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„Tatort“ aus Frankfurt : Nirgendwo ermitteln mehr Kommissare

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„Wer zögert, ist tot“: Regisseurin Petra Lüschow und Wolfram Koch alias Kommissar Paul Brix bei den Dreharbeiten zum neuen Tatort aus Frankfurt. Bild: hr/Bettina Müller

Der „Tatort“ ist kürzlich fünfzig geworden. Besonders die Produktionen des Hessischen Rundfunks fallen auf. Woran liegt das? Von perfekten Fliegen, zweifachen Oscar-Preisträgern, Hirntumoren und einem Bordell in der Tiefgarage des HR.

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          Vielleicht ist er nicht so bekannt wie der „Tatort“ aus Münster, ist weder Münchner Urgestein, noch kann er mit Wiener Praterperspektiven aufwarten. Der „Tatort“ aus Frankfurt fliegt unter dem Radar und will einfach in keine Schublade passen. Ist es gerade das, was ihn besonders macht? „Der Frankfurt-,Tatort‘ hat eine gewisse Härte, die sich in der Stadt widerspiegelt. Er zeigt, wo es in der Stadt knirscht, wo Gegensätze aufeinanderprallen. Die letzten drei Teams haben das gut herausgearbeitet“, findet Oberbürgermeister Peter Feldmann.

          Immerhin ist Frankfurt Spitzenreiter im Ranking der „Tatort“-Städte: In den vergangenen 50 Jahren ermittelten nirgendwo mehr Kommissare als in der Mainmetropole. Und sicher trägt die Stadt etwas zur DNA dieses „Tatorts“ bei. „Frankfurt ist nicht einfach nur eine Kulisse, es erzählt ganz viel und hat extreme Gegensätze – von Banken und Bahnhofsviertel bis zur dörflichen Struktur“, sagt Petra Lüschow, Regisseurin des aktuell produzierten Falls. Manchmal schreckt der Hessische Rundfunk sogar vor zu viel Realität der Stadt zurück: Für die Dreharbeiten zur Folge „Frankfurt–Miami“ im Jahr 1996 etwa wurde statt eines Rotlichtviertel-Sets am Bahnhof eigens ein Bordell in der Tiefgarage der Sendeanstalt nachgebaut.

          Ein „Tatort“ ohne Mord

          Seit Beginn der hr-„Tatort“-Geschichte versuchten sie immer wieder auch erzählerisch besonders zu sein: Das galt schon für die Pilotfolge „Frankfurter Gold“ im Jahr 1971. Autor und Regisseur Eberhard Fechner bezeichnet seinen Film als „kapitalistische Komödie“. Er handelte von der wahren Geschichte des Joachim Blum, der mit gefälschten Goldbarren in den sechziger Jahren ein Vermögen macht – ungefähr 700.000 Mark für 68 vergoldete Bleibarren. Was schon damals untypisch für einen „Tatort“ war: Der Film stellt als Wirtschaftskriminalfall keinen Mord in den Mittelpunkt der Handlung. Tatsächlich fällt er sogar derart dokumentarisch aus, dass er Einfluss auf die Unschuldsvermutung zu haben scheint.

          Joachim Blums Anwalt leitete deshalb nach Ausstrahlung rechtliche Schritte gegen den Hessischen Rundfunk ein. Er sah seinen Mandanten, dessen Prozess 1973 und damit erst zwei Jahre später begann, öffentlich vorverurteilt. Eine „Fernseh-Hinrichtung“, wie er sagte. Und er kritisierte: „Das war keine Komödie und nicht erfunden, der Film war ein Abklatsch der Akten.“ Die juristischen Auseinandersetzungen über „Frankfurter Gold“ halten indes Hauptkommissar Konrad (gespielt von Klaus Höhne), den ersten Ermittler der Mainmetropole, nicht von seiner Arbeit ab. So löst der kulturell interessierte, charmante wie freundliche Beamte von 1971 bis 1979 acht Fälle. Dies übrigens ohne eigenen Vornamen, diese Figur hatte nie einen erhalten – genau wie auch einer seiner Nachfolger, Kommissar Bergmann, den gleich zwei Darsteller (Heinz Treuke und Lutz Moik) spielten.

          Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung?

