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Frauen in Afghanistan : „Wir müssen von vorne beginnen“

  • -Aktualisiert am

Zarifa Ghafari beim Roundtable zur Lage der Frauen in Afghanistan in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen. Bild: Imago

Die Initiative „Defend Afghan Women’s Rights“ will Frauen in Afghanistan schützen. Auf einer Pressekonferenz berichtet Zarifa Ghafari, eine der ersten Bürgermeisterinnen Afghanistans, von einem gespaltenen Land.

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          Die Luftbrücke zur Evakuierung aus Afghanistan ist in der vergangenen Nacht eingestellt worden. Der zwanzigjährige Militäreinsatz westlicher Staaten wird beendet. Doch damit erlischt für viele auch die Hoffnung, der Herrschaft der Taliban und ihrer möglichen Rache an jenen, die mit westlichen Kräften zusammengearbeitet haben, zu entkommen. Die Ziele des Westens, insbesondere die Förderung des Rechts auf Bildung und die Stärkung der Gleichberechtigung von Frauen, seien auch die Ziele vieler Afghaninnen, die nun gezwungen werden zurückzubleiben. „Wir müssen komplett von vorne beginnen“, sagt Zarifa Ghafari, eine der ersten Bürgermeisterinnen Afghanistans, unter Tränen auf der gestrigen Pressekonferenz der neu gegründeten Initiative „Defend Afghan Women’s Rights“, die vom Centre for Feminist Foreign Policy und der deutsch-irakischen Nichtregierungsorganisation HÁWAR.help ins Leben gerufen wurde.

          Ghafari berichtet über ihr Heimatland, dem die Errungenschaften zweier Jahrzehnte nun wieder entrissen zu werden drohen. Sie selbst hat mehrere Mordversuche der Taliban überlebt und es auf einen der Evakuierungsflüge nach Deutschland geschafft. Vielen afghanischen Frauen ist das nicht gelungen, obwohl auch sie – Journalistinnen, Anwältinnen oder Aktivistinnen – ihr Leben für das Einhalten der Menschenrechte riskieren. Ghafari berichtet, dass die gezielten Tötungen von Dissidenten durch die Taliban erst ihren Anfang nehmen.

          Warum kam die Evakuierung so spät?

          Doch wer trägt die politische Verantwortung für diese Menschen? „Die Verantwortung Deutschlands für das afghanische Volk endet nicht mit dem Ende des Bundeswehreinsatzes – sie beginnt gerade erst“, sagt Düzen Tekkal, Mitgründerin von „Defend Afghan Women’s Rights“. Die Initiative steht in engem Kontakt mit Frauenrechtsorganisationen vor Ort und unterstützt diese durch gesammelte Spenden, einige auch bei der Flucht. Von der Bundesregierung fordert Tekkal einen Untersuchungsausschuss, der aufklären soll, warum die Evakuierung so spät und warum sie unkontrolliert stattfand. Das Versagen des Westens soll auch darüber hinaus aufgearbeitet werden: „Wir müssen ganz genau hinschauen, was aktuell dort passiert, aber auch was dort von den NATO-Staaten für Fehlentscheidungen getroffen wurden“, sagt Tekkal.

          Für afghanische Frauen spitzt sich die Lage vor Ort indes zu. Tekkal berichtet von Lehrerinnen, die – wenn sie überhaupt noch unterrichten dürfen – in der Schule permanent von Taliban beobachtet werden. Ein kritisches Wort habe Konsequenzen, im schlimmsten Fall den Tod. Die Initiative warnt auch vor dem schwindenden Zeitfenster, in dem Afghanistan im Fokus der Weltöffentlichkeit verbleibt. „Es fühlt sich so an, als würde Afghanistan von der Landkarte gestrichen werden“, sagt Marjan Haidar vom „Global Movement for Peace in Afghanistan“. Eine schwache Hoffnung sei die Vernetzung über soziale Medien, um von den herrschenden Taliban einigermaßen geschützt zu kommunizieren. In Zukunft müssten Wege gefunden werden, den Stimmen der afghanischen Frauen eine Plattform zu geben. Zarifa Ghafari will unterdessen auch aus Deutschland weiter für die Rechte ihrer Verbündeten in Afghanistan kämpfen. „Was mir Hoffnung gibt, ist, dass meine Generation niemals aufgeben wird. Auch wenn es für sie so schwer wird, in diesem Land gehört zu werden. Das Einzige, was wir tun können, ist, an der Seite des afghanischen Volkes zu stehen.“

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