https://www.faz.net/-gqz-7bdox

50 Jahre Bundesliga im Ersten : Noch einmal sagte Lippens: „Ich danke Sie!“

Ob in den 1970er Jahren aus der Tiefe des Raums oder heute in der Tiefe des Studiosessels: Günter Netzer weiß zu brillieren. Bild: NDR/dpa

„Ligafieber“ heißt der Fünfteiler, mit dem das Erste bis Ende Juli fünfzig Jahre Bundesliga feiert. Drei Folgen wurden bisher gesendet. Nur die erste allerdings, bei der auch Günter Netzer zu Gast war, konnte wirklich überzeugen.

          3 Min.

          Als am 24. August 1963 die acht allerersten Partien der neu gegründeten Fußball-Bundesliga angepfiffen wurden - weiland noch um 17 Uhr -, standen mit Helmut Rahn (Meidericher SV), Max Morlock (1. FC Nürnberg) und Hans Schäfer (1. FC Köln) noch drei, inzwischen schon etwas betagte Helden des Berner WM-Finales von 1954 auf dem Platz - und am Ende der Premierensaison war es dann auch der Kölner Kapitän, der die erste Meisterschale der neuen Zeitrechnung in den rheinischen Himmel stemmte.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dank seines Präsidenten Franz Kremer, eines Fußball-Managers avant la lettre, war der 1. FC Köln damals der modernste Klub der Bundesrepublik; kein Wunder, dass er mit dem neunzehn Jahre alten Talent Wolfgang Overath auch einen der jüngsten Spieler in seinen Reihen hatte. Nur noch einmal, 1978, ließ sich der Triumph wiederholen - ansonsten übernahmen Kremers Nachfolger sich meist, Leichtsinn und Hochmut kamen vor dem Fall.

          Aber gerade die Mischung aus Tradition, Avantgarde und Größenwahn macht den Meister von 1964 zum Symbol für die Bundesliga schlechthin.

          Von Anekdoten umrankte Erinnerungsseligkeit

          Die Euphorie könnte im Jahr des fünfzigsten Geburtstags nicht größer sein. Die Bundesliga, so eröffnete der Moderator Reinhold Beckmann Mitte Juni die erste von fünf Jubliläumssendungen unter dem Titel „Ligafieber“, habe über die Jahrzehnte hinweg „unvergessliche Momente“ beschert, zugleich „eine beispiellose Erfolgsgeschichte“ geschrieben und präsentiere sich gegenwärtig „jünger denn je“. Damit stand einer von liebenswerten Anekdoten umrankten Erinnerungsseligkeit kaum noch etwas im Wege.

          Mit Reinhold Beckmann (rechts) plauderte Franz Beckenbauer in der Folge „Stars und Legenden“.

          Vorwiegend im milden Licht der glückhaften Gewissheit um den eigenen Wert und die eigene Bedeutung erstrahlten denn auch die beiden weiteren Folgen, die das Erste bislang sendete - während der kommenden Wochen werden sie in den dritten Programmen noch mehrfach wiederholt. In kraftvoll roter, von weichen Gelb- und Orangetönen aber auch harmonisch austarierter Studiokulisse empfing Beckmann am 22. Juni also „Trainer und Typen“.

          Eingeladen hatte er Felix Magath als Exempel des gnadenlos autoritären und Hans Meyer als Beispiel des subtil liberalen, gleichwohl entschiedenen Fußball-Lehrers: Beide füllten ihre Rollen erwartungsgemäß, aber auch überraschungslos aus.

          Die annoncierten „Typen“ waren der einstige HSV- und Bayern-Spieler Hasan Salihamidzic - er stand stellvertretend auch für die ausländischen Spieler der Bundesliga - und naturgemäß Willi Lippens, den alle nur „Ente“ nennen, der als Stürmer von Rot-Weiß Essen die Verteidiger schwindelig spielte und seit jeher für seinen skurrilen Humor und seine Schlagfertigkeit bekannt ist.

          Einspiel-Szenen aus den Bundesliga-Archiven

          Klar, er musste seine berühmtesten Anekdoten noch einmal zum Besten geben. Jene über Berti Vogts, dem er „Knoten in die Füße“ dribbelte und den er mit dem Zuruf „Hasso, fass!“ ein bisschen mehr als veralberte. Sprichwörtlich geworden ist Lippens aber durch seinen Dialog mit einem Schiedsrichter, der ihm in die Quere kam: „Ich verwarne Ihnen“, sprach der Mann mit der Pfeife - „Ich danke Sie“, antwortete der Bestrafte und flog prompt vom Platz.

