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Abhöraffäre bei der „taz“ : Der Feind in meinem Computer

„taz“-Redakteurin Marlene Halser bei der Arbeit an der türkischen Sonderausgabe der Zeitung im April 2016 Bild: dpa

Im Februar 2015 entdeckte die „taz“, dass in der Redaktion Daten abgefischt wurden. Ein Kollege wurde auf frischer Tat als Computerspion ertappt. Jetzt schreibt die Zeitung, es gebe wohl ein „persönliches“ Motiv: An den Rechnern saßen Praktikantinnen.

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          Die „tageszeitung“ hat die Lauschaffäre, von der die Redaktion des Blattes betroffen war, aufgearbeitet und macht ihre Leser mit dem Ergebnis der Recherche in eigener Sache bekannt. Die Sache, um die es geht, war im Februar 2015 aufgeflogen: Als die Tastatur des Computers einer Praktikantin streikte, bemerkten die Kollegen von der EDV, dass der Rechner mit einem Keylogger-Stick versehen war, der es ermöglicht, heimlich alles zu speichern, was über die Tastatur eingegeben wird. Wer den Spionageangriff gestartet hatte, stellte sich bald heraus. Der Keylogger wurde wieder zusammengesetzt und an seinen Platz gesteckt, um den Urheber der Abhöraktion dingfest zu machen. Als sich ein – in der Redaktion sehr angesehener – Kollege an dem Keylogger zu schaffen machte, schien die Sache klar. Er wurde zur Rede gestellt, ergriff jedoch, wie die „taz“ nun schreibt, panikartig die Flucht und wurde seither in der Redaktion nicht mehr gesehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nach den Erkenntnissen der Kollegen, die seinen Fall recherchiert haben, hat er sich nicht nur aus der Redaktion, sondern auch aus Berlin, Deutschland und Europa abgesetzt. Er lebe und arbeite heute als IT-Fachmann in einer asiatischen Großstadt. Dort machten ihn die „taz“-Rechercheure ausfindig, um ihn nach dem Motiv für seine Abhöraktion zu fragen. Doch habe er, schreibt die „taz“, das Gespräch verweigert.

          Praktikantinnen wurden ausgespäht

          Was sein Ansinnen war, legt die Recherche der „taz“-Redakteure Sebastian Erb und Martin Kaul jedoch nahe. Sie vermuten „persönliche Motive“. Mindestens dreiundzwanzig Mitarbeiter der „taz“ waren ausgespäht worden, neunzehn davon Frauen, darunter viele Praktikantinnen. Den möglichen Zusammenhang kann sich jeder denken. Der Datendiebstahl, teilt die „taz“ mit, sei offenbar nicht gegen die Zeitung als Medium gerichtet gewesen. Die Berliner Staatsanwaltschaft führe zurzeit ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen „taz“-Mitarbeiter wegen der Ausspähung von Daten. Der Beschuldigte äußere sich zu den Vorwürfen nicht. Da er sich, wie die „taz“ berichtet, in ein Land abgesetzt hat, mit dem die Bundesrepublik kein Auslieferungsabkommen geschlossen hat, dürfte er sich der Strafverfolgung entziehen können. Gedroht hätten ihm bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe, nach zehn Jahren sei der mögliche Straftatbestand verjährt.

          Es gehe, sagte der „taz“-Chefredakteur Georg Löwisch, „im Kern um die Verletzung der Privatsphäre von Kolleginnen und Kollegen.“ Und diese sei „ein so hohes Gut, dass man es aufarbeiten muss, wenn sie derart systematisch verletzt worden ist.“ Das unternehmen die beiden „taz“-Redakteure, deren aufwendige Recherche man nun nachlesen kann. In ihrem Text schildern sie, wie der ehemalige Kollege vorgegangen sein soll und nennen schließlich auch seinen Namen: Sebastian Heiser.

          Sie nennen den Namen

          Sie nennen den Namen des Beschuldigten wegen der Schwere der Vorwürfe, der Dichte der von ihnen gesammelten Indizien, der offenen Fragen, auf die er den Kollegen eine Antwort schuldig bleibe und der (entkräfteten) Spekulation, es könne einen geheimdienstlichen Hintergrund geben. Sie nennen den Namen aber auch, weil Heiser Ansprechpartner gerade der jungen Leute in der Redaktion war und sich als Datenspezialist und investigativer und ziemlich unerschrockener Rechercheur in der ganzen Branche einen Namen gemacht hatte. Zuletzt hatte er auf einer eigens angelegten Webseite von seiner ersten beruflichen Station, der „Süddeutschen Zeitung“, berichtet und den Vorwurf erhoben, dass dort nicht die notwendige Trennung zwischen Anzeigenakquise und redaktioneller Arbeit bestanden habe. Dabei stellte er unter anderem Mitschnitte von Kollegen-Gesprächen online, die er heimlich mitgeschnitten hatte.

          Man habe allen Ausgespähten angeboten, die von ihnen abgeschöpften Daten einzusehen, teilte der „taz“-Chefredakteur Löwisch mit. Die beiden „taz“-Rechercheure beenden ihre ausführliche Darstellung mit dem Kommentar, den sie von dem schließlich in Asien ausfindig gemachten, ehemaligen Kollegen per SMS bekamen: „Mein Anwalt rät mir, mich während des derzeit laufenden Verfahrens nicht zu äußern. Grüße Sebastian“.

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