          Dass der Frankfurt-„Tatort“ gerne experimentiert, bewies auch das Personalkarussell der darauffolgenden Jahre. Die Ermittler wechselten jeweils nach nur einer Episode: Auf Bergmann folgten 1980 Sander, 1982 Rolfs, 1984 Rullmann und 1985 Dietze. Erst Karl-Heinz von Hassel brachte mit seiner Darstellung des Kriminalhauptkommissars Edgar Brinkmann Kontinuität: 28 Fälle löste er als nüchtern-zielgerichteter Dienststellenleiter der Frankfurter Mordkommission, immer gekleidet mit Anzug, Weste und seinem Markenzeichen, der Fliege. Wenn ein Kollege ihn mit Sätzen wie „Das organisierte Verbrechen ist einfach besser angezogen“ herausforderte, entgegnete Brinkmann lakonisch wie lapidar: „Nö.“

          Nach einem Intermezzo im Jahr 1995 von Kommissar Leo Felber (übrigens verfügen „Tatort“-Ermittler normalerweise über den Dienstgrad Kriminalhauptkommissar) wagte der hr einen Neustart: Man gab sich als Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung, zumindest, was den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angeht. Als eine der ersten Anstalten setzten die Hessen auf das, was in den folgenden Jahren Erfolgsrezept wird: Frau und Mann im Team. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf überzeugen ab sofort als Duo Sänger/Dellwo.

          Alles aus einer Hand

          Im Jahr 2011 wiederum übernahmen – nach kleinen Teamfindungs-Schwierigkeiten – Kommissar Frank Steier (Joachim Król) und Kommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf). Und seit dem Jahr 2015 ermittelt das aktuelle Duo: Paul Brix (Wolfram Koch) von der Sitte, scheinbar harter Kerl der Halbwelt, und Anna Janneke (Margarita Broich), Polizeipsychologin, alleinerziehende Mutter und analytische Hobbyfotografin. „Eine Psychologin und ein Straßenköter von der Sitte!“, so begrüßt ihr Vorgesetzter die beiden in ihrer ersten Episode.

          Jörg Himstedt, „Tatort“-Redakteur des hr, sagt, man habe die Figuren „nicht explizit außergewöhnlich geplant“. Dass die Fälle der „entgegengesetzten Ermittler“, die sich immer auf Augenhöhe begegnen, überzeugen, hat aber sicher auch mit den Produktionsbedingungen zu tun. „Dadurch, dass wir selbst produzieren, vom ersten Entwurf bis zum fertigen Film, können wir den ,Tatort‘ in der Hand haben und lenken – deshalb sind wir sehr nah dran am Projekt“, findet Himstedt. Auch die Darsteller der Kommissare seien früh in die Buchentwicklung eingebunden.

          Kriminalfälle für den Giftschrank

          Quasi nebenbei begeistert auch Ulrich Tukur für den hr, von dem Himstedt sagt: „Mit Tukur loten wir ständig die Grenzen aus.“ In acht ganz verschiedenen Fällen ermittelt er als LKA-Beamter Felix Murot. Murot, das ist ein Anagramm des Wortes „Tumor“ und charakterisiert die Rolle getreu dem lateinischen „nomen est omen“: Die Existenz eines Hirntumors soll den Ermittler feinfühliger machen und für seine Fälle sensibilisieren. Murot gibt dem Tumor den Namen einer Jugendliebe und spricht immer mal wieder mit „Lilly“ – fast wie mit einer liebgewonnenen Gegnerin: „Lilly“, sagt er, „denk daran, wenn du mich fertig machst, machst du dich selber fertig.“ Gleich für die erste Folge „Wie einst Lilly“ erhält Tukur die Goldene Kamera als bester deutscher Schauspieler, und die „Tatort“-Folge wird zudem als bester deutscher Fernsehfilm nominiert, ebenso für den Grimme-Preis.

