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Adenauers „Freies Fernsehen“ : Der Bundeskanzler hatte es satt

  • -Aktualisiert am

Auch Heinz Erhardt, der beliebteste Komiker jener Zeit, hätte im neuen Sender ein eigenes Comedy-Format bekommen Bild: dpa

Das ZDF feiert fünfzigjähriges Bestehen. Dabei ist der Sender nicht das „Zweite“: Die abenteuerliche Geschichte von Adenauers Fernsehen in „Tele-Sibirsk“.

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          „Schreiben Se, dass der Kanzler es satthabe!“, empfahl Konrad Adenauer im Sommer 1960 einem Journalisten. Ursache des Ärgernisses war das deutsche Fernsehen.

          In der Bundesrepublik gab es damals nur die zehn Jahre zuvor gegründete ARD. Sie sendete ihr festes Programm seit 1954. Seitdem ärgerte sich der Kanzler darüber, dass Fernsehen Ländersache war. Er machte sich an die Umgestaltung der deutschen Fernsehlandschaft. Die Wirtschaft wurde ermuntert, den Aufbau eines zweiten Programms anzugehen. Im Dezember 1958 gründete eine Gruppe privater Interessenten die „Freies Fernsehen GmbH“. Am 8. Dezember 1959 bot Staatssekretär Felix von Eckardt dem Konsortium eine Bürgschaft von zwanzig Millionen Mark an. Aus den zwanzig Millionen wurden schnell 124 Millionen. 124 Millionen Mark, die in keinem Bundeshaushalt auftauchten.

          Aufgrund der Bürgschaft erklärten sich fünfzehn Geldhäuser unter Führung der Deutschen Bank bereit, dem in Frankfurt beheimateten „Freien Fernsehen“ die benötigten Finanzen zu beschaffen. Fehlten noch die Macher: Leistungsträger aus dem Bonner Regierungsapparat ließen sich für die Programmarbeit beurlauben. Der Rundfunkreferent im Bundespresseamt, Bruno Six, wurde kaufmännischer Produzent. Der Staatssekretär im Postministerium, Friedrich Gladenbeck, trat in die Geschäftsführung des „Freien Fernsehens“ ein, ebenso der Pressesprecher des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Heinz Schmidt.

          Hohe Gehälter für die Überläufer

          Programmdirektor wurde Ernest Bornemann, der sich Ende der sechziger Jahre als Sexualberater einen Namen machen sollte. Der Chefredakteur Konrad Kraemer war ein „Zeitungsmann ohne Fernseherfahrung“, wie der Leipziger Medienforscher Rüdiger Steinmetz (“Auf dem Weg zum dualen System“) schreibt. Unterhaltungschef wurde Helmut Schreiber, der von der Münchner Bavaria kam, wo er bis 1945 Produktionschef war. Schreiber - dem großen Publikum besser als „Zauberer Kalanag“ bekannt - hatte wegen seiner engen Verbindung zu Hitler und Goebbels nach dem Krieg Probleme gehabt, beruflich wieder Fuß zu fassen. Kalanag war unter den Exoten beim „Freien Fernsehen“ die schillerndste Figur. So hatte er eine Weile als Mittelsmann zwischen alliierten Stellen und ehemaligen SS-Leuten fungiert, die sich gegen Informationen zum Verbleib des gesuchten NS-Goldschatzes freies Geleit erhofften. Als er mit seinem Zaubertheater eine Welttournee unternahm, deren Finanzierung unklar war, geriet er selbst in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden von NS-Hinterlassenschaften zu tun zu haben.

          Leiter des Vormittagsprogramms wurde Peter von Eckardt, der Sohn von Adenauers Pressesprecher Felix von Eckardt, der das „Freie Fernsehen“ erst ins Rollen gebracht hatte. Sohn Peter war schon einmal im Schatten des Vaters aufgestiegen, als er deutscher Statthalter einer New Yorker Werbefirma wurde, die für 650.000 Mark im Jahr im Auftrag der Bundesregierung das Deutschlandbild in den Vereinigten Staaten pflegte.

