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Klima-Doku „Steigende Pegel“ : Das Meer kommt

Das letzte Haus einer Ortschaft, das sich gegen den Rückzug vor dem Wasser wehrt, an der Nordküste Javas. Bild: ZDF und Jean Schablin

Drei Millimeter pro Jahr steigt das Meer zurzeit, das klingt für viele Menschen nach gar nichts. Was es wirklich bedeutet, zeigt die Dokumentation „Steigende Pegel“ bei 3sat. Die Folgen sind schon jetzt dramatisch.

          3 Min.

          Wie muss man sich den globalen Klimawandel vorstellen, wenn er für die meisten Menschen die allermeiste Zeit gar nicht so unmittelbar spürbar ist? Hitzewellen legen sich, von Ernteausfällen erfährt man höchstens in den Nachrichten, und Informationen über einen radikal beschleunigten Meeresspiegelanstieg versenden sich schnell, wenn die nackte Zahl gelesen wird: Drei Millimeter pro Jahr steigt das Meer zurzeit, das klingt für viele nach gar nichts. In Wirklichkeit ist es genau das Gegenteil: Drei Millimeter ist die wissenschaftliche Momentaufnahme, hinter der sich eine galoppierende Entwicklung verbirgt, die unsere Welt und zuerst die Küsten auf den Kopf stellen könnte.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dem Phänomen Meeresspiegelanstieg gehen die beiden Berliner Dokumentarfilmer Max Mönch und Alexander Lahl schon lange nach. Für 3sat sind sie jetzt einer Zahl nachgegangen, die in der Klimaforschung heftig und deswegen auch in der Klimapolitik mit einigem Unbehagen diskutiert wurde: 66 Meter – so heißt die internationale Version ihrer neuen Dokumentation, in der sie weniger den Ursachen – dem durch Treibhausgase und Erwärmung angetriebenen Meeresanstieg – nachgehen, als vielmehr den Folgen an unterschiedlichen Stellen. „Steigende Pegel. Wenn das Wasser kommt“ lautet der weniger plakative deutsche Titel. Damit entgeht das Filmemacher-Duo zumindest dem politisch korrekten Vorwurf von gezieltem Alarmismus, denn die 66 Meter sind die langfristige Prognose für einen Meeresanstieg, wie ihn die Klimamodelle bei einem Abschmelzen der polaren Eisschilder (und des Meereises sowie der alpinen Gletscher sowieso) weit in die nächsten Jahrhunderte verlegen. Klimaforscher sprechen vom Worst-Case-Szenario, dem schlimmsten anzunehmenden Fall nämlich, dass keinerlei Klimaschutzmaßnahmen getroffen werden.

          Der Film freilich beschäftigt sich nicht eigentlich mit dem Endpunkt einer ungebremsten planetaren Klimakatastrophe. Mönch und Lahl haben vielmehr an den unterschiedlichsten Küstenorten der Welt nach den Konsequenzen der aktuellen, für die meisten Menschen eben schleichenden Katastrophe nachgespürt. Angefangen an den deutschen Küsten geht es nach New York, England, Venedig, Indonesien, das mit seiner Hauptstadt schon jetzt im Meer versinkt, bis eben in den polaren Norden und Süden, von wo seit einigen Jahren wissenschaftlich gesehen nur noch Hiobsbotschaften die zivilisierte Welt erreichen. Es sind Küsteningenieure und Deichgrafen zu sehen und zu hören, Klimaforscher und Ozeanographen, von denen keiner die Apokalypse der 66 Meter fürchtet, sondern die ganz gegenwärtige heutige Entwicklung.

          Lahl und Mönch zeichnen mit atemberaubenden Bildern und beunruhigenden Kommentaren das Bild einer Zeitenwende. Schon heute und erst recht morgen werden viele Küsten nicht wiederzuerkennen sein. Die Geschwindigkeit der Eisschmelze auf Grönland hat sich in wenigen Jahren verzehnfacht, in großen Teilen der Antarktis hat sich der Eisverlust in sechs Jahren verdoppelt. Das Wasser kommt. Wenn der britische Küsteningenieur Norbert Nichols im Film davon spricht, erläutert an einem halbvollen Bierglas, dass ein globaler mittlerer Meeresspiegelanstieg von zehn Zentimetern „die Schäden an den Küsten verdoppelt“, wird plötzlich nicht nur für Küstenbewohner verständlich, welche Welle buchstäblich da auf die Menschen zurollt. In Deutschland betrifft das drei Millionen Menschen an den Küsten.

          Der Pegelanstieg selbst mag, in Zentimetern gemessen, marginal erscheinen. Entscheidend, und das wird in dem Film besonders anschaulich durch eingestreute, leicht nachvollziehbare Grafiken erläutert, ist, was daraus folgt: Sturmfluten werden plötzlich überproportional wahrscheinlich, die Ufer erodieren, Wellengänge werden üblich, die den Deichbau vor ungelöste Probleme stellen. Selten ist in einem Film, der sich allein mit den physikalischen Folgen des weltweiten Meeresspiegelanstiegs beschäftigt (die Versauerung und ökologische Verarmung ist nicht Thema), so deutlich geworden, was die Klimafolgenforschung extrem beschäftigt: Kann die Anpassung überhaupt gelingen? Die Zukunftsszenarien, die für die Deichbauten zugrunde gelegt wurden, werden in immer kürzeren Abständen in Frage gestellt, weil die globale Eisschmelze schneller passiert, als es vorausberechnet war. Mönch und Lahl haben einen nüchternen Film produziert, der aber perfekt zur aktuellen Weltuntergangsdebatte passt.

          Steigende Pegel, heute um 20.15 Uhr auf 3sat, am kommenden Montag um 23.15 Uhr auf ZDFinfo.

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