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Action-Thriller „Die Hölle“ : Der Teufel kann kein Wiener sein

  • -Aktualisiert am

Erst einmal uneins: Die Taxifahrerin Özge (Violetta Schurawlow) und Komissar Christian Steiner (Tobias Moretti) bekommen es mit einem brutalen Serienkiller zu tun. Bild: dpa

„Die Hölle“ ist eine finstere Hommage an Wien: Brutale Ritualmorde an muslimischen Prostituierten erschüttern die Stadt. Die junge Taxifahrerin Özge beobachtet den Killer und gerät selbst in Gefahr.

          Dunkelheit liegt über Wien. Ein Serienmörder geht um. Brutale Ritualmorde an muslimischen Prostituierten sind sein Markenzeichen. Mehrere Frauen hat er schon auf dem Gewissen. Unentdeckt von der Polizei, mordet er in der Großstadt. Durch diese fährt die junge, türkischstämmige Özge Dogruol, gespielt von Violetta Schurawlow, jede Nacht mit ihrem Taxi. Mit den bizarren Gestalten des Wiener Nachtlebens wird sie problemlos fertig. Betrunkene, die sie anmachen wollen, schmeißt sie aus dem Wagen. Machos, die ihr den Weg versperren, schlägt sie zusammen. „Die Hölle“ ist der mehrdeutige Titel des Films von Stefan Ruzowitzky, der die Geschichte dieser Frau erzählt.

          Özge ist eine emanzipierte Muslima, eine Identifikationsfigur, die beim Thai- Boxen ihren Körper stählt und die Abendschule besucht, um ihren Schulabschluss nachzuholen. Zu ihrer streng religiösen Familie hat sie jeglichen Kontakt abgebrochen. Ihre Cousine Ranya und deren kleine Tochter Ada sind die wichtigsten Bezugspersonen in ihrem Leben. Eines Morgens, nach einer langen Nachtschicht, kehrt sie in ihre Wohnung zurück. Als sie einen beißenden Geruch bemerkt, öffnet Özge ein Badfenster, das in den düsteren Hinterhof reicht. Ihr Blick wird starr, als sie in ein Fenster im Hof blickt. Sie wird Zeugin eines Mordes an einer Prostituierten in der benachbarten Wohnung, ein Anblick, von dem sie sich nicht losreißen kann. So kommt es zum verhängnisvollen Augenkontakt. Der Täter (Sammy Sheik) hat sie gesehen.

          Mit dieser Szene beginnt ein fein inszeniertes Ringen um Selbstbehauptung, Angst, Leben und Tod, das auch vor Özges Familie nicht haltmacht. Kommissar Christian Steiner (Tobias Moretti) kümmert sich zu Beginn nur widerwillig um Özge und den Fall. Sie bekommt keinen Polizeischutz, obwohl sie sich verfolgt wähnt. Die Ermittlungen stagnieren.

          Das Boxtraining ist ihre Weltflucht

          Tobias Moretti gibt hier den politisch inkorrekten Zyniker, den Inbegriff des Wiener Kommissars, der erst im Laufe des Films die Tragweite der Morde begreift. Und auch wenn er und andere Figuren mitunter etwas überzeichnet daherkommen und die Action-Szenen etwas länglich sind, ist dieser Film ein Beispiel dafür, wie „Vienna-Noir-Kino“ funktioniert. Mit Sinn für Melancholie und dick aufgetragenem Wiener Schmäh inszeniert Ruzowitzky, der 2008 den Oscar für „Die Fälscher“ gewann, ein modernes Großstadtdrama, mit Verfolgungsjagden auf Asphalt, in der U-Bahn oder zwischen den kalten Fassaden der Wiener UN-City. Die originelle Kameraführung und der rasante Schnitt sind mehr als oberflächliche Zugeständnisse an das Action-Kino. Intensives Schauspiel und Drehbuch (Martin Ambrosch) erzeugen Düsterkeit und Beklemmung. Beinahe jede Szene ist streng durchkomponiert.

          Ab und an drängt sich die Frage auf, wohin Ruzowitzky mit seinem Film eigentlich will. Handelt es sich um eine Liebesgeschichte zwischen Özge und Kommissar Steiner? Ist es ein Integrationsdrama, das die Religion in den Mittelpunkt stellt, oder doch nur gekonntes Action-Kino? Diese Unsicherheiten werden durch die große schauspielerische Leistung von Moretti, Schurawlow und Sheik ausgeglichen. Auch die Nebenrollen sind prominent besetzt. Friedrich von Thun spielt den Vater des Kommissars. Verena Altenberger ist als Özges Cousine Ranya zu sehen. Dieser Thriller braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen.

          Eine Qualität des Films ist, dass er es schafft, das Auftreten der Figuren und ihr Handeln nachvollziehbar zu machen. Die Leidenserfahrungen aus Özges Kindheit, die Unterwerfung gegenüber ihrem Vater, zeigen, wie ihr Leben von Gewalt geprägt wurde. Das Boxtraining ist ihre Weltflucht. Der Mörder wiederum wirkt fast wie ein grotesk übersteigertes Sinnbild für die Zerrissenheit zwischen einer strengen islamischen Tradition und einem liberalen, westlichen Lebensstil. Er projiziert seinen Hass auf Frauen, die Beziehungen mit mehreren Männern haben.

          Eine finstere Hommage an Wien

          Auch damit schafft es der Film über das traditionelle Action-Thriller-Genre hinaus, indem er die gesellschaftspolitischen Fragen vom Zusammenleben in der Großstadt, gescheiterter Integration und Diskriminierungserfahrungen thematisiert. In einer Szene sorgen die Vorurteile von Steiner und der Akzent von Özge dafür, dass sich die beiden beim ersten Aufeinandertreffen missverstehen – was tödliche Folgen hat.

          Derweil erscheint Wien trotz der sich hier entwickelnden Emanzipations- und Liebesgeschichte selten so grau und hart – und doch zugleich so urban. Und so kann „Die Hölle“ als durchaus gelungene finstere Hommage an die Stadt betrachtet werden. Als Film, der Wien auch ein – kleineres – Denkmal setzt, so wie es „Der Dritte Mann“ von Carol Reed nach dem Zweiten Weltkrieg getan hat.

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