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700 Folgen „Tatort“ : Alle Wege führen nach Leipzig

Am 29. November 1970 lief der erste „Tatort“. Die Episode „Taxi nach Leipzig“ gilt heute als Meisterstück. Seither wurde die Reihe viele Male totgesagt, doch sie ist vitaler und besser als je zuvor.

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          Die Jubiläen des „Tatorts“ fallen in immer kürzeren Abständen. Am kommenden Sonntag steht der siebenhundertste Fall an, den sechshundertsten lösten die Kommissare Ehrlicher und Kain im Juni vor knapp drei Jahren - in Leipzig. Hundert Folgen und wiederum drei Jahre zuvor, im Mai 2002, trat die Kommissarin Inga Lürsen in Bremen an, bis zum Fall Nummer vierhundert muss man bis zum November 1998 zurückgehen und landet bei den Rekordhaltern, den Kommissaren Batic und Leitmayr in München, die auch im Dezember 1994 beim dreihundertsten „Tatort“ Dienst schoben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Folge Nummer zweihundert ging, im Dezember 1987, auf das Konto des legendären Kommissars Horst Schimanski, dessen nicht minder bekannte Vorgängerfigur, Kommissar Haferkamp, war beim ersten großen Jubiläum am „Tatort“, im Juni 1979. Für die ersten hundert Folgen der Reihe hatten die ARD-Sender noch achteinhalb Jahre gebraucht. Die Schlagzahl hat sich seither verdrei- und vervierfacht. Wenn es so weitergeht, steht das nächste runde Jubiläum schon in zwei Jahren an.

          Historisches Bewusstsein

          Wenn am kommenden Wochenende ein neues Ermittlerteam antritt - Simone Thomalla und Martin Wuttke, von denen man sich viel versprechen darf -, schließt sich ein Kreis und beweist die ARD historisches Bewusstsein. Denn nach Leipzig, wo die neuen Kommissare nun Dienst tun, führte schon der erste „Tatort“, auch wenn der Kommissar Paul Trimmel aus Hamburg kam. Er nahm das „Taxi nach Leipzig“, um gegen offizielle Order einen Fall zu lösen, der ebenso traurig wie hochpolitisch, von geradezu seherischer Qualität, handwerklich perfekt und mit seinem Thema zeitlos und geradezu heutig war und ist: An einem Autobahnrastplatz bei Leipzig wird die Leiche eines Jungen gefunden. Ein Kindsmord? Der Film erspart uns Aufnahmen wie jene, mit denen der „Tatort“ aus Frankfurt kürzlich schockte: Der Film zeigte, wie die Leiche eines Babys seziert wurde. „Taxi nach Leipzig“ aber führt eine Tragödie vor, die mitnimmt. Wir sehen den Jungen noch zu Lebzeiten, schon sterbend, als sein Vater mit ihm über die innerdeutsche Grenze fährt, um seinen Leichnam gegen den anderen, lebendigen Sohn einzutauschen.

          Wie alles begann: „Taxi nach Leipzig” (1970) mit Paul Albert Krumm und Walter Richter (r.) als Trimmel
          Wie alles begann: „Taxi nach Leipzig” (1970) mit Paul Albert Krumm und Walter Richter (r.) als Trimmel : Bild: rbb/NDR/Scharlau

          Mit einem solchen Fall, mit einer derart verwegenen und knallharten Geschichte, sollte den Redaktionen heute mal ein Drehbuchautor kommen. Und dann auch noch mit einem Kommissar (gespielt von Walter Richter), der Zigarre qualmt und Cognac säuft, gern auch mal aus der Flasche und, wenn ihm jemand eine Pistole vor den Bauch hält, genervt erscheint, nicht eingeschüchtert, weder gerührt noch geschüttelt, beziehungsweise das erst, als er erkennt, mit was für einem Fall er es zu tun hat.

          Von der Kritik schwer verkannt

          Dieser allererste „Tatort“ war ein Meisterstück, von der Kritik schwer verkannt, dabei all jene Qualitäten aufweisend, die der Reihe später tatsächlich immer mal wieder verlorengingen. Ein Kammerspiel, ein spannender Thriller, eine Geschichte von Rang, mit stimmiger Dramaturgie und einem bestechenden Ensemble - der Krimi als Gegenwartsroman (siehe auch: „Tatort: Taxi nach Leipzig“ in der F.A.Z.-Kritik (1970)).

          Der Regisseur von damals, der im Jahr 2007 verstorbene Peter Schulze-Rohr, hat zum hundertsten Fall umrissen, was der „Tatort“ sein soll: „offen für den puren Reißer wie für gesellschaftlich engagierte Filme, für das Wiener Volksstück ebenso wie für den schleswig-holsteinischen Western, ja sogar offen für die Ironisierung des eigene Genres“. Schulze-Rohr, ein Regievater des deutschen Fernsehfilms, dessen Stil darin bestand, wie sein Vorbild Ettore Scola keinen Stil zu haben, nahm Anleihen bei Raymond Chandlers Charakteristik des Kriminalromans: „Da seine Form nie zur Vollkommenheit gelangt, ist sie auch nie der Erstarrung verfallen... Sie ist immer noch fließend in Bewegung, ist immer noch zu mannigfaltig, um sich einfach klassifizieren und abstempeln zu lassen, und immer noch wartet sie nach allen Richtungen mit Überraschungen auf.“

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