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Aberkennung des Nannen-Preises : Haben wir erlebt, wovon wir schreiben?

  • -Aktualisiert am

Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede (r.) verleiht René Pfister den Henri-Nannen-Preis Bild: dpa

Der Kollege René Pfister hat einen handwerklichen Fehler gemacht. Dafür wurde ihm der Henri-Nannen-Preis aberkannt. Ist das folgerichtig? Man sollte lieber über journalistische Kategorien sprechen.

          René Pfisters preisgekrönter Text „Am Stellpult“ ist ein glänzend geschriebenes Stück, in dem, so weit man das irgend sagen kann, eigentlich jedes Wort stimmt. Seehofer in der Staatskanzlei, Seehofer auf Reisen, Seehofer unter Schülern, Seehofer, der aufreizende SMS an Parteifreunde sendet („Wo bleibt die Revolution?“) – überall war der Autor dabei. Nein, offenbar nicht überall.

          In den ersten drei Absätzen beschreibt Pfister die Modelleisenbahn, die Horst Seehofer im Keller seines Ferienhauses unterhält. Die Märklin-Welt wird ihm zur Metapher für Seehofers Wirklichkeitsverständnis. Hier war er nicht dabei. Und das wissen wir, weil er selbst es am Abend der Preisverleihung freimütig erzählte. Und tatsächlich, er behauptet in seinem Text auch nichts anderes: Einmal auf die Spur gebracht, stellt man fest, dass der sprachbewusste Autor gerade am Anfang mit Bedacht jedes Authentizitätskolorit vermeidet. Pfister zeigt keinen Seehofer, der Zuggeräusche nachahmt oder mit rotem Kopf und Schaffnermütze die Märklin-Züge lenkt. Er beschreibt die Anlage, die ihm jetzt zum Verhängnis werden soll, eindeutig als Bild, nicht als Ereignis, als Modell für ein Modell.

          Moralische Verschärfung

          Was also wird ihm vorgeworfen? Der Vorwurf lautet, dass er hier etwas erzählt, was er nicht selbst erlebt hat. Es fehlt der Begehungsnachweis für den Keller, ein Nachweis, den man allerdings bei ähnlichen Reportagen über Kabinetts- oder Jurysitzungen – vielleicht zu Unrecht – bisher nicht eingefordert hat. „Erlebnis“ ist keine triviale Kategorie, und die Bedenken derjenigen, die es anmahnen, sind ernst zu nehmen. Egon Erwin Kisch, einst Namenspatron des Preises, hat sie für Reportagen etabliert. „Erlebnis“ ist der Kern dieser Debatte. Und damit freilich auch die Frage, ob es sich hier am Ende um einen Kategorienfehler handelt und der Text in der falschen Kategorie ausgezeichnet wurde.

          Aus all dem aber wird etwas ganz anderes. Es entsteht eine Debatte, die den Ruf eines glänzenden Journalisten beeinträchtigen kann. Diese moralische Verschärfung liegt nicht an den Juroren, deren Einwände nur handwerklicher Art waren. Doch so sehr sich die Jury bemüht, in ihrer Preisentzugs-Meldung deutlich zu machen, dass der Autor allenfalls handwerkliche Fehler gemacht hat, und so verantwortungsbewusst alle Juroren mit ihrem Urteil waren – dieser Zug scheint längst abgefahren. Aus einer handwerklichen Diskussion wird eine moralische. Ehrabschneiderische Artikel, in denen Pfister wie ein Betrüger dasteht, und Journalisten, die die Ethik des Journalismus verteidigen wollen, sich selbst und ihre Kollegen aber als „versammelte Journaille“ kennzeichnen, haben die Geschäftsgrundlage der Debatte nachhaltig verändert. Ehe man also zu der in der Tat notwendigen Debatte über Preise im Journalismus, über Formen und Genres kommt, und auch über Jurys, ist etwas zur Ehre von René Pfister zu sagen.

          Kollegen waren im Keller

          Kollegen des „Spiegel“, wo Pfister als Redakteur arbeitet, haben den Keller gesehen und die Spielzeugeisenbahn fotografiert. Aber Pfister selbst eben nicht. Der Redakteur hat etwas, von dem offenbar viele wussten, ohne etwas damit anfangen zu können, in die Hand genommen, kunstvoll zusammengesetzt und als Modell für Seehofers Seele genutzt. Dass er hätte angeben sollen, dass er die Eisenbahn selbst nicht gesehen hat, ist am Ende gar nicht strittig. Strittig ist, ob man ihm dafür den Preis entziehen sollte und mit dieser Sanktion den Kollateralschaden in Kauf nimmt, den das für den jungen Journalisten bedeutet. Einen Preis nicht zu vergeben ist das eine, einen vergebenen zu entziehen, ist etwas anderes. Für mich selbst jedenfalls stelle ich fest, dass ich als Juror, von der Authentizität des Beginns überzeugt, kein Indiz dafür nennen kann, dass der Autor behauptet, dabei gewesen zu sein. Mein Fehler.

