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Abgesagtes Fußballspiel : Die Sicherheitslage

Das abgesperrte Stadion in Hannover Bild: dpa

Gedacht war das Fußballspiel Deutschland gegen Holland als Solidaritätsbekundung und als Zeichen dafür, dass man sich nicht verunsichern lässt. Passiert ist genau das Gegenteil.

          So sei das nicht geplant gewesen, sagt Claus Kleber, der Nachrichtenmann des ZDF, als er am Dienstagabend um Viertel nach acht auf dem Bildschirm erscheint. So war das nicht geplant: Die niederländische und die deutsche Nationalmannschaft sollten Fußball spielen, das halbe Bundeskabinett sollte auf der Tribüne im Stadion sitzen, sie alle wollten die Marseillaise singen und ein Zeichen gegen den Terror setzen. Spielen und singen werden nur Engländer und Franzosen im Wembley-Stadion. In Hannover herrscht Leere aus begründeter Furcht vor einem Sprengstoffanschlag des IS.

          So war das nicht geplant, aber so ist das längst alltäglich. Abermals wird sinnfällig, was Terror bedeutet. Er nimmt den Menschen die Sicherheit, schon bevor es zum Schlimmsten kommt. Da lässt sich nichts mehr planen, auch nicht im Fernsehprogramm. Das gibt den Zuschauern nun stundenlang Rätsel auf – bei den Nachrichtensendern n-tv, N24 und Phoenix ununterbrochen, bei ARD und ZDF in Etappen. Möglicherweise, heißt es, ist ein Anschlag geplant worden. Möglicherweise ist ein sogenannter Gefährder in der Nähe des Stadions gesehen worden. Möglicherweise wurde Sprengstoff in einem Rettungswagen gefunden – diese Meldung wenigstens wird schnell handfest dementiert. Wir hören von „konkreten Hinweisen“ und von „Sicherheitskreisen“, die der in solchen Fällen besonders gefragte Terrorspezialist des ZDF, Elmar Theveßen, auch sonst stets bemüht, wenn es um Terrorismus geht und die Nachrichtenlage diffus ist.

          Um 21.39 Uhr hätte der Spuk vorbei sein können. Denn da bestätigt der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz: Es gab bislang keine Festnahme, und es wurde kein Sprengstoff gefunden. Es folgen weitere Fragen und nichtssagende Antworten. Um 22Uhr wollten sie doch bestimmt alle nach Hause, sagt Pistorius, um einen Scherz bemüht. Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist da direkt neben ihm schon auf dem Sprung. Die Absage des Spiels sei eine bittere Entscheidung, hat er gesagt. Zu deren Zustandekommen verrät er nichts. Doch der Rechtfertigungsdruck steigt: Zuerst ein Spiel an- und es dann kurz vor dem Anpfiff absetzen – was soll das?

          Der Hinweis auf die konkrete Gefahr, so wird den Journalisten gesteckt, stamme vom französischen Geheimdienst. Die Fahndung nach den entkommenen Tätern der Anschläge von Paris läuft indes weiter – in Brüssel, in Aachen, tags darauf wird es weitere Tote geben. Den IS interessiert nicht, ob wir das für einen Krieg halten, die Terrorsekte hat ihn uns erklärt und führt ihn. Will da jemand an diesem Abend von viel Lärm um nichts reden, da die Polizei den Menschen, die sich in Hannover am Stadion „ruhig und gesittet“ auf den Nachhauseweg machen, wie es im Fernsehen immer wieder heißt, empfiehlt, nicht die U-Bahn zu nehmen?

          Die Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein sieht schon im sicheren ZDF-Studio von Hannover, in dem sie, wie Claus Kleber dramatisch sagt, „Zuflucht“ gefunden hat, mitgenommen aus und fragt kleinlaut, „wie das alles weitergehen soll“. Ihr Kollege Theo Koll wird in der Lanz-Show später sinngemäß sagen, damit müssten wir jetzt leben. Wer nicht U-Bahn fährt, nicht ins Stadion geht, nicht den Weihnachtsmarkt besucht, für den sagt sich so etwas wahrscheinlich leichter. „Es ist schlimm“, sagt ein Fußballfan, „dass diese Menschen gewonnen haben.“ Mit „diesen Menschen“ meint er die Mörder vom IS. Sie haben gewonnen. Und die Fernsehsender haben gezeigt, wie Verunsicherung aussieht. So ist die Lage.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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