          Zu den Plaudereien im Studio gesellten sich Einspiel-Szenen aus den üppigen Bundesliga-Archiven der öffentlich-rechtlichen Sender, zudem durften sich die Brüder Klaus und Thomas Allofs gegenseitig loben. Man war unter sich, wusste das Studiopublikum auf seiner Seite und hatte also richtig Spaß. Das ist zwar nicht weiter schlimm, aber eben auch ziemlich belanglos. Das Vergnügen setzte sich in der dritten Ausgabe bruchlos fort.

          Rekordspieler gegen Rekordschützen: Am 14. Oktober 1972 siegte Eintracht Frankfurt im damaligen Waldstadion mit zwei zu eins gegen Bayern München. Karl-Heinz Körbel (inks), mit 602 Spielen in der Bundesliga bisher unerreicht, jagt hinter Gerd Müller her, der an diesem Nachmittag eines seiner 365 Bundesligatore schoss.

          „Stars und Legenden“ waren nun zu feiern - mit Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus gewiss die besten deutschen Fußballer des vergangenen halben Jahrhunderts und mit Karl-Heinz (genannt: Charly) Körbel von Eintracht Frankfurt der mit 602 Einsätzen unangefochtene Rekordspieler der Liga. Erstmals seit 1991 traf Körbel im Studio wieder auf den Schiedsrichter Michael Prengel, dank dessen Verwarnung (es war die vierte der Saision) der Frankfurter Abwehrrecke für das ersehnte Abschiedsspiel im heimischen Stadion gesperrt war - und zwar, wie sich beim neuerlichen Betrachten der eingespielten Szene herausstellte, sehr zu Recht.

          Günter Netzers uneitler Auftritt

          Die mit Abstand beste der bisherigen Folgen war gleich zu Beginn unter dem etwas bemühten Titel „Macher und Meilensteine“ zu sehen. Hier hatte Reinhold Beckmann spürbar Lust auf kritische Fragen - und die Gäste Günter Netzer, Willi Lemke und Matthias Sammer bleiben keine Antwort schuldig. Noch einmal aufgerollt wurden etwa jene Tage kurz nach dem Mauerfall, als Leverkusens Manager Reiner Calmund den, so Sammer, „Osten leer kaufen wollte“ und vom Einheitskanzler Helmut Kohl wenigstens einigermaßen gebändigt werden musste.

          Klug, nachdenklich und fern aller Eitelkeit räsonierte Günter Netzer über seine Zeit als erster Superstar der Liga und erzählte von jenen Jahren, in denen er als Manager des Hamburger SV dem deutschen Profifußball entscheidend in die Moderne half.

          Noch prägender für die Bundesliga war naturgemäß der Bayern-Manager Uli Hoeneß. Es war völlig richtig, dass Beckmann dessen tiefen Fall zum Thema machte - und war eine Sternstunde der Noblesse, wie Beckmanns Gäste über den einst so mächtigen Kollegen und Konkurrenten sprachen. Zwei Folgen von „Ligafieber“ stehen noch aus. Es wäre nicht schlecht, schlössen sie an das Niveau der ersten an.

          Weitere Themen

          Warum hassten sie uns Juden so sehr?

          Rolf-Joseph-Preis : Warum hassten sie uns Juden so sehr?

          Wie war das damals, zur Zeit des Nationalsozialismus in Bad Ems? Schüler des Goethe-Gymnasiums haben recherchiert und sind dafür ausgezeichnet worden.

          Topmeldungen

          Norbert Röttgen am Dienstag in der Bundespressekonferenz in Berlin

          Röttgen zu Bewerbung : „Es geht um die Zukunft der CDU“

          Er ist der vierte Bewerber aus Nordrhein-Westfalen: Der CDU-Außenexperte Norbert Röttgen will Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze der CDU beerben – und stellt einen Sechs-Punkte-Plan vor.

          Champions League : Das brisante Tuchel-Thema nervt die Dortmunder

          Vor dem Champions-League-Duell des BVB mit Paris dominiert der frühere Trainer Thomas Tuchel die Schlagzeilen – zum Leidwesen der Dortmunder. Manche sind genervt. Einer allerdings hat ein großes Lob für Tuchel parat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.