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3sat-Doku über Geschlechter : Er, sie, es – oder etwas anderes?

Rollenwechsel: Die männliche Cheerleadergruppe „Fearleaders“. Bild: ZDF und ORF/Constanze Grießler

Eine Dokumentation bei 3sat handelt vom dritten Geschlecht. Den Gender-Disput weist sie maßvoll in die Schranken. Sie handelt vom Wesentlichen: einem fundamentalen Akt der Selbstfindung.

          4 Min.

          Die Abschaffung der Geschlechter“ – das kommt knallig daher als Titel für eine Dokumentation, die – ausgehend davon, dass Deutschland und Österreich sich in die immer länger werdende Liste von Ländern einschreiben, die amtlich ein drittes Geschlecht anerkennen –, nach Identitäten zwischen männlich und weiblich fragt. Dabei geht es in dem Film von Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber mitnichten um eine Liquidierung biologischer oder sozialer Geschlechterrollen und -begriffe im Zeichen des Gendersterns.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf unideologische Weise stellen die Filmemacherinnen stattdessen sechs Menschen vor, die Mannsein, Frausein und alles dazwischen umtreibt, mal mehr, mal weniger existentiell. Und nebenbei parlieren der Kolumnist Harald Martenstein und Eva Blimlinger, die Rektorin der Akademie der Bildenden Künste in Wien, über das Gesehene. Wobei Martenstein tendenziell eher den Part des bremsenden Konservativen einnimmt, Eva Blimlinger jene der progressiven Feministin. Eine eigene Toilette etwa für das dritte Geschlecht sieht Martenstein kritisch, weil in der Konsequenz immer neue Exklusiv-Örtchen für weitere Minderheiten das Ganze ad absurdum führten. Auch für sprachlichen Verrenkung zur Benennung des Anderen jenseits von Maskulinum und Femininum kann er sich nicht erwärmen. Es gebe im Deutschen doch schon drei Genera: er, sie, es. Und „es“ sei mitnichten sächlich, siehe „das Kind“. Eva Blimlinger hat mehr Sympathie für Forderungen der Transgender-Gemeinde. Doch sie und Martenstein sind sich völlig einig, was den entspannten Umgang mit Genderrollen angeht, mit den fließenden Übergängen, die es schon immer gab. Das demonstriert eine wohltuende Gelassenheit in Zeiten hysterisierter Debatten.

          Ein Anteil von schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Menschheit, erfahren wir, kann oder will sich nicht als männlich oder weiblich identifizieren oder fühlt sich im falschen Körper. Wie disparat diese Gruppe der Uneindeutigen ist, zeigen die Persönlichkeiten, die der Film skizzenhaft porträtiert. Der Kunsthistoriker Ben, der sich für Führungen im Kunsthistorischen Museum als Drag Queen zurechtmacht, hinterfragt spielerisch Geschlechterbilder, bleibt aber ein verkleideter Mann, der sich privat wieder abschminkt. Der Skischulbetreiber Erik Schinegger, dessen Geschichte vor allem in Österreich viele kennen, war dagegen neunzehn Jahre im falschen Gender gefangen. 1948 geboren und als Mädchen aufgezogen, das sich nie recht als solches fühlte, feierte er als Erika sportliche Erfolge, bis ein medizinischer Test ergab, dass er ein X- und ein Y-Chromosom hat. Die männlichen Geschlechtsorgane waren in der Bauchhöhle verborgen. Schinegger entschied sich zur Operation, änderte seinen Namen, wurde Mann, Vater, Großvater – und kämpfte jahrzehntelang um Anerkennung, wovon er in berührenden Szenen spricht.

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