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30-Millionen-Euro-Sparkurs : Sie wollen die Zeitung der Autoren werden

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Die WAZ muss sparen - und will damit den Journalismus verbessern Bild: dpa

Die Mediengruppe der Westdeutschen Allgemeinen muss sparen. Chefredakteur Reitz hat dafür ein Modell entwickelt, das den Journalisten deutlich aufwerten soll: Er lässt an einem Desk für verschiedene Titel produzieren - und verzichtet auf die Nachrichtenagentur dpa. Die Redakteure, heißt es bei der WAZ, seien begeistert - doch es gibt auch kritische Stimmen.

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          Wenn die WAZ-Mediengruppe ihren Umstrukturierungsprozess für ihre vier Ruhrgebietszeitungen abgeschlossen haben wird, dann sollen etwa 30 Millionen Euro eingespart sein. Dann werden mehr als 200 Redakteure die Redaktionsstuben verlassen haben. Dann sollen alle vier Tageszeitungen den Leser in einer bisher nicht gekannten Qualität informieren.

          Anderweitigen Befürchtungen, die es auch zahlreich gibt, treten die beiden Geschäftsführer Christian Nienhaus und Bodo Hombach sowie Ulrich Reitz, der Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, die dem Konzern den Namen gegeben hat, entschieden entgegen. Sie alle drei geben sich guter Dinge und wollen schon in drei Wochen erste konkrete Maßnahmen präsentieren. Mit dem Betriebsrat stehen sie in intensivem Austausch, so sagen sie. Hombach lobt die Mitarbeitervertretung als „extrem konstruktiv und hilfreich“. Sie habe zum Teil bessere Ideen entwickelt als die Geschäftsführung. „Konsensual“ wolle man die Lage verbessern.

          Der Konzern soll aus der gegenwärtigen Finanzkrise stärker herauskommen, als er jetzt schon ist. Dabei waren die Veränderungen schon vor der Krise angekündigt und eingeleitet. Die Krise beschleunigt den Prozess nun. Die Rede von der Chance, die in der Krise stecke, ist aus Politikermund hinlänglich strapaziert. Vielleicht kommt das Déjà-vu-Erlebnis auch daher, dass Hombach einmal SPD-Politiker war, als Wirtschafts- und Verkehrsminister in Nordrhein-Westfalen und Kanzleramtsminister in Bonn und Nienhaus immerhin einmal vor einer Politikerkarriere in der CDU stand. Der ganze Konzern war nie unpolitisch.

          Namensgeber des „Reitz-Modell”, das früher Mantelredaktion hieß: WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz

          Synergieffekt „Content-desk“ - früher sagte man Mantelredaktion

          Im Mittelpunkt der Veränderungen steht das „Reitz-Modell“. Das heißt so, weil es Chefredakteur Reitz entwickelt hat. Es sieht einen sogenannten „Content-desk“ vor, der drei Zeitungen bedient. Früher hätte man Mantelredaktion dazu gesagt. Der Unterschied zur alten Mantelredaktion, die die unterschiedlichen Lokalteile in einen einheitlichen Mantel hüllt, ist, dass jede Zeitung vom Content-desk bedient wird, aber eigene Gewichtungen und Schwerpunkte setzen kann und soll.

          Gleichzeitig braucht man nicht so viele Redakteure wie für drei Politik-, Wirtschafts-, Feuilleton- und Sportredaktionen. Das ist der Synergieeffekt. Die Qualitätsverbesserung erwartet man daraus, dass Doppelarbeiten vermieden werden und man sich stattdessen einzelnen Themen intensiver widmen könnte. Es ist ein anderes Konzept vom Zeitungmachen, sagt Reitz. Und spricht von der „Autoren-Zeitung“. Hombach räumt aber ein, dass aufgrund der betriebswirtschaftlichen Lage kein Weg an den notwendigen Einsparungen vorbeiführen werde.

          Eine andere wichtige Sparmaßnahme nennt Reitz euphemistisch „Branding“. Er erläutert es am Beispiel Dortmund: Dort liegt die WAZ mit 6500 Exemplaren abgeschlagen hinten. Marktführer sind die Westfälische Rundschau (WR) aus demselben Haus und der Mitbewerber Ruhrnachrichten. Statt 14 hat die WAZ in Dortmund nur noch zwei Lokalredakteure. Die beziehen den Lokalteil von der Schwesterzeitung WR und geben ihm mit eigenen Artikeln ein eigenes Gesicht. Der WAZ in Dortmund habe das geholfen, heißt es. Und so soll es auch an anderen Standorten geschehen, an denen zwei Zeitungen aus dem Konzern präsent sind.

          Verzicht auf dpa spart drei Millionen Euro pro Jahr

          Schließlich komplettiert der Verzicht auf die Nachrichtenagentur dpa das Sparpaket. Seit Anfang des Jahres greifen die WAZ-Zeitungen nicht mehr auf dpa-Meldungen zurück und benutzen stattdessen kleinere Agenturen. Dadurch spart der Verlag drei Millionen Euro im Jahr. „Dafür könnte man 30 Redakteure einstellen“, sagt Nienhaus. Macht man aber nicht, schließlich muss ja gespart werden. Auch hier soll Sparen und Qualitätsverbesserung Hand in Hand gehen. Reitz begründet den Verzicht auf dpa nicht zuerst mit den Kosten, sondern mit der Entscheidung zur Autorenzeitung. Er sieht sich von seinen Redakteuren darin bestärkt: „Du hast uns den Journalismus zurückgegeben“, habe er in letzter Zeit mehrfach gehört.

          Die Gespräche mit dem Betriebsrat laufen noch. Man hat sich gegenseitig zur Verschwiegenheit verpflichtet. Dennoch ist aus dem Hause zu hören, dass die Abfindungsangebote und die Regelungen für Altersteilzeit großzügig dimensioniert sein sollen. Die Geschäftsführung schließt nicht aus, auf diese Weise ganz auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten zu können. Gleichzeitig aber weist Nienhaus darauf hin, dass noch nicht abzusehen sei, wie dieses Jahr verlaufen werde.

          Geldverdienen will die WAZ-Gruppe außerhalb des Ruhrgebiets. Die Auslandsaktivitäten scheinen ertragreich zu sein. Noch in diesem Jahr reist eine Delegation nach Vietnam, um einen Einstieg in den dortigen Zeitungsmarkt zu erkunden. Auch auf dem Heimatmarkt will der Verlag investieren, dort vor allem in das Online-Angebot, das schon 2010 schwarze Zahlen schreiben soll, sowie in lokales Fernsehen und in den Rundfunk.

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