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Der Anfang vom Ende sah schon so aus, als könnte alles nur schlechter werden: Erstes „Titanic“-Titelbild 1979. Bild: Titanic

40 Jahre „Titanic“ : Diese Satire ist unaufhaltsam

  • -Aktualisiert am

Vierzig Jahre komische Mangelverwaltung, und damit immerhin schon so alt geworden wie die DDR: Das Magazin „Titanic“ feiert sich zum Jubiläum frech selbst.

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          Adolf Hitler war, kein Witz, nie in Frankfurt! Das weiß sein Doppelgänger ganz genau: Hans Zippert steht am frühen Mittwochabend in seinem schienbeinlangen, grauen Ledermantel und mit dem schwarz-quadratischen Isolierband auf der Oberlippe (Hitlerbart) backstage hinter der Bühne am Mainkai und bereitet sich sprücheklopfend auf seinen Führerauftritt vor, der einer der Höhepunkte des vierzigjährigen Festakts, äh, des Festakts für vierzig Jahre „Titanic“ werden wird, auf die das Frankfurter Satiremagazin den halben Tag lang ohne erkennbare Sentimentalität, vielmehr frech und lehrreich wie eh und je zurückblickt.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Adolf Hitler war aber, hitlert der einstige „Titanic“-Chefredakteur (1990 bis 1995) weiter, einmal wenigstens in der Nähe, nämlich bei der Eröffnung der Autobahn Frankfurt–Darmstadt im Jahre 1933, in welchem auch sonst. Auf der Bühne hält man derweil ein älteres Titelblatt, nicht das einzige von zeitloser Gültig- und Witzigkeit, zu natürlich wieder verworfenen Überlegungen der Bundesregierung zu Tempo 100 auf deutschen Autobahnen hoch: „Wenn das der Führer wüsste!“ Er musste es nicht mehr erleben, und wir müssen’s wahrscheinlich auch nicht mehr.

          Es war aber nicht alles eine Hitlerei an diesem Festtag und in der Magazin-Geschichte, obwohl der Führer auf den nun 480 Titelblättern angeblich 32 Mal vertreten war, wie sein Doppelgänger dann noch leichtsinnig log, sich später aber in Richtung symbolisch passenderer 33 immerhin korrigierte. Wer es genau wissen will, zähle im von Tim Wolff, Martina Werner, Hardy Burmeier und Leonard Riegel im Schweiße ihres Angesichts bei Kunstmann herausgegebenen Prachtband „Titanic – Das endgültige Titel-Buch“ nach, das zur abends eröffneten Ausstellung im Caricatura-Museum erschienen ist.

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          Sonst war viel von dem die Rede, was aus der Hitlerei, die „Titanic“ bleibt davon überzeugt: verdientermaßen folgte und was seit nun auch schon dreißig Jahren, also drei Viertel der Heftgeschichte hindurch und wohl bis in alle Ewigkeit, als Motto vorne in jedem Heft steht: „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.“ (Chlodwig Poth, auch schon, wie die anderen Gründer Robert Gernhardt, F.K. Waechter und F.W. Bernstein, tot; von den anderen vier noch Lebenden waren anwesend Bernd Eilert, siebzig, und Pit Knorr, achtzig.)

          Offiziell ausgeladen

          Der Tag begann gutbürgerlich mit einem Empfang im Römer durch Oberbürgermeister Peter Feldmann. Flink drehte dabei der jetzige Chefredakteur Moritz Hürtgen den Spieß um und spielte den Hausherrn: „Gestern lud ich Sie bei der Pressekonferenz des Caricatura-Museums offiziell von dieser Veranstaltung hier im Kaisersaal aus. Wie ich jetzt feststellen muss, weigerte sich die Ihnen ergebene Lokalpresse, diese Meldung auszugeben. Respekt, dass Sie also anscheinend alles ganz gut im Griff haben in dieser großen, europäischen Stadt.“

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          Daraufhin händigte Hürtgen dem Oberbürgermeister den goldenen Schlüssel der Stadt aus, nicht ohne den Rat, sich auch in Zukunft gut mit dem Magazin zu stellen, das so viel Gutes wie die Stadt, das Land und den Erdkreis getan habe, vorausgesetzt, er, Feldmann, wolle noch vierzig Jahre im Amt bleiben, wofür die Chancen prinzipiell gut stünden.

          Eine erstklassige Honecker-Parodie

          Draußen warteten die Getreuen und hielten Titel-Plakate in die Luft („So ist der Russe wirklich“, verschiedene Päpste und die schwer notorische Zonen-Gaby mit ihrer Banane beziehungsweise Gurke). Dann setzen sich alle in Bewegung und schritten gemessen, ohne das Missfallen der Obrigkeit zu erregen, den historischen Kaiserkrönungsweg aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ab; so etwas hatte es, wie gescherzt wurde, seit Tausenden von Jahren nicht mehr gegeben.

          Ja, nun ist die „Titanic“ schon so alt, wie die DDR wurde. Ein gewisser Genosse Erich Maria Schmittecker alias Oliver Maria Schmitt (Chefredakteur von 1995 bis 2000) trieb dem in Bier- und Bratwurstdunst eingehüllten und nun erheblich zahlreicheren Publico am Main dann mit einer in jeder Hinsicht erstklassigen Honecker-Parodie nicht versiegen wollende Lachtränen in die Augen: „Im Kapitalismus, so heißt es, lacht der Mensch den Menschen aus – im Satirismus jedoch ist es umgekehrt!“

          Vierzig Jahre „Titanic“, so war der tonangebende Genosse zu verstehen, bedeuten vierzig Jahre Mangelverwaltung. Das hat man immerhin mit der DDR gemein: „Die Kritiker des Satirismus behaupten gerne, durch unsere veraltete Produktionsweise, durch analog arbeitende werktätige Witzarbeiter und abhängig Beschäftigte in den Pointenbergwerken, durch kostspieligen Vierfarbdruck auf proes... propeskiv... auf zukünftige fossile Brennstoffe..., dass dadurch die dauerhafte Versorgung der Bevölkerung mit Pointen, Cartoons und Witzen nicht zu allen Zeiten gewährleistet ist. Aber ich kann Ihnen allen aus langjähriger Erfahrung sagen: Gute Witze sind immer knapp. Manchmal gibt es sogar gar keine.“

          Kaum war dann Hitler-Darsteller Zippert auf der Bühne, fuhr auch schon die Polizei am Mainkai vor. Für einen Moment musste man befürchten, der Führer würde nun abgeführt, aber die Beamten hatten offenbar anderes zu tun und verschwanden sofort wieder. Der Führer hatte, weil die Verkehrspolitiker mit der Gnade der späten Geburt die Autobahnen hätten verrotten lassen, die „SS-Bahn“ nehmen müssen und bedankte sich nun mit mannhaft ertragener Rührung über sich selbst bei dieser „Publikation, die mich immer ernst genommen hat“. Dank ging natürlich auch an den anderen, noch öfter vertretenen Posterboy aus der Pfalz, dem es, anders als Hitler, nachhaltiger gelungen sei, „Lebensraum im Osten zu schaffen“.

          Wenn sich die „Titanic“, das Motto eines ihrer Gründerväter ernst nehmend, eines vorwerfen lassen muss, dann, dass es ihr nicht gelungen ist, den nun schon seit dreißig Jahren währenden „Anschluss der Ostgebiete“ noch nicht wieder gekappt zu haben. Man bleibt dran und rechnet allenthalben damit, dafür noch tausend Jahre Zeit zu haben.

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