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Film über ADS : Können nur Tabletten diese Kinder retten?

  • -Aktualisiert am

Eine Familie, die zweifelt: Soll Merle (Greta Bohacek, ganz links) Tabletten schlucken? Bild: dpa

Wächst sich das noch aus oder brauch man hier schon Medikamente? Die MDR-Produktion „Keine Zeit für Träume“ ist ein engagierter Film zum Thema ADS - doch er konstruiert falsche Zwangslagen.

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          Schon mit Hans-guck-in-die-Luft nahm es ein schlechtes Ende. Genau wie mit dem Suppenkasper und dem Struwwelpeter. Allesamt unfolgsame Kinderfiguren des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, der sein Bilderbuch zunächst unter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb“ veröffentlichte.

          In „Keine Zeit für Träume“ meinen es auch alle gut mit der elfjährigen Merle (Greta Bohacek): der Gymnasiallehrer, der den Eltern nahelegt, das Mädchen auf eine andere Schule zu geben. Der Kinderarzt, der die Adresse einer Kinderpsychologin zur Hand hat. Die Psychologin, die bei Merle einen überdurchschnittlichen IQ und eine ungewöhnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne feststellt und flugs ADS diagnostiziert. Die Eltern, die zwischen der Hoffnung, das In-die-Luft-Gucken könne sich noch auswachsen, und der Versuchung, das Problem mit Tabletten zu lösen, hin- und herschwanken. Und Oma Hedy (Petra Kelling), die einzige Stimme der Vernunft, die Merle mit ihren Stärken und Schwierigkeiten sieht und nicht die Diagnose. Nicht zu vergessen die ältere Schwester, mitten in der Pubertät, die Merle nimmt, wie sie halt ist.

          „Keine Zeit für Träume“ ist ein engagierter Themenfilm. Intensiv arbeitet er sich an den Problemen einer Familie ab, deren Kind offiziell als seltsam eingestuft wird. Anneke Kim Sarnau spielt Kathrin, die Mutter, die nichts unversucht lassen will, ihrer Tochter zu helfen. Eine Macherin, eine berufstätige Frau, die in einem Hamsterrad gefangen ist: Von Psychologin zu Psychologe rennt sie, von Elternselbsthilfegruppe zur Lernstrategieentwicklung, von Pontius zu Pilatus. Bis sie einfach nicht mehr kann.

          Konstruierte Zwangslagen

          Also Tabletten, damit alles glattläuft wie bei Lea (Stella Kunkat), der Älteren? Die aber ist nicht das Kind von Merles Vater. Liegt es an Roman (Harald Schrott), dass Merle lieber in Blätterhaufen wirbelt als an Geodreiecke denkt? Der Ehemann gefällt sich in narzisstischer Kränkung. Die Ehe gerät in die Krise, Merle begreift, dass sie Ursache für all das sein soll. Sie verlangt die Tabletten, die alles richten sollen.

          Kathrin (Anneke Kim Sarnau) rennt mit ihrer Tochter Merle von Psychologin zu Psychologe.
          Kathrin (Anneke Kim Sarnau) rennt mit ihrer Tochter Merle von Psychologin zu Psychologe. : Bild: dpa

          So verdienstvoll Filme über moderne Familien im Ausnahmezustand sind - siehe zuletzt „Zappelphilipp“ oder „Komasaufen“ -, so sehr Anneke Kim Sarnau und Harald Schrott mit Greta Bohacek und Stella Kunkat als Familie in Not glänzen, so wenig überzeugt das Drehbuch dieser MDR-Produktion. Es konstruiert Zwangslagen, die es nicht geben müsste (Buch: Regine Bielefeldt; Regie: Christine Hartmann).

          Tabletten oder Nichtstun - so lautet die Wahl. Aber was wäre, wenn es vorerst nicht das Abitur sein muss? Gleich eingangs wird ein Schreckensbild an die Wand gemalt: die „Doofenschule“. Gibt es keine Montessorischulen, Waldorfeinrichtungen oder andere Schulformen, die auf individuelles Tempo setzen? Der dramaturgisch gewünschten Dichotomie zuliebe wird auch die Option Verhaltenstherapie später nicht mehr erwähnt.

          Klischeehafte Familienverhältnisse im Ausnahmezustand

          Diese Familie muss, so will es dieser Film, mit ihren Sorgen allein bleiben. Freunde haben die Eltern nicht. Verwandtschaftliche Bindungen gibt es kaum. Das wirkt kleinmütig und deprimierend. Der Film mag Verständnis für Eltern wecken, die in ihrem Streben danach, alles richtig zu machen, oft genug kein solidarisches Korrektiv durch andere Eltern erfahren.

          Aber warum müssen Psychologen im deutschen Fernsehen eigentlich immer als Feinde des gesunden Menschenverstandes auftreten (mit Ausnahme der Filme, die Gabriela Sperl produziert)? Und warum können diffizile Familienverhältnisse nicht klischeefern gezeigt werden, wie es eine Autorin wie Beate Langmaack vermag? „Keine Zeit für Träume“ wirft lauter dringende Fragen auf, ist aber trotzdem ein Ärgernis.

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