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700 Folgen „Tatort“ : Alle Wege führen nach Leipzig

Für den Geist der Zeit

Die besseren „Tatorte“ haben sich an diese Zuschreibung gehalten und Figuren hervorgebracht, die für den Geist ihrer Zeit stehen und trotzdem nie gestrig werden - den Nachkriegsmelancholiker Haferkamp (Hansjörg Felmy) etwa; den Proletenbullen Schimanski (Götz George), dessen erstes und letztes Wort im „Tatort“ ein wütendes „Scheiße“ war (siehe auch: 1991: Horst Schimanski quittiert den Dienst am Tatort), oder den singenden Waterkant-Spießer Stoever (Manfred Krug). Die aktuelle Kommissarin aus Hannover, Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), könnte man in diese Reihe aufnehmen, wenn die Filme es in ihrem Fall mit dem Personenkult nicht so weit trieben.

Es ist sensationell, wie viele Figuren die Reihe im Laufe der Jahre, gerade zu Beginn, verschlissen und wie schnell die ARD manchen Kommissar wieder ausgemustert hat. Wer erinnert sich zum Beispiel an Kommissar Ronke (Ulrich von Bock), der für den NDR gerade mal einen Fall löste? Oder an die Kollegen Beck (Hans Häckermann, NDR), Rullmann (Hans-Werner Bussinger, HR) oder Scherrer (Hans Brenner, BR)? Von bislang vierundsiebzig Fernsehermittlern brachten es siebzehn auf gerade mal einen Fall, die langlebigen Figuren stammen alle aus den letzten Jahren - die Bayern Batic und Leitmayr mit neunundvierzig, die gerade in Leipzig abgelösten Ehrlicher und Kain sowie Lena Odenthal und Kollege Kopper aus Ludwigshafen mit vierundvierzig Fällen, gefolgt von Stoever und Brockmöller aus Hamburg (einundvierzig) und den Kölnern Ballauf und Schenk (neununddreißig).

Traumpaare als Witzfiguren

Es hat gedauert, bis die Sender ihre Traumpaare hatten, die inzwischen auch als Witzfiguren taugen - im positiven, wie das Duo aus Münster mit dem stur-stoischen Kommissar Thiel (Axel Prahl) und dem manierierten Pathologen Boerne (Jan Josef Liefers) zeigt. Die unfreiwillig komischen Berlin-Kommissare Roiter (Winfried Glatzeder) und Zorowski (Robinson Reichel) bildeten eine Zeitlang das traurige Gegenbeispiel. Ihnen gab man am Ende nicht nur keine Drehbücher mehr, sie wurden auch in Videoclipästhetik gefilmt. Die alle Jahre wieder ausgerufene Krise des „Tatorts“ war hier tatsächlich mit Händen zu greifen.

Mit der Regionalität wiederum, die dem „Tatort“ als Merkmal zugeschrieben wird, ist das so eine Sache. Der „Tatort“ hat zwar Lokalkolorit, für das der Standort, die Fälle und die Nebenfiguren sorgen, ist aber nur in Ausnahmefällen, etwa mit dem Kommissar Bienzle aus Stuttgart oder der Randfigur Palu in Saarbrücken, ein reiner Regionalkrimi geblieben. Dafür stehen schon die Ermittler, welche seit langem für die Auflösung traditioneller Milieus stehen, am vorläufigen Ende mit dem deutschtürkischen Undercoverpolizisten Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), dessen erster Fall gerade gedreht wird.

Dass der „Tatort“ eine Marke ist - mit dem ersten Fall gesetzt und immer mal wieder aus den Augen verloren -, die davon lebt, dass sie den Nerv der Zeit trifft, hat zuletzt der „Tatort.“ „Wem Ehre gebührt“ gezeigt, der Vergewaltigung und Mord in einer alevitischen Familie zum Thema hatte. Die massive Art und Weise, in der alevitische Verbände gegen den Film opponierten, mag man nicht goutieren, schon gar nicht die hasenfüßige Reaktion mancher Hierarchen auf den Protest. Doch hatte die Kritik, anders als die weithin unterschätzten fundamentalislamischen Aufwallungen, die alle naselang geschürt werden, wenn es um Muslime in Deutschland geht, einen berechtigten Ansatzpunkt: die Klischees, gegen welche die Aleviten seit Jahrhunderten kämpfen, zumal in der Türkei. Dieser Dimension zeigt sich das Drehbuch nicht gewachsen, anders als die Geschichte, die am Anfang aller „Tatorte“ stand, das „Taxi nach Leipzig“.

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