          Gewiss: Pfister hat einen handwerklichen Fehler gemacht, da er den Text ja selbst auch als Reportagetext einreichte. Er sagt zwar nirgendwo, dass er in Seehofers Hobbykeller war, aber der Leser glaubt, dass er es war. Es wäre Pfister ein Leichtes gewesen, die Klippe zu umschiffen: Da Seehofer offenbar die Angewohnheit hat, die Leute manisch mit seinen Eisenbahngeschichten zu langweilen (sogar in China, wie Pfister erzählte), wäre das ein schöner Bestandteil des Psychogramms geworden. Pfister hat das nicht getan. Er kennt Seehofer seit Jahren. Seit 2004 hat er insgesamt 23 Porträts oder Interviews über und mit Seehofer gemacht, bei denen er entweder alleiniger Autor war oder einer von zweien. Vermutlich kam er gar nicht auf die Idee – was er leicht hätte tun können –, Seehofer um eine Audienz im Keller zu bitten. Aber er hat auch nicht einfach ein Ondit zum Aufhänger seiner Geschichte gemacht. Seehofer selbst hat ihm die Geschichte erzählt, und die Fakten wurden verifiziert. Das ist der elementare Unterschied zum Schreiben nach bloßem Hörensagen.

          Der Preis kennt viele Fälle

          Die Geschichte des Nannen-Preises kennt eine Vielzahl solcher Fälle. Sabine Rückerts zu Recht preisgekrönter Text „Wie das Böse nach Tessin kam“ operiert ganz ähnlich („die Sonne füllte die Terrasse mit milchigem Licht“), der Unterschied liegt darin, dass der Leser natürlich weiß, dass die Autorin bei dem authentisch beschriebenen Mord nicht dabei gewesen sein konnte und dass es eine Rekonstruktion ist. Das 2004 preisgekrönte Stück „Schröders Spiel“, geschrieben von vier „Spiegel“-Redakteuren, nahm das Innenleben der rot-grünen Koalition in Augenschein, auch da war nicht haargenau zu erkennen, wer, wann wo selbst dabei war, dabei gewesen sein konnte. Streit hatte es auch schon 1998 gegeben, im zwanzigsten Jahr des Egon-Erwin-Kisch-Preises, der seit 2005 Nannen-Preis heißt. Damals ging es um Kai Hermanns Stück „Eine Liebe in Berlin“ aus dem „Stern“, das die Beziehung eines Punker-Pärchens rekonstruierte. Weitere Beispiele lassen sich finden.

          Ist also reportagehafte Rekonstruktion über zuverlässige Quellen immer nur dann erlaubt, wenn der Leser weiß, dass es unmöglich ist, dass der Autor erlebt hat, wovon er schreibt? Das ist eine wichtige formale Frage, die weit über den aktuellen Fall hinausgeht. Sie ist im Internetzeitalter, in dem Journalismus immer häufiger auf virtuelle Erfahrungen reagiert, dringender denn je. Wissen wir, wovon wir reden? Haben wir erlebt, was wir aufschreiben, und schreiben wir auf, was wir erlebt haben? Ist die Motivforschung, das Psychologisieren, die Seelendeutung, aus der ein ganzes journalistisches Genre geworden ist, legitim oder nicht?

          Das ist eine wichtige, ernste Debatte. Die Frage ist nur, ob René Pfister für all das der richtige Anwendungsfall ist. Die Frage ist, ob er – was die Juroren nicht wollten – zum Sündenbock eines viel allgemeineren Unbehagens wird. Einer medialen Wirklichkeit, die das „Erleben“ zur virtuell immer verfügbaren, ständig sich eskalierenden Ressource macht – in der beispielsweise wochenlang hautnah über die „Helden von Fukushima“ berichtet wird, ehe sich herausstellt, dass es zum Teil zwangsweise rekrutierte Gelegenheitsarbeiter sind. Das ist eine längst überfällige Debatte, und in Wahrheit ist es eine Debatte über Kriterien und das, was preiswürdig ist und was nicht. René Pfister aber taugt in ihr nicht als böser Bube.

          Die Jury des Henri Nannen Preises:

          Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur „Geo“), Elke Heidenreich (Schriftstellerin und Literaturkritikerin), Kurt Kister (Chefredakteur „Süddeutsche Zeitung“), Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur „Die Zeit“), Helmut Markwort (Herausgeber „Focus“), Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur „Der Spiegel“), Jan-Eric Peters (Chefredakteur „Welt“-Gruppe), Andreas Petzold (Chefredakteur „Stern“), Ines Pohl (Chefredakteurin „taz“), Ulrich Reitz (Chefredakteur „Westdeutsche Allgemeine Zeitung), Frank Schirrmacher (Herausgeber „Frankfurter Allgemeine Zeitung“).

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