauptfiguren den Komiker Kevin Hart, der Gervais aktuell als Tabufigur der Glamourindustrie abgelöst hat. Wie Larry David in „Curb Your Enthusiasm“ ist auch Tony eine sarkastische Personifizierung seines Autors, aber Gervais lässt ihn nachsichtiger und erstaunlich menschenfreundlicher ins Leben zurückfinden, als zu erwarten war.

          After Life läuft bei Netflix.

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