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Volker Heise im Interview : Europas Kinder reiten den Stier

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Sonnenuntergang am Kadıköy-Hafen in Istanbul: Szene aus „24h Europe – The Next Generation“ Bild: rbb/BR/Zero One Film/Emin Ozmen

Volker Heise ist der Erfinder der 24-Stunden-Formate. Nun läuft „24h Europe – The Next Generation“, das ein und denselben Tag im Leben von sechzig jungen Menschen zeigt. Worin liegt der Erkenntnisgewinn? Ein Gespräch.

          „24h Europe“ ist der große Aufschlag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zur Europawahl. Die Großdokumentation, die einen Tag im Leben von sechzig sehr verschiedenen, aber insgesamt für die Jugend Europas repräsentativen Protagonisten in 26 Ländern abbildet – es handelt sich um den 15. Juni 2018 –, wird am Wochenende simultan über einen kompletten Tag hinweg (von Samstag sechs Uhr morgens bis Sonntag sechs Uhr) auf Arte, RBB, SWR, ARDalpha und mehreren europäischen Sendern ausgestrahlt. Entwickelt hat das Format der Produzent Volker Heise. Nach 24-Stunden-Dokumentationen über Berlin (2009), Jerusalem (2014) und Bayern (2017) ist das aktuelle Projekt in der Regie von Britt Beyer und Vassili Silovic das bislang größte Fernsehexperiment seiner Art.

          Herr Heise, Sie haben die Echtzeit ins deutsche Fernsehen zurückgebracht – nicht nur mit den 24-Stunden-Formaten, sondern auch mit der Serie „Zeit der Helden“. Welchen Mehrwert hat diese Erzählform?

          Unmittelbarkeit wird so erfahrbar. Wenn die Erzählmaschine Fernsehen, die ja ununterbrochen Parallelwelten herstellt, auf Jump Cuts und Zeitraffer, auf ihre Eigenzeit verzichtet, wenn also das, was um neun Uhr gezeigt wird, auch um neun Uhr passiert ist, dann kommt einem das Gezeigte näher. Man trifft in unserem Format Menschen in derselben Situation an, in der man selbst ist: beim Frühstück oder nach der Arbeit. Das ist, ich will jetzt nicht authentisch sagen, aber direkt.

          Sie setzen auf eine Seite des Fernsehens, die oft als Handicap verbucht wird: die Linearität der Ausstrahlung. Könnte das klassische Anstaltsmedium den Streaming-Plattformen gerade damit etwas Eigenes entgegensetzen?

          Ganz genau, wir feiern noch einmal das lineare Fernsehen und sein Potential. Es ermöglicht in diesem Fall eine Erfahrung, die es so nur einen Tag lang gibt. Die neuen Intensiv-Sehgewohnheiten passen damit aber gut zusammen. Wir waren mit „24h Berlin“ eigentlich die Mutter allen Binge-Watchings.

          Zugleich wundert man sich, dass Sender freiwillig ihr gesamtes Programm aus dem Weg räumen.

          Man sagt ja eigentlich: Wir wollen euren Sender. Dieser piratische Charakter hat mir immer gut gefallen. Vor der ersten Auflage war die Frage, ob wir damit durchkommen. Da muss man Arte die Ehre lassen und auch dem RBB, dass sie nicht lange überlegt haben. Bei dem Europa-Projekt gibt es Sender, die das komplette Programm zeigen, und Sender, die mit Slots und Landesfenstern arbeiten.

          Das Material ist reichlich: Volker Heise mit Annette Muff (Schnitt) im Schneideraum

          Sollte das deutsche Fernsehen generell mutiger sein?

          Oft herrscht auch in Sendern die Haltung vor, angesichts des Neuen am Alten festzuhalten. Das halte ich aber für falsch. Man muss kopfüber ins Neue hinein; dann wird vielleicht auch deutlich, was man mit den eigenen Qualitäten Eigenes beitragen kann. Es ist wichtig, zu experimentieren, etwas zu wagen. Die Quote als heilige Kuh muss dagegen einfach mal abgeschafft werden. Das ist vorbei.

          Bislang waren die „24h“-Ausgaben auf begrenzte Regionen bezogen: Berlin, Jerusalem, Bayern. Diesmal geht es um einen ganzen Kontinent. Ist das Format für jede Dimension geeignet?

          Für uns war es der nächste logische Schritt. Wir werden sehen, ob die Zuschauer diese Skalierung mitmachen. Ich bin ganz optimistisch, aber ohne die Einheit von Zeit und Ort haben Sie natürlich einen anderen Effekt. So wird es etwa in Finnland nicht dunkel, während es in Griechenland seit Stunden stockduster ist. Damit haben wir aber bewusst gespielt, harte Kontraste gewählt.

          Glauben Sie aber an eine gesamteuropäische Identität?

          Europa ist kleiner, als wir denken, nicht nur geographisch, sondern auch kulturell. Aber in der Tat mussten wir diesmal stärker fokussieren. Weil für ganz Europa gilt, dass die ältere Generation in der Mehrheit ist, haben wir uns auf die U-30-Generation konzentriert, auf diejenigen, die die Zukunft Europas sein werden, aber darüber als Minderheit nicht selbst bestimmen können. Die Megatrends, mit denen diese Generation es zu tun haben wird, gelten ebenfalls europaweit: Digitalisierung, Klimawandel, Migration und so weiter. Da ist viel Gemeinsames.

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