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Im Kino: „Timbuktu“ : Am Anfang war Gewalt

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Gegenüber der neuen Ordnung: radikale Islamisten in „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako Bild: Arsenal Filmverleih

Abderrahmane Sissakos Film „Timbuktu“ zeigt den Albtraum des islamistischen Wütens - und ruft zugleich die Sanftmut als die Quelle des Widerstands auf den Plan. Meisterhaft ist auch die Bildsprache der Kamerafrau Sofiane El Fanisi.

          Als 2012 die Nachrichten vom Vormarsch der Islamisten in Mali, dessen Norden sie neun Monate lang besetzt hielten, nach draußen drangen, war darunter auch die Meldung von der Hinrichtung eines Mannes und einer Frau, die unverheiratet zusammengelebt hatten. Abderrahmane Sissako, der 1961 in Mauretanien geborene, in Mali aufgewachsene Regisseur („Bamako“, 2006), hat aus dieser Nachricht in seinem neuen Film „Timbuktu“ eine kurze, erschütternde Episode gemacht: die Steinigung eines Paares nach Scharia-Recht.

          Das geschieht ungefähr in der Mitte des Films. Am Anfang und am Ende sieht man, wie Männer auf einem Jeep durch die Wüste jagen, das erste Mal auf eine Gazelle, am Schluss auf einen Menschen zielend. Über ihnen flattert die schwarze Fahne des Dschihad.

          Die Gewalt hat das erste und das letzte Wort in diesem Film, der vor den braunen Lehmhäusern Timbuktus und im Wüstensand der nach Süden vordringenden Sahara gedreht wurde. Dem Triumph des Bösen begegnet die Sanftmut der Menschen, die der Besatzung meist sprachlos gegenüberstehen. „Sollten wir nicht weggehen?“, fragt die Nomadenfrau Satima (Toulou Kiki) ihren Mann Kidane (Ibrahim Ahmed dit Pino). Die Nachbarn haben ihre Sachen längst gepackt und sind mit ihrer Viehherde an einen anderen Ort gezogen. „Es wird vorübergehen“, beruhigt sie der Mann und meint damit die bewaffneten Fremden, die aus dem Norden gekommen sind und zur Verständigung mit den Einheimischen einen Dolmetscher brauchen, weil sie die Tuareg-Sprache Tamascheq nicht verstehen.

          Hier draußen am Niger-Fluss scheint Frieden zu herrschen. Auf weiche Polster gebettet, genießt Kidane seine Pfeife. Neben ihm hocken die Frau und die muntere kleine Tochter, die verliebt zu ihrem Vater aufschaut. Idyllischer kann eine Familienszene kaum aussehen. Doch am selben Tag noch bricht das Unglück über alle herein. Weil eine Kuh aus Kidanes Herde das Netz des Fischers zertrampelt hat, tötet der Fischer die Kuh mit dem Speer. In der Hitze des Streits wird Kidane ihn dafür umbringen. Nach den Gesetzen der Scharia bedeutet dies seinen Tod, wenn ihm die Familie des Toten nicht verzeiht. Sie verzeiht nicht. Harte, böse Gesichter.

          Sissako bettet diese Geschichte in das Machtgebaren der Islamisten ein. Musizieren, Rauchen, Alkohol und unnötiger Aufenthalt auf den Straßen stehen unter Strafe, so schreien es Dschihadisten mit Megafon durch die Gassen. Die Einhaltung der neuen Kleiderordnung wird kontrolliert, Gitarrenspiel und Gesang junger Leute geahndet, eine Frau öffentlich ausgepeitscht, die Steinigung vollzogen. Kidanes Hinrichtung steht bevor.

          Ritus der Gewalt

          Doch ein Schrei, ein Akt der Auflehnung, durchbricht die steinerne Ordnung. Nicht die mahnenden Worte des Imams an die Islamisten, sondern eine Frau, Satima, stört den Ritus der Gewalt. Auf diese plötzliche Umkehrung ist der Film von Anfang an angelegt, fast wie bei einem russischen Revolutionsfilm der zwanziger Jahre - ein Erbe, das Sissako seit seinem Regiestudium in Moskau tief geprägt hat.

          Den europäischen Zuschauer mag der Anblick der jahrhundertealten Karawanenstadt mit ihren engen Gassen, Medresen und Moscheen faszinieren. Oder der Anblick eines Sandsturms über der Wüste. Sissako lässt sich diesen exotischen Reiz nicht entgehen, aber Stadt, Wüste und der nächtliche Himmel sind bloß der Hintergrund für ein menschliches Drama, das im Ausdruck der Gesichter kulminiert: die milden, freundlichen auf der einen und die mal dramatisch zerrissenen, mal verschlagenen der Wegbereiter eines islamistischen Staates auf der anderen Seite. Einmal scheint sogar menschliches Mitempfinden den ideologischen Wahn kurz aufhalten zu wollen, wenn der Richter Kidane verhört und ihm doch, trotz Mitgefühls mit dem Vater und der künftigen Waisen, nicht mehr helfen kann.

          „Timbuktu“ will den Albtraum des islamistischen Wütens, den Albtraum jeden guten Muslims, bewältigen, indem er die Sanftmut als die Quelle des Widerstands auf den Plan ruft. Die Kamera Sofiane El Fanis, mal dicht an den Gesichtern, mal in Stadt und Landschaft verweilend, verhilft dem Film zu seiner meisterhafter Bildsprache. Nicht unerwähnt bleiben darf die Musik von Amina Bouhafa, die die inszenierten Geschehnisse mitdenkt und dabei aus Tradition wie Moderne schöpft. Warum sehen wir nicht mehr Filme aus Afrika wie diesen? Es gibt sie, man muss sie nur finden.

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