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500. Ausgabe von Maybrit Illner : Die Hand der Moderatorin

Wenn aktuelle Themen diskutiert werden, ist sie zur Stelle: Maybrit Illner Bild: dapd

Maybrit Illners Talkshow läuft zum fünfhundertsten Mal. Das ist ein beachtliches Jubiläum. Wie man die Moderatorin zum Schweigen bringt, wusste nur Gorbatschow.

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          Muss bald ganz Deutschland auf die Couch?“, hat Maybrit Illner vor ein paar Wochen gefragt. Nicht ganz Deutschland, möchte man mit Blick auf das damalige Thema „Burn-out“ hoffen. Und nicht ganz Deutschland muss in Illners Talkshow, aber wohl doch irgendwann jeder, der sich zu jenem Teil der Welt zählt, der in Politik und Gesellschaft den Ton angibt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Laufe von fünfhundert Sendungen sind das einige gewesen, Politprofis und Experten für einen Tag, Kanzler und Kanzlerin, der Dalai Lama, Lech Walesa und Michail Gorbatschow. An Letzteren erinnert sich die Moderatorin, wie sie kürzlich beim Kollegen Markus Lanz sagte, besonders gern. Und er war angeblich auch einer der wenigen, die sich nicht von ihr unterbrechen ließen. Sein Kniff: Er ergriff ihre Hand. Händchenhalten, um auszureden, dass muss man sich merken.

          Eigenwerbung in der Geisterstunde

          Die Gäste, die nicht direkt neben Maybrit Illner sitzen, müssen sich etwas anderes ausdenken. Aber unterbrochen werden sie ja nur, wenn sie ins Schwafeln geraten. Das muss man Maybrit Illner zugutehalten: Sie ist fix, sie ist helle, ihre Gesprächsführung ist selten lahm, bisweilen wird es laut und chaotisch, aber das ist, in Maßen, einer Talkshow nicht abträglich. Die Damen und Herren, die den Ersatzparlamenten im ersten und zweiten Programm vorsitzen, müssen vielmehr allesamt eher darauf achten, dass sie angesichts ihrer vermeintlichen Bedeutung nicht kollektiv abheben im Raumschiff Berlin beziehungsweise im Raumschiff Fernsehen.

          Die Lanz-Sendung, in der Maybrit Illner für ihre Sendung werben durfte wie Claus Kleber für seine neueste Weltreportage, hatte etwas davon. Staunend begutachtete man, wie gutsituierte Fernsehgrößen - die Trashtalkerin Britt Hagedorn von Sat.1 und die Schauspielerin Uschi Glas waren ebenfalls zugegen - sich über das Leben der Armen unterhielten. Über Kinder, die ohne Frühstück in die Schule kommen, und über Hartz-IV-Familien, in denen es keinen Herd mehr, wohl aber in fast jedem Zimmer einen Flachbildschirm gebe. Das war (außer bei der sozial engagierten Uschi Glas) eine Geisterstunde, befeuert von Markus Lanz, der stets auf der Suche nach der nächsten flachen Pointe ist.

          Wenn es die Zwangsklammer nicht geben würde

          Auf ein solches Niveau sinkt Maybrit Illners Sendung gemeinhin nicht. Ihr Team verstehe sich gewissermaßen als „Stiftung Warentest für Politik“ hat sie einmal gesagt. Als Stiftungsvorsitzende agiert die ehemalige Sportredakteurin des DDR-Fernsehens, die beim ZDF im „Morgenmagazin“ anfing und im Oktober 1999 mit der damals noch „Berlin Mitte“ heißenden Talkshow debütierte, unideologisch und zumeist vorurteilsfrei. Mancher Test geht in die Hose, wie jene denkwürdige Sendung vor drei Jahren mit dem Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann, deren vermeintlichen Nachrichtenwert das ZDF, da die Show aufgezeichnet worden war, schon vor Sendebeginn verwurstete, was weniger für die Zuschauer von Erkenntnisgewinn war denn für die hektisch reagierenden Aktienmärkte.

          Die fünfhundertste Ausgabe von „Maybrit Illner“ läuft heute Abend - das Dienstalter sieht man der Sendung nicht an, und die im Übermaß vorhandene Talkshow-Konkurrenz im Ersten fällt ihr viel weniger zur Last als der ARD selbst. Mit dem Jubiläumsthema „Die oder wir? Der brutale Kampf um Rohstoffe“ reiht sich Maybrit Illner in die ZDF-Themenwoche „Burnout“ (schon wieder) „Der erschöpfte Planet“ ein. Gäbe es diese Zwangsklammer nicht, hätte die Moderatorin, darauf würden wir wetten, auf das aktuelle Thema des Terrorismus von rechts gesetzt. Sie hätte auch auf das Motto ihrer allerersten Sendung verfallen können. Das hieß: „Streichen bei den Reichen?“

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