https://www.faz.net/-gqz-87q5x

Kampf um Werbung im Netz : Washington Post blockt Adblocker

  • -Aktualisiert am

Das dürfte die Washington Post ärgern: Mit iOS 9 sind die mobilen Endgeräte von Apple erstmals auch werbefrei verfügbar. Bild: AFP

Apple kooperiert mit einem Werbeblocker und die Washington Post zwingt ihre Leser mit Werbefilter, sich für einen regelmäßigen Newsletter zu registrieren. Solch groteske Maßnahmen verdeutlichen den Schaden, den Adblocker verursachen.

          3 Min.

          Niemand mag Werbung im Internet. Ständig öffnen sich blinkende Pop-Up-Fenster und Videoclips schieben sich zwischen die Artikel von Nachrichtenseiten. Außerdem wird das Surfverhalten der Benutzer von zahlreichen sogenannten Trackern aufgezeichnet. Deshalb greifen immer mehr Internetnutzer zu kostenlosen Werbeblockern wie „Adblock Plus“ oder  „Noscript“. Diese Erweiterungen für den Browser sind zumeist kostenlos. Das Groteske an der Geschäftspraxis der Filter-Start-Ups ist, dass sich Unternehmen wie Google, Microsoft oder Amazon gegen Bezahlung von der Blockade ausschließen lassen. Selbst diejenigen, die Werbung blockieren, finanzieren sich folglich durch Werbung. Gleichwohl ist die Software „Adblock Plus“ so verbreitet wie nie.

          Apple hat nun angekündigt, auch bei iOS 9, dem neuen Betriebssystem für iPhones und iPads Adblocksoftware zuzulassen. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft kritisiert das Vorhaben des Unternehmens: „Das ist eine inakzeptable Ausnutzung der Marktstellung zum Nachteil des offenen und freien Internets“, so Oliver von Wersch, der Sprecher des Werbeverbands. Er befürchtet, dass die Schranke, die immer mehr Anwender auch auf ihren mobilen Endgeräten schließen wollen, nicht nur einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden für werbetreibende Unternehmen mit sich bringe, sondern auch „negative Auswirkungen auf die Angebots- und Meinungsvielfalt“ habe. Diesen Trend verstärke Apple mit seiner Adblock-Kooperation bei iOS 9.

          Auf dem rechtlichen Prüfstand

          Auch die Washington Post greift mittlerweile zu drastischen Mitteln gegen Nutzer, die sich auf der Nachrichtenseite keine Werbung anzeigen lassen. Wer den Internetauftritt der Zeitung über den Google-Browser Chrome aufruft und dabei einen Werbefilter einsetzt, kann keinen vollständigen Artikel mehr lesen. Stattdessen wird eine Meldung eingeblendet, die den Leser zwingt, sich in die Newsletterliste der Washington Post einzutragen. Wer das nicht möchte, muss zumindest auf dieser Website Werbung zulassen, um die Washington Post weiterhin im Netz lesen zu können. Zur Zeit kann die Sperre allerdings auch mit anderen Browsern wie etwa Firefox umgangen werden.

          Die beliebte Software zum Filtern von Werbung: Adblock Plus beim Download.
          Die beliebte Software zum Filtern von Werbung: Adblock Plus beim Download. : Bild: dpa

          Dennoch beweisen diese Maßnahmen, wie wichtig die Anzeigen sind, die auf Nachrichtenseiten und in sozialen Netzwerken geschaltet werden. Ein Viertel der Internetnutzer in Deutschland setzt zumindest teilweise Werbeblocker ein. Wenn man sich vorstellt, dass der Postbote bei jeder vierten Zeitung die Anzeigen herausschneidet und in die Tonne wirft, wird deutlich, warum Werbung im Netz doch nicht von allen gehasst wird. Werbetreibende und Publizisten wehren sich immer wieder auch rechtlich gegen die Filter. Erst im Mai verlor das Medienunternehmen RTL und ProSiebenSat.1  vor einem Münchner Gericht gegen das deutsche Startup Eyeo, das das kostenfreie Add-on „Adblock Plus“ vertreibt. Zuvor scheiterten bereits andere Medienakteure wie Axel Springer, Die Zeit und das Handelsblatt mit ihren Versuchen, die Software als marktschädigend einzustufen. Dennoch betont Oliver von Wersch bezüglich Apples Kooperation mit einer Adblock-Software in ihrem Safaribrowser, dass „solche Vorhaben auch auf den rechtlichen Prüfstand gestellt werden müssen.“

          Von den eigenen Daten leben

          In den letzten zwölf Monaten stieg die Zahl der Nutzer von Werbefiltern um 41 Prozent, darunter vor allem Gamer und Menschen in sozialen Netzwerken. Laut einer Studie der Werbeplattform Pagefair gibt es damit mittlerweile beinahe 200 Millionen Verbraucher, die sich aktiv gegen Pop-Ups, Banner und Videowerbung wehren. Das macht zwar nur sechs Prozent der weltweiten Internetnutzer aus, bringe der Werbeindustrie aber einen wirtschaftlichen Nachteil von 21 Milliarden Dollar. Die höchste Blockquote weist Griechenland mit 37 Prozent auf, gefolgt von Polen. In Deutschland und den Vereinigten Staaten nehmen bislang nur 17, beziehungsweise 15 Prozent der Surfer eine solche Dienstleistungen in Anspruch, Tendenz vor allem bei mobilen Endgeräten steigend. Eine werbefreie Medienwelt ist mittlerweile nicht mehr vorstellbar, ganz egal ob on- oder offline.

          Jaron Lanier kritisiert Werbeblocker aus einer anderen Perspektive. Der Internetvordenker und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels findet nicht nur „amüsant“, wie Eyeo seine Dienstleistungen beschreibt („Adblock Plus“ sei gegen Bezahlung durchlässig, etwa für Google-Anzeigen), sondern rät den Anwendern sogar zur Offensive. Sie sollten ihre Daten so teuer wie möglich verkaufen, anstatt mit zweifelhaften Programmen die kostenfreie Vielfalt des Internets zu bedrohen: „Meiner Ansicht nach könnte die Mehrheit der Bevölkerung in zehn oder zwanzig Jahren oberhalb der Armutsgrenze leben, weil sie mit ihren persönlichen Daten genügend verdient“, schreibt der Informatiker in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“. Bis dahin haben die Betreiber von Webseiten vielleicht auch begriffen, dass Nutzer sich eher auf Angebote einlassen, auf denen redaktionelle Inhalte von werblichen unterscheidbar sind und letztere quantitativ sowie optisch nicht dominieren. Aber selbst dann muss anonymes Surfen auch ohne Werbefilter möglich sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt

          Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

          Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?
          Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellt am 18. Juni ihr neues Buch vor.

          Neues Buch : Frauke Petry rechnet mit der AfD ab

          Die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry meint, dass ihre frühere Partei einen langsamen Tod sterben werde. Gegen Jörg Meuthen und Alice Weidel erhebt sie in ihrem Buch „Requiem für die AfD“ schwere Vorwürfe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.