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70 Jahre „Spiegel“ : Sagen, was ist

Schimpf und Schande gab es in den vergangenen Jahrzehnten reichlich für das Magazin. Heute kann man auf die prominenten Testimonials stolz sein. Bild: dpa

Der „Spiegel“, das „Sturmgeschütz der Demokratie“, erschien vor siebzig Jahren zum ersten Mal. Seitdem hat es das Magazin einige Male kräftig durchgeschüttelt, doch an seiner Maxime ändert sich nichts.

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          Als vor siebzig Jahren, am 4. Januar 1947, die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Spiegel“ erschien, hatten die Deutschen zwölf Jahre Terrorherrschaft, Vernichtungspolitik und gleichgeschaltete Presse hinter sich. Neutrale, an Objektivität orientierte Berichterstattung und Meinungsvielfalt hatte das NS-Regime ausgemerzt und durch totalitäre Propaganda ersetzt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Rudolf Augstein, der dreiundzwanzig Jahre junge Gründer des Magazins, hatte es erlebt und versuchte sich sofort nach dem Zweiten Weltkrieg im Umkehrschluss. Er arbeitete für das „Hannoversche Nachrichtenblatt“, wurde von drei britischen Presseoffizieren für die neue Zeitschrift „Die Woche“ angeheuert und erlebte sogleich, was Pressefreiheit bedeutet und bewirkt: Das Blatt wurde nach fünf Ausgaben eingestellt, weil – es Kritik an den Alliierten geübt hatte. Die Lizenz für die Zeitschrift blieb erhalten, mit dieser legte der „Spiegel“ los.

          Angriff auf die Presse der Bundesrepublik

          Augsteins Maxime war: vor keiner Autorität kuschen, auch nicht vor einer befreundeten. Daran hat sich sein Blatt gehalten und ist damit gut gefahren. Denn nur so wird ein Magazin, wird eine Zeitung, wird eine Publikation selbst zur Autorität, indem sie vor anderen nicht kuscht und ihren kritischen Apparat gegen alle Einflüsse von außen behauptet.

          Rudolf Augstein übte sich darin von der ersten Minute an. Es dauerte nicht lange, da wurde sein Magazin verklagt, Ausgaben wurden beschlagnahmt, im Oktober 1962 schließlich wurde die Redaktion durchsucht, wurden Unterlagen beschlagnahmt und Augstein und sieben weitere „Spiegel“-Mitarbeiter verhaftet. Warum? Weil der „Spiegel“ vermeintlich „Landesverrat“ begangen hatte. Unter dem berühmten Titel „Bedingt abwehrbereit“ war eine Geschichte gelaufen, in der die Bundeswehr als genau das erschien – bedingt abwehrbereit.

          Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß fasste das als Machtprobe auf, die es auch war und die er verlor. Sein Angriff auf den „Spiegel“ war nicht nur einer auf einen Journalisten und eine Redaktion, sondern einer auf die freie Presse der Bundesrepublik, die das sehr wohl verstanden hatte. Nach 103 Tagen in Untersuchungshaft kam Augstein frei, Strauß musste sich zurückziehen. Durch die „Spiegel-Affäre“ war der Ruf des Magazins als „Sturmgeschütz der Demokratie“ auf Jahrzehnte gefestigt.

          Schärfe des moralisierenden Urteils

          Doch sollte man sich nicht täuschen: Rudolf Augstein war nicht bloß Vertreter einer „vierten Gewalt“, welche die drei anderen durch Kritik und Herstellung von Transparenz befördert, er machte Politik und verfolgte konkrete Ziele. Strauß zu verhindern war eines davon, die sozialliberale Koalition der Siebziger zu installieren ein zweites. Wer sich heute Augstein im O-Ton zu Gemüte führt, legt ob der Schärfe des moralisierenden Urteils die Ohren an, zumal, wenn man sich die Recherchen des Publizisten Lutz Hachmeister ins Gedächtnis ruft, der aufdeckte, dass in der Redaktion des „Spiegel“ auch ehemalige SS- und SD-Leute saßen.

          Siebzig Jahre später hat es den „Spiegel“ einige Male durchgeschüttelt, vor allem in der Zeit nach dem langjährigen Chefredakteur Stefan Aust, vor allem im Ringen um die richtige publizistische Strategie – mit dem gedruckten Magazin, dem Online-Auftritt und der Fernsehproduktionstochter. Zur Positionsbestimmung im Hier und Jetzt findet sich jetzt in der Jubiläumsausgabe ein lesenswerter Essay des „Spiegel“-Reporters Ullrich Fichtner, in dem er das Motto neu formuliert, an dem jeder vorbei muss, der das Verlagsgebäude an der Hamburger Ericusspitze betritt: „Sagen, was ist“.

          So sagte es Rudolf Augstein und so sagt es der Essay und fächert auf, was das in Zeiten von Trump, Facebook, „Lügenpresse“-Geschrei, „Hate Speech“, „Fake News“, Political-Correctness-Diktaten und einer immer größer werdenden Kluft zwischen Politik und Bürgern bedeutet: Man muss den drei Worten nichts hinzufügen, darf nichts weglassen, man muss es einfach machen: sagen, was ist.

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