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3sat-Abend zu Fernsehshows : Was machen wir am Samstagabend?

  • -Aktualisiert am

König des Nachkriegsunterhaltung: Hans Joachim Kulenkampff mit „Butler“ Martin Jente in „Einer wird gewinnen“ Bild: ZDF

Mehr als nur optisches Beruhigungsmittel: In einem Themenabend beleuchtet 3sat, welche Rolle westdeutsche Fernsehshows im Nachkriegsdeutschland gespielt haben.

          3 Min.

          Kein anderer Dokumentarfilm hat in den vergangenen Jahren Furore gemacht wie Regina Schillings „Kulenkampffs Schuhe“. Trotz spätem Ausstrahlungstermin, eher Programmversteck, war der Zuschauerzuspruch bei der Erstausstrahlung vergleichsweise groß. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen tat daraufhin Buße und wiederholte die Dokumentation zur besten Sendezeit. Wieder mit bester Quote. Der Film erhielt inzwischen alle wichtigen Branchenpreise, große Aufmerksamkeit und war bei Podiumsdiskussionen zur Zukunft des Dokumentarfilms dauerpräsent. Regisseurin Schilling bekam, wie sie nun berichtet, in der Folge „unglaublich viele“ Zuschriften.

          Mehr als tausend E-Mails, in denen vor allem zwischen 1950 und 1970 Geborene ihre Familienschicksale darlegten. Familiengeschichten, die teilweise weit dramatischer sind als Schillings eigene Nachkriegsmontage, die von Verdrängung und Wiederaufbau, vom Schweigen der Väter und dem Kitt der großen Samstagabendshow im Fernsehen unterhaltsam und tiefschürfend gleichermaßen erzählt. Komplett aus Archivmaterial gebaut, vorzüglich geschnitten und von der Regisseurin aus dem Off begleitet, zeichnet „Kulenkampffs Schuhe“ die Biographie von vier Männern, die einer Generation entstammten. Drei Showmaster und ihr Vater, der als selbständiger Drogist von den Strapazen der Selbständigkeit und der Wirtschaftswunderanstrengung so gezeichnet war, dass er nach dem zweiten Herzinfarkt früh verstarb. Über seine Soldatenzeit im Krieg sprach er nie, auch das forderte wohl Tribut. Da half kein Persil, kein Vita-Buer-Lecithin und kein Klosterfrau Melissengeist, die in seinem Geschäft zu den Bestsellern gehörten.

          „Sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben“

          Beruhigung fand das Familienleben am Samstagabend vor dem Bildschirm. Wenn Kulenkampff, der sich als Soldat selbst erfrorene Zehen amputierte und deswegen im eleganten Abendschuh leicht humpelte, bei „Einer wird gewinnen“ die Harmlosigkeit und Langeweile nach Jahren des Krieges pries und immer wieder Antikriegswitze einstreute; wenn Hans Rosenthal, dessen Bruder ermordet wurde und der sich als Jude zwei Jahre in einer Laube verstecken musste, bei „Dalli-Dalli“ Kandidaten zerbrochene Scherben zu heilen Porzellansets basteln ließ; wenn Peter Alexander Chansons sang und nonchalant anmerkte, dass Berlin ihn mit einem Teppich empfangen habe, „einem Bombenteppich“, dann sahen die Familien nur das Sedative der Shows, nicht die innere Doppelbödigkeit, die in Schillings Film entborgen wird und die sie etwa mit Hitlers Reichenberger Rede vor HJ-Angehörigen im Dezember 1938 – „Sie werden nicht mehr frei sein ihr ganzes Leben“ – in Zusammenhang bringt. Niemand wusste, noch wollte niemand wissen, dass Martin Jente, Produzent von „Einer wird gewinnen“ und als Butler auf der „EWG“-Showbühne präsent, Adjutant im Führerhauptquartier gewesen war. Schillings Film aber rechnet nicht ab, er stellt trotz persönlicher Herangehensweise dar und stellt durch Verbindungen scheinbar Altbekanntes in ein neues Licht.

          Verdienstvoll ist, dass 3Sat nun einen ganzen, nicht nur vor dem Hintergrund der Diskussionen über die Enkelgeneration aktuellen Themenabend der „großen Nachkriegsshow“ widmet. Da „Kulenkampffs Schuhe“ auch den Preis der 3Sat-Jury bei der Duisburger Filmwoche gewonnen hat, war seine abermalige Ausstrahlung ohnehin gesetzt. Es folgen aber weitere bemerkenswerte Ausstrahlungen. In einer von der „Kulturzeit“-Moderatorin Cécile Schortmann kundig geleiteten Runde sprechen miteinander Regina Schilling, Sachbuchautor Harald Jähner (Preis der Leipziger Buchmesse für „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955“) und Show-Urgestein Hugo Egon Balder, dessen Mutter, Großmutter und Bruder Theresienstadt überlebten – und nie wieder davon sprachen. Immer lustig sei es zugegangen zu Hause, so beschreibt es Balder. Dass sein Vater, dem Kabarett zugetan, zwölfmal von der Gestapo verhaftet wurde, hat er spät erfahren. Für die WDR-Sendung „Vorfahren gesucht“ hat sich der Unterhaltungsprofi vor einiger Zeit in Theresienstadt auf Spurensuche gemacht, 3sat zeigt davon Ausschnitte.

          Im Anschluss sendet 3Sat zwei der Shows, auf die sich Schilling bezieht. Erst die „Einer wird gewinnen“-Aufzeichnung aus der Wiesbadener Rhein-Main-Halle von 1966 und dann, schon um die Mitternachtsstunde, jene „Dalli-Dalli“-Folge, um deren Verschiebung sich Hans Rosenthal seinerzeit vergeblich bemüht hatte. Am 9. November 1978, dem 40. Jahrestag der Novemberpogrome, lustig zu sein schien ihm unpassend. Seine Haltung zeigte er schließlich so dezent wie deutlich. Rosenthal trug, was er ansonsten nie tat, einen schwarzen Anzug, die Kulissendekoration war gediegen, die Beleuchtung schien gedimmt – und statt Schlager wurde Opernmusik aufgeführt. Diese „Dalli-Dalli“-Ausgabe hatte etwas von einer Beerdigung. Das Massenmedium behielt seine Unterhaltungsfunktion und verwies doch auf Schuld und Schrecken. An anderer Stelle, etwa im Interview mit Blacky Fuchsberger, äußerte sich Rosenthal direkter. Auch das sieht man in Schillings Film. Wie die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft wurde, was sie dann in den Sechzigern und beginnenden Siebzigern erst einmal war, bringt dieser Themenabend eindrucksvoll auf den Schirm.

          Der 3Sat-Themenabend Die große Nachkriegsshow beginnt an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr.

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