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„Der Kommissar“ : Der alte Mann und der Mord

  • -Aktualisiert am

Überall Junkies und Beatschuppen: Der Kommissar Keller (Erik Ode) mit Kriminalassistentin Helga (Emely Reuer). Bild: Picture-Alliance

Wie sich eine Gesellschaft in ihren Verbrechen wiedererkannte: Vor fünfzig Jahren trat Erik Ode im ZDF als „Der Kommissar“ zum Dienst an.

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          In einem Alter, da andere an die Rente denken, legte er los. Erik Ode war 57, als er in der Rolle des Kommissars Herbert Keller seinen ersten Fall löste. Dabei halfen ihm seine drei Assistenten Robert (Reinhard Glemnitz), Walter (Günther Schramm) und Harry (Fritz Wepper, der später zu „Derrick“ wechselte und von seinem Bruder Elmar abgelöst wurde), die Kriminalassistentin Helga (Emely Reuer) und eine bedingungslos ergebene Sekretärin namens Rehbein (Helma Seitz). Acht Jahre später hatte Keller rund hundert Mörder überführt und Millionen Zuschauer gefesselt.

          „Der Kommissar“ war niemals langweilig. In keiner seiner 97 Folgen. Er war aber auch nie aufregend oder auf Action getrimmt. Das Höchstmaß an Rasanz war erreicht, wenn Robert, im Stile eines Aushilfs-Jerry-Cotton, über Jägerzäune hüpfte. Das sah lustig aus.

          In Anzug und Schlips im Beatschuppen

          Auch sonst gab es bei Keller & Co. viel zu lachen – aus heutiger Sicht. „Der Kommissar“ war nämlich mehr als ein Mörder-Suchspiel. Es war eine Zeitgeiststudie in einer Zeit, in der man Zeitgeist noch nicht kannte. Selbstverständlich gab es in jeder Folge gleich zu Beginn den obligatorischen Mord. Doch dieser diente nur als Aufhänger, sich die bundesrepublikanische Gesellschaft näher anzuschauen. Der Weg war das Ziel. Und deshalb führte jede Ermittlungstour auch immer über die Stationen Doppelmoral und Exzess. Wenn Keller und Team in Anzug und Schlips in Beatschuppen hinabstiegen, sollte das aufrütteln, betroffen machen.

          Die Crew: Erik Ode mit Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper und Günther Schramm.
          Die Crew: Erik Ode mit Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper und Günther Schramm. : Bild: Picture-Alliance

          Heute wirkt es komisch, da hoffnungslos klischeeüberladen. Hippies vor Che-Guevara-Postern delirieren zu Krautrock. Robert, Walter und Harry schütten trinkfest Bier und Klare in sich rein. Und nur Keller, dem selbst in Augenblicken höchster Spannung nie die Kippenasche auf den Boden fiel, bleibt gelassen, ist durch nichts zu erschüttern, als wolle er sagen: „Jungs, ich habe Hitler, zwei Weltkriege und eine halbe Ewigkeit Verbrechensbekämpfung hinter mir. Da werden mich doch ein paar Junkies nicht aus dem Gleichgewicht bringen.“

          Altersstarre Väter im Zweireiher

          Keller ist der kettenrauchende Ruhepol in einer Welt des Umbruchs und Zerfalls. Eltern verstehen ihre Blagen nicht mehr, Neureiche spielen Caligula, Kleinbürger zittern vor Zuhältern. Es wimmelt von Neurotikern und Nervenärzten – und Junkies. Heute, vierzig Jahre nach Christiane F., tauchen Rauschgiftopfer selten in Fernsehkrimis auf. Damals aber, als jene, die am Wirtschaftswunder mitgezimmert hatten, ansehen mussten, wie ihre Kinder auf die schiefe Bahn gerieten, war „Der Kommissar“ die Studie, die einer ratlosen Gesellschaft allmonatlich Erklärungen lieferte.

