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TV-Doku „Unsichtbare Hände“ : Die Sklaven, die wir halten

Produktionskette: Arbeiter holen unter menschenunwürdigen Bedingungen Gold aus einer Mine im Kongo. Bild: AFP

Unsere Smartphones und Sportschuhe sind nur so billig, weil am anderen Ende der Welt Menschen wie Sklaven schuften. Eine Doku zeigt, wie die moderne Ausbeutung aussieht. Und was unternimmt die Politik?

          Man hat das ja schon so oft gehört: Smartphones, Sportschuhe und Pullover werden unter zum Teil furchtbaren Bedingungen produziert. Die Bilder von dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch, bei dem vor zwei Jahren 1138 Menschen starben, sind noch gut in Erinnerung, auch die Versprechen vieler Konzerne, nun mehr für die Sicherheit ihrer Arbeiter in Entwicklungs- und Schwellenländern zu tun. Doch Versprechen machen einen Film, der in die stickigen Gewächshäuser im spanischen Almería geht und in die lebensgefährlichen kongolesischen Goldminen hinabsteigt, nicht überflüssig. Gerade in den Tagen vor Weihnachten nicht, wenn die Geschäfte hierzulande besonders voll sind und massenweise Waren über den Ladentisch gehen, deren Herstellungsbedingungen Thomas Hauer und René Kirschey mit ihrer Dokumentation vor Augen führen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          „Unsichtbare Hände. Wie Arbeitssklaven unseren Wohlstand schaffen“ blickt auf Menschen, die unter teils härtesten Bedingungen Produkte herstellen, die anderen andernorts das Leben angenehmer machen. Wissenschaftler und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die in der Dokumentation zu Wort kommen, sprechen von Sklavenarbeitern. 38 Millionen soll es, so der Sklavereiforscher Kevin Bales, weltweit geben. Nicht nur in Kongo oder Indien, sondern auch in Spanien, wo Männer und Frauen im Pestizidnebel Tomaten ernten. Das Argument, moderne Sklaverei sei ein außereuropäisches Problem, erweist sich als ebenso nichtig wie die Feststellung, dass Sklaverei den Buchstaben des Gesetzes nach seit Generationen abgeschafft ist.

          Es bleiben viele Fragen offen

          Doch weil Arbeitskräfte heute so billig sind wie nie, erlebt die Ausbeutung von Menschen als rechtlose Arbeitskräfte eine neue Blüte. Umgerechnet 230 Euro kostet ein Kind, wenn der Besitzer einer Kakaoplantage es einem anderen Plantagenbesitzer abkauft. Selbst wenn die Kinder von Menschenrechtsorganisationen befreit werden, können sie oft nicht zurück zu ihren Eltern. Denn die Familien wollen die armen Kinder nicht zurück. So haben viele von ihnen keine andere Wahl, als sich abermals in Knechtschaft zu begeben.

          Der Film will seine Zuschauer mit solchen Beispielen aus der Komfortzone holen. Der Schwierigkeit, etwas zeigen zu wollen, das nach dem Willen vieler Konzerne nicht gezeigt werden soll und nur schwer gezeigt werden kann, begegnen die Filmemacher, indem sie auch auf Material anderer Journalisten und Dokumentarfilmer zurückgreifen. Eindrucksvoll sind auch die Zeichnungen des finnischen Grafikers Ville Tietäväinen, der ausgehend von Fotos, die Arbeiter im spanischen Almería selbst aufgenommen haben, die Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ zeichnete. Von ihr entlehnt der Film auch seinen Namen.

          Nach einer Dreiviertelstunde bleiben dennoch viele Fragen. Manche von ihnen stellen die Dokumentaristen, wohlwissend, dass sie keine Auskunft von Unternehmen wie Nestlé und Nokia erhalten werden zu den menschenverachtenden Produktionsbedingungen in ihren Werken. Die Konzerne schweigen oder geben nur phrasenhafte Rückmeldungen. Was aber der Film ausführlicher hätte thematisieren können, sind die Möglichkeiten zur Überwindung der modernen Sklaverei. Einzig auf die Trägheit der Politik zu verweisen reicht nicht. Nutzt der persönliche Konsumverzicht? Was nutzen Zertifikate wie zum Beispiel das Fair-Trade-Siegel? Gibt es nicht auch historische Beispiele, die nahelegen, dass Kinderarbeit nur mit Kinderarbeit überwunden werden kann? So unbequem, hier tiefer einzusteigen, wird dieser ansonsten sehenswerte Film dann doch nicht.

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