          In der ARD hatte sich die Konkurrenz natürlich herumgesprochen. Peter von Zahn, der seit 1955 für den NDR und den WDR aus Amerika berichtete, lief als einer der Ersten zum „Freien Fernsehen“ über, obwohl ihn noch Verträge an die öffentlich-rechtlichen Sender banden. Mit seinen Gesellschaftsreportagen aus der Neuen Welt befeuerte er die Begeisterung der Bundesbürger für die Westorientierung des Kanzlers. Als Strafe für seinen Vertragsbruch musste von Zahn 200.000 Mark abstottern, später durfte er mit seinen „Windrose“-Filmen zur ARD zurück. Auch ein anderer Star des WDR, der beliebte Wissenschaftsmoderator Professor Heinz Haber, entschied sich für das neue Programm. Ebenso Corinne Pulver vom SDR und der spätere ZDF-Politmoderator Gerhard Löwenthal, der sich bewarb, aber nicht genommen wurde. Ein wichtiges Motiv der Seitenwechsler waren die Gehälter - durchweg doppelt so hoch wie bei der ARD.

          Produktivität in der Barackensiedlung

          Der Programmchef Ernest Bornemann war ein unkonventioneller Typ, vertrat aber eine klare Linie, mit der er schnell in Konflikt zu Chefredakteur Kraemer geriet: Alle Sendungen, auch die Information, sollten unterhaltend sein. Bornemann war künstlerischen Experimenten gegenüber aufgeschlossen. Er träumte davon, Gustaf Gründgens einen Fernsehfilm inszenieren zu lassen, und ließ auf Filmfestivals nach neuen Kinofilmen suchen. Er arbeitete an einem Comedy-Format mit Heinz Erhardt, dem beliebtesten Komiker der Zeit, und produzierte die Zirkus-Show „Menschen, Tiere, Sensationen“, die das Erste später dankend übernahm.

          Britische und amerikanische Fachleute schulten in den Münchner Riva-Studios die Regisseure des „Freien Fernsehens“ nach dem Muster der amerikanischen Sender. So wurden schon Anfang der sechziger Jahre Kräfte für ein künftiges kommerzielles Fernsehen herangezogen, wie wir es in Deutschland erst seit den achtziger Jahren kennen. Insofern spricht Rüdiger Steinmetz auch vom „Freien Fernsehen“ als „Pilotprojekt auf dem Weg zum dualen Rundfunk in Deutschland“.

          In Eschborn bei Frankfurt wurden in einer Barackensiedlung Studios eingerichtet. Das Provisorium hieß „Tele-Sibirsk“ - der unwirtlichen Anmutung wegen. In wenigen Monaten produzierten die Programmmacher einen Grundstock von 450 Stunden technisch sendefähigem Material.

          Streit um neue Sendemasten

          In Berlin konnte der Kinoproduzent Artur Brauner (CCC) für leichtfüßige Serien gewonnen werden. Er gründete die Berliner TV-Union, für die fortan Brauners Bruder Wolf in den gemieteten CCC-Studios emsig Familienserien mit Stars wie Claus Biederstaedt und Heidelinde Weis und alte Berliner Komödien für das moderne Fernsehen herunterkurbelten (“Krach im Hinterhaus“, „Kater Lampe“). In den Spandauer Studios herrschte Goldgräberstimmung. Man produzierte am Fließband. Das Fachblatt „Bild und Funk“ meldete atemlos: „Mindestens alle vier Tage ein neues Stück.“ Die TV-Union war zeitweilig die größte private Fernsehproduktion in Deutschland.