          Worin der Frankfurt-„Tatort“ noch besonders ist? Er führt die Liste sogenannter „Giftschrank-Episoden“ an. Das bezeichnet jene Fälle, die bei den Sendern interne Sperrvermerke erhalten und etwa aus lizenzrechtlichen Gründen nicht wiederholt werden dürfen. Aber auch aus inhaltlichen Gründen kann ein „Tatort“ in den „Giftschrank“ wandern. Auffällig ist die Produktion „Mit nackten Füßen“ aus dem Jahr 1980: Offenbar erweckt sie den Eindruck, die Krankheit Epilepsie führe zu Gewalttätigkeit. Und wenn Kommissar Sander mit Blick auf die Hauptverdächtige und ihre Epilepsie fragt, wohin ein Anfall führen könne, antwortet der Mediziner im Film: „Herr Sander, als Kriminalkommissar möchten Sie natürlich gerne hören: bis zum Mord. Das ist allerdings nicht erwiesen. Andererseits kann ich als Arzt eine solche Möglichkeit auch nicht ganz ausschließen.“

          In der Villa von Nele Neuhaus

          In der nun 50 Jahre langen Geschichte des hr-„Tatorts“ wirken neben den Ermittlern immer wieder bekannte Künstler mit, darunter Hans Christian Blech, Klausjürgen Wussow, Esther Schweins, Doris Kunstmann, Uwe Ochsenknecht, Iris Berben, Dietrich Mattausch und Hannelore Elsner. In der 467. „Tatort“-Folge „Unschuldig“ spielt darüber hinaus die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth sich selbst in einer kurzen Cameo-Szene im Römer. Im Jahr 2009 war zudem der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz im Gespräch für die Rolle eines Ermittlers. Fernsehspielchefin Liane Jessen bestätigte damals: „Er hat klargemacht, dass er sich die Rolle vorstellen könnte. Aber nur, wenn er als Ermittler allein agieren kann. Nicht im Team.“

          Dass der Frankfurter „Tatort“ etwas Besonderes ist, das finden schlussendlich auch die Fans. Auf der gleichnamigen Website schreibt etwa die vierzigjährige „Sabine“ über eine Ermittlung des aktuellen Duos um ein Agentenehepaar: „,Hallo Leute!‘ Der Frankfurter Tatort bleibt seinem Konzept treu und wird einfach keiner Schublade gerecht.“ Auch dieser Fall basiert übrigens auf wahren Ereignissen: Im Jahr 2011 wurde in Marburg ein russisches Agentenehepaar enttarnt, angeklagt und verurteilt. Dass der Film ausgerechnet in jener Villa gedreht wurde, in der Bestsellerautorin Nele Neuhaus am Küchentisch ihre ersten Taunus-Krimis schrieb, zeigte, wie dieser „Tatort“ auch in Details darum bemüht ist, anders zu sein. Oder in den Worten von „Tatort“-Fan „Hans W.“: „Schöne Sache. Die ,Frankfurter‘ überraschen immer wieder mit anderen stilistischen Ansätzen, dabei bleiben die Kommissare angenehm zurückhaltend und sympathisch und sind doch profiliert.“

          Ganz besondere Erzählungen

          Und nun? Gerade hat der hr unter dem Arbeitstitel „Wer zögert, ist tot“ einen neuen Fall produziert: Auf einem Golfplatz wird ein Mann von vier mit Hundeköpfen Maskierten niedergestreckt; abgetrennte Finger werden mit der Post verschickt, und ein betuchter Wirtschaftsanwalt weigert sich, für die Freilassung seines Sohnes zu zahlen. Als dann noch eine von einem Zaunpfahl durchbohrte Frauenleiche im Taunus auftaucht, befindet sich die nächste Ermittlung von Janneke und Brix schon in vollem Gange.

          Die Dreharbeiten in Frankfurt und Umgebung sollen am 8. Oktober abgeschlossen sein. Regie führt Petra Lüschow, die auch das Drehbuch geschrieben hat. Über die Arbeit in Zeiten von Corona sagt sie: „Das läuft wirklich gut, die Leute sind sehr diszipliniert. Wir haben aber auch Glück gehabt, wir konnten viel draußen drehen.“ Der aktuelle Fall ist schon ihre zweite hr-„Tatort“-Produktion. „Ich fühle mich als Autorin gespiegelt und gesehen“, schwärmt Lüschow. Und sie ergänzt: Den Frankfurter „Tatort“ verfolge man in der gesamten Branche genau, „weil es ganz besondere Erzählungen sind“. Und weil man sich nicht immer an jenem „Retrorealismus“ abarbeite, „der das deutsche Fernsehen dominiert“. Was bleibt da noch zu sagen?

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