          Und wie sie das tat: Da prallten Extreme aufeinander. Dialoge als Frontalzusammenstöße. „Der Kommissar“ war der vielleicht letzte ernstzunehmende Versuch des Fernsehens, in einer immer stärker zerfasernden Welt noch einmal klare Fronten zu schaffen. Nicht zufällig drehte man in Schwarzweiß, obgleich es damals, 1969, schon Farbfernsehen gab. Altersstarre Väter im Zweireiher schrien hilflos ihre Langhaarkinder an (sofern diese noch am Leben waren). Und auf einmal war alles sternenhimmelklar: warum es nicht mehr klappte zwischen den Generationen. Warum den Autoritäten die Autorität zerrann. Das bekamen auch Keller und Gefolge zu spüren. Sie durften noch so sehr menscheln und wurden dennoch, vom Luden bis zum Sozialarbeiter, stets nur als Vertreter der Staatsmacht, also als Feinde, ausgemacht. Deshalb waren Harrys und Walters Versuche, sich an Jugend und Unterwelt ranzuschmeißen, selten von Erfolg gekrönt. Keller, da zu lebensklug, und Robert, da zu bieder, machten da nicht mit.

          Was aus dem deutschen Krimi hätte werden können

          Überhaupt, Robert, der heimliche Held der Serie, chronisch unterschätzt: Wie er den immer etwas übereifrigen, nassforschen Hüter von Gesetz und Ordnung markierte – das hatte Witz und Klasse. Mit dem Ende der Serie ging auch die Karriere des Schauspielers Reinhard Glemnitz zu Ende. Was hätte er sonst spielen können?

          Es endete aber noch mehr. Wer heute „Kommissar“-Folgen sieht, ahnt, was aus dem neuen deutschen Krimi hätte werden können. Was da in sechzig Minuten an psychologisch entlarvenden Kameraschwenks und dramaturgisch exakt gesetzten Schnitten reingepackt wurde, steht in der Tradition von „Citizen Kane“. Zufall war das nicht. Beim „Kommissar“ führten Altmeister wie Wolfgang Staudte und Helmut Käutner Regie oder junge Kollegen, die an die Macht der Bilder glaubten und mit entsprechendem Elan herangingen.

          „Der Kommissar“ war mehr als ein Mörder-Suchspiel. Es war eine Zeitgeiststudie in einer Zeit, in der man Zeitgeist noch nicht kannte.
          „Der Kommissar“ war mehr als ein Mörder-Suchspiel. Es war eine Zeitgeiststudie in einer Zeit, in der man Zeitgeist noch nicht kannte. : Bild: Picture-Alliance

          Das galt auch für Schauspieler und Musiker. Lilli Palmer, Will Quadflieg oder Curd Jürgens gaben Gastspiele. Talente wie Matthieu Carrière verdanken dem „Kommissar“ einen Karriereschub. Und eine Frau namens Daisy Door landete gar auf Platz eins der deutschen Hitlisten, nachdem ihr Song „Du lebst in deiner Welt“ – ursprünglich nur als musikalische Untermalung gedacht – einen Nachfrageboom ausgelöst hatte.

          So wurde „Der Kommissar“ für alle Beteiligten eine Erfolgsstory, die ewig hätte weitergehen können. Tat sie aber nicht. 1976, im Jahr, als die zweite RAF-Generation im großen Stil Morde und Entführungen plante, war Schluss. Kommissar Keller als Terroristenjäger? Das wäre zu viel des Zeitgeists gewesen. Angesichts von Krimiklamauk wie beim „Tatort“ aus Münster und weichgespültem Pseudorealismus kann man schon etwas wehmütig werden im Rückblick auf den „Kommissar“, der über Land und Leute doch ziemlich viel erzählte.

          3sat zeigt Freitag und Samstag Nacht zum Jubiläum elf Folgen von Der Kommissar. Es beginnt am Freitag um 22.25 Uhr, am Samstag um 22.45 Uhr.

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