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500 Mal Markus Lanz : Der große Eiertanz

Ein Quotengarant ohne Profil: Markus Lanz Bild: Markus Hertrich

Markus Lanz hat jetzt 500 Ausgaben seiner Talkshow im ZDF absolviert. Gern würde er fünfhundert weitere machen. Doch davor kann man nur warnen.

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          Es ist gar nicht lange her, da war Markus Lanz auf dem Zenit. Um es ganz genau zu sagen: Er war es bis zum Abend des 8.Juni 2013. An diesem Abend wurde er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgebuht. Und das ausgerechnet, weil er sich in der Show „Wetten, dass ..?“ von seiner guten Seite zeigte: einer Kandidatin, die bei der Wette um den besten Limbo-Tanz partout darauf bestand, dass man dabei auch auf den Knien durch den Sand rutschen dürfe, schenkte er die Reise nach Hawaii, die sie sich eigentlich erst hätte erwettstreiten müssen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die junge Dame war aber ebenso uneinsichtig wie naiv, was Lanz ihr wohl zugutehielt. Dem Publikum jedoch erschien der Auftritt als dreist, der Lohn als ungerecht, und es senkte den Daumen in der Arena auf Mallorca. Für Markus Lanz aber ist ein solcher Affront nichts. Er ist kein Tribun, kein Princeps, er fällt kein Urteil und will am Ende mit allen noch ein Bier trinken können. Keinen Streit, nicht mal eine Kontroverse hält er aus. Bei „Wetten, dass ..?“ ist das normalerweise kein Problem. Nur an diesem Abend, an dem auch sonst so recht nichts funktionierte, da war es anders.

          Der methodischen Wahnsinn einer ganz normalen Lanz-Folge

          Das eigentliche Problem an der Sache aber sind nicht die Peinlichkeiten bei der in die Jahre gekommenen Show „Wetten, dass ..?“ Es ist, dass Markus Lanz gar nicht anders kann. Und dass das ZDF seine scheinbar menschenfreundliche Uneigentlichkeit zum Programmprinzip erhoben hat. Lanz macht „Wetten, dass ..?, er wandert zum Nord- und zum Südpol, macht den Jahresrückblick des Senders und tritt dreimal pro Woche mit der Talkshow auf, die nach ihm benannt ist.

          Und wie heftig auch immer man sich über den dazu in Konkurrenz stehenden ARD-Talkshowreigen streiten kann - vergleichbar mit Lanzens Show ist das alles nicht. Die verblasenste Ausgabe von „Menschen bei Maischberger“ ist nichts gegen den methodischen Wahnsinn einer ganz normalen Folge von Lanz. Auf fünfhundert davon hat er es inzwischen gebracht. „Wer hätte das gedacht“, sagte er am Mittwoch bei seiner Jubiläumsausgabe. Ja, wer hätte das gedacht - dass gebührenfinanziertes, öffentlich-rechtliches Fernsehen einmal so aussieht. Und sich auch noch etwas darauf einbildet, dass es ist, wie es ist.

          Markus Lanz ist der Fleisch gewordene Touchscreen

          Was es ist, das war in Folge fünfhundert in Reinkultur zu sehen: ein Kessel Buntes mit Musikeinlage, umschwenkt von Selbstbeweihräucherung, Banales derartig aufgeblasen, dass das Wichtige daneben winzig und nichtig erscheint, bar jeder Erkenntnis, aber unterhaltsam und von diesem adretten, netten Mann präsentiert, der immer auf der Kante seines Sessels hockt, um näher bei seinen Gästen zu sein, stets auf dem Sprung, sie mit einer Geste leicht anzutippen, damit irgendetwas aus ihnen heraussprudelt, von dem sie erst später merken, wie peinlich es ist.

          Markus Lanz ist der Fleisch gewordene Touchscreen - er berührt seine Gäste, damit sie uns anrühren, und wenn genug gerührt ist, ist die Sendung vorbei. Worum es dabei ging, hat man fünf Minuten nach Ende der Show (so man sie durchsteht) schon wieder vergessen.

          Eine Orgie der Emotionen

          Am konkreten Beispiel der Ausgabe Lanz 500: Zwei Sätze zu Obama (große Rede - warum, wird nicht thematisiert, es ging irgendwie um Abrüstung und Toleranz, Obama hat sogar Schwule und Lesben erwähnt); es folgt eine nichtssagende Erläuterung von Wolf von Lojewski dazu und zu den Tränen von Peer Steinbrück; nahtloser Übergang zu Verona Pooth, die bei Lanzens Vorgänger Johannes B. Kerner weinte; dann (sehr lange) die Schauspielerin Katrin Sass, die von ihrer Verfolgung durch die Stasi erzählt, vor allem aber wegen ihres Ausbruchs in einer früheren Lanz-Folge da ist, in der sie einen Teilnehmer des RTL-Dschungelcamps in die Tonne trat und sich bis heute darauf etwas einbildet (dass Lanz wochenlang Leute aus dem Dschungelcamp eingeladen hat und beim ZDF kostenlos Werbung für den Privatsender machte, für den er zuvor arbeitete, bleibt unerwähnt); zwischendurch Randbemerkungen des Comedy-Autors Peter Rütten (langjähriger Chefautor bei Harald Schmidt) und schließlich eine mitreißende Predigt des Vatikan-Exegeten Andreas Englisch über den neuen Papst (hundert Tage Franziskus). Fertig. Lanz setzt sich ans Klavier, Katrin Sass singt „Über den Wolken“.

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