          Wegen der Werbezeiten dauerten Fernsehspiele nicht wie üblich neunzig, sondern 81 Minuten. Die Spots sollten am Anfang und am Ende einer Sendung laufen, aber auch mittendrin, also nicht anders als heute bei RTL & Co. Um Übertragungen von außen zu integrieren, wurde in Amerika ein Ü-Wagen im Wert von einer Million Mark geordert, wie der TV-Union-Produktionschef Raspotnik stolz verkündete. Werner Höfers Pressepalaver „Der internationale Frühschoppen“ hieß im neuen Fernsehen „Im Kreuzfeuer“ und sollte zur gleichen Zeit laufen: sonntags um zwölf. Ein Herzstück der Informationsschiene, die im „Freien Fernsehen“ mit 36 Prozent Programmanteil stärker ausfiel als bei der ARD (24,3 Prozent), war die „Weltschau“, das Pendant zur „Tagesschau“.

          Als der NDR angesichts der drohenden Konkurrenz durch das Regierungsfernsehen in die Offensive ging und fünf zusätzliche Sendemasten für ein etwaiges zweites Programm errichtete, schickte Kanzler Adenauer seinen Postminister Richard Stücklen vor, der als Hoheitsträger der Fernmelderechte sofort den Betrieb der Einrichtungen untersagte. Stücklen setzte alles daran, dass die aus Rundfunkgebühren finanzierten Anlagen wieder abgerissen würden. Generell schottete die Bundesregierung ihr Fernsehen gegenüber den Bundesländern ab. Möglicherweise war das der Fehler an Adenauers Fernsehplänen - dass sein Starrsinn ihm verbot, die Opposition einzubeziehen. So waren die Fronten schnell und scharf gezogen.

          Den Sowjets zuvorkommen

          Die SPD-dominierten Regierungen Niedersachsen, Hessen, Hamburg und Bremen brachten das „Freie Fernsehen“, das seinen Sendestart für den 1. Januar 1961 angekündigt hatte, vor das Bundesverfassungsgericht. Sie waren der Meinung, dass Adenauer sich über ihre föderalen Rechte als Träger des deutschen Funk- und Fernsehwesens hinwegsetzte.

          Am 28. Februar 1961 verkündete der zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts seine Entscheidung: Die „Deutschland-Fernsehen GmbH“ verstieß gegen die Verfassung. Damit war das „Freie Fernsehen“, der erste Versuch, ein zweites Programm neben der ARD zu etablieren, gestorben. In der Bundesrepublik sollte es Fernsehen weiterhin nur unter der Hoheit der Länder geben. Drei Monate später trafen sich die Chefs der ARD im hessischen Tele-Sibirsk, um die Konkursmasse des gescheiterten Fernsehversuchs zu sichten. Bei den Zaubershows des einst mächtigen Unterhaltungschefs Kalanag brach Gelächter aus. Die Intendanten hielten allenfalls ein Zehntel des Regierungsprogramms für verwendbar. Der ARD-Kommissionsvorsitzende Bausch verkündete nach der Sichtung, er überlasse die gesamten 450 Stunden Programm gern dem neuen Zweiten Deutschen Fernsehen ZDF, das nun bald für die Länder und damit verfassungsgemäß an den Start ging.

          Adenauer und seine Fernsehleute indes hofften inständig, die in keinem Haushalt verbuchten 124-Millionen-Bürgschaften ans neue ZDF weitergeben zu können, indem dieses die produzierten Programme übernehme. Die entsprechende Anfrage des Fernsehbeauftragten von Eckardt beantworten die Länderchefs jedoch nicht einmal. Konrad Adenauer traf die Karlsruher Entscheidung hart. Er habe das „Freie Fernsehen“ durchboxen müssen, um den Sowjets zuvorzukommen, die für die DDR längst ein zweites Programm planten, das auch nach Westdeutschland ausstrahlen würde, erklärte er noch. Doch das half ihm auch nicht mehr. Die CDU/CSU verlor bei der Wahl im September 1961 ihre absolute Mehrheit.

          Das „Freie Fernsehen“ wäre der erste Privatsender der Bundesrepublik gewesen. Allerdings ein von der Bundesregierung lancierter. Das Bundesverfassungsgericht kassierte den Plan.

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