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Faktenfinder : Fake News vom Oktoberfest

  • -Aktualisiert am

Sicher ist sicher: Polizeistreife auf dem Münchner Oktoberfest. Bild: Getty

Die AfD macht mit schlechten Besucherzahlen auf der Wiesn Wahlkampf, daran werden einige „Faktenfinder“ irre.

          Niemand erwartet normalerweise von einem Wahlplakat die absolute Wahrheit. Aber was ist 2017 schon normal? Die AfD hat nach dem ersten Wochenende der Münchner Wiesn eine Graphik veröffentlicht, auf der eine schlecht besuchte Feststraße zu sehen ist, und titelte dazu: „Oktoberfest: Gähnende Leere“. Das war eine klare Anspielung auf die ersten Tage, die nach unparteiischen Presseberichten aufgrund geringer Besucherzahlen „ruhig“ und „entspannt“ waren.

          Im Vorjahr hatte das Fest am ersten Wochenende nur 500000 Besucher zu verzeichnen, und diverse Medien beklagten damals tatsächlich „gähnende Leere“. Jetzt, 2017, waren es 600000. Die Zahlen sind nachvollziehbar: 2016 war das Wetter schlecht, und kurz zuvor hatte sich ein islamistischer Attentäter in Ansbach bei einem Fest in die Luft gesprengt. 2017 gab es am Eröffnungstag bei schlechtem Wetter einen schweren Anschlag auf die U-Bahn in London. Ähnlich schlecht besucht war ansonsten in den letzten zwanzig Jahren nur das erste Wiesn-Wochenende des Jahres 2001 – nach den Anschlägen auf das World Trade Center.

          Neben den Besuchern des Oktoberfestes schwankt auch ihre Zahl

          Man kann darüber streiten, ob es am Wetter, an den hohen Sicherheitsvorkehrungen oder den hohen Preisen liegt – ein Blick auf die langfristige Entwicklung der Besucherzahlen am ersten Wochenende lässt jedenfalls erkennen, dass die Zahlen zwischen 850000 bei schlimmstem Wetter und deutlich über einer Million Wiesn-Besuchern bei Kaiserwetter schwanken. 2001, 2016 und 2017 jedenfalls stellen die schlechtesten Jahre dar, mit höchstens zwei Dritteln der normalerweise erwarteten Besucher. Ob man das wie die AfD gähnende Leere nennen will, wenn man dazu ein ungünstiges Foto bringt, ist eine Frage der Gewichtung.

          Aber 2017 ist alles anders, und so fand sich im Internet schnell eine Koalition zusammen: Netzaktivisten, eine „Bild“-Redakteurin, eine SPD-Organisation und das Magazin „Quer“ vom Bayerischen Rundfunk zeigten die Graphik der AfD und behaupteten, das seien „Fake News“ oder eine „Wiesn Lüge“. Sie alle präsentierten dabei nicht den langjährigen Schnitt, an dem gemessen das Wochenende wirklich schlecht war, sondern den relativen Unterschied zwischen dem mit Abstand schlechtesten Wochenende 2016 und dem Auftakt 2017. Aus 300000 bis 400000 Besuchern weniger als im langjährigen Schnitt wurden so „100000 mehr Besucher“.

          Das drittschlechteste Wochenende der letzten zwei Jahrzehnte

          Nun sind Tweets durch die geringe Zeichenzahl in ihrer Aussage ebenso gehässig wie begrenzt und nicht wirklich der Ort für eine tiefergehende Recherche: Eine verkürzte Darstellung der Realität ist im Netz alles andere als selten, und auch die AfD hat ihre Sichtweise nicht statistisch durchgehend erhärtet. Dafür meldete sich aber das Projekt „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ unter der Leitung des NDR zu Wort.

          Faktenfinder ist der öffentlich-rechtliche Versuch, den Dingen glaubwürdig auf den Grund zu gehen, und titelte zu dem Plakat „AfD-Wahlkampf: Falschaussage zum Oktoberfest“. Dazu gab es dann noch ein ebenfalls kurzes Video, das in den Chor der AfD-Kritiker einstimmte: „#stimmtdas: Kommen weniger Besucher zum Oktoberfest?“, fragt die „Tagesschau“ mit der AfD-Graphik. Die Antwort – ganz im Stil kurzer Social Media Posts – gab es mit einem nach unten gereckten Daumen auch gleich: „Falsch. 600000 Besucher am ersten Wochenende. 100000 mehr als 2016.“ Im Text führt Kirstin Becker vom SWR dazu noch aus: „Laut Festleitung kamen am ersten Wochenende rund 600000 Besucher auf die Wiesn – das sind 100000 mehr als 2016. Gegenüber dem ARD-Faktenfinder erklärte die Oktoberfest-Pressestelle der Stadt München, dass die Besucherzahl im langjährigen Mittel liege.“

          Es ist völlig unbegreiflich, warum die Pressestelle der Stadt München diese 600000 und damit das drittschlechteste Wochenende der letzten zwei Jahrzehnte im langjährigen Mittel sehen sollte, das bei über 900000 Besuchern liegt. Ein Anruf bei der Pressestelle ergibt, dass man dort sehr genau weiß, dass das erste Wochenende weit hinter den Erwartungen zurückblieb und keinesfalls im langjährigen Mittel liegt. Die Aussage der ARD sei ein Missverständnis. Die Pressestelle habe sich allein auf die Schlusszahlen des Oktoberfestes bezogen, die bislang auch nach schlechten Auftaktwochenenden im langjährigen Mittel lagen. Aber eben nicht darauf, dass das erste Wochenende in diesem Mittel liege.

          Die AfD hat sich fraglos ihre eigene Sicht der Realität zurechtgelegt. Dagegengehalten wird von einer Koalition aus linken Aktivisten, Journalisten und Parteivertretern unter Verschweigen des Gesamtkontextes, der eher der AfD recht gibt. „[...]“– aber in Zeiten des Wahlkampfes nur zu gut ins politische Konzept des „Faktenfinders“ passt.

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