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„The Other Chelsea“ im ZDF : Das Stadion, die Bergleute und ein junger Held

Kohlekumpel Sascha inmitten der Schachtjor-Fans Bild: ZDF

Eine Dokumentation voller ästhetischer Spielfreude: Der Autor und Regisseur Jakob Preuss zeigt sein Porträt des erfolgreichen Fußballclubs Schachtjor Donezk. Bei den Dreharbeiten in der Ukraine hatte er überdies noch das Glück des Tüchtigen.

          Aufs Neue hat der ukrainische Fußballclub Schachtjor Donezk eine höchst erfolgreiche Saison hinter sich. Unangefochten wurde das aus heimischen Abwehr- und südamerikanischen, zumal brasilianischen Mittelfeld- wie Angriffsspielern bestehende Team unter dem so resoluten wie leutseligen rumänischen Trainer Mircea Lucescu Meister der nationalen Liga und ließ dabei auch dem dauerrivalisierenden Hauptstadtkonkurrenten Dynamo Kiew keine Chance.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Vor wenigen Wochen erreichte der Uefa-Cup-Sieger des Jahres 2009 erstmals das Viertelfinale der Champions League und verlor dort gerade noch einigermaßen achtbar gegen die späteren Finaltriumphatoren des FC Barcelona.

          Ästhetische Spielfreude gegenüber dem Oligarchen

          Bilder vom Training, Gespräche mit Spielern oder dem Coach persönlich gibt es im Dokumentarfilm „The Other Chelsea - Eine Geschichte aus Donezk“ nicht. Erst recht nicht zum Interview bereit war offenbar Rinat Achmetow, der allmächtige Besitzer und Mäzen von Schachtjor Donezk. Achmetow, das erklärt den Titel des Films, spielt in einer Milliardärsliga mit dem ebenfalls 1966 geborenen Roman Abramowitsch, seinerseits seit acht Jahren Eigner des Londoner Renommierclubs FC Chelsea.

          Multimilliardär Achmetow und Präsident Janukowitsch bei der Siegesfeier in Donezk nach dem Gewinn des Uefa-Cups 2009

          Auskommen muss der Film schließlich auch ohne Fernsehsequenzen von Spielszenen, wahrscheinlich hätten die Kosten für deren Nutzungsrechte den Etat des Autors und Regisseurs Jakob Preuss gesprengt - und wohl auch jenen des „Kleinen Fernsehspiels“ im ZDF, das diese Dokumentation koproduziert hat.

          Aber was immer diesem filmischen Unterfangen auch fehlen mag, es schlägt daraus dank seiner ästhetischen Spielfreude und der professionellen Kompetenz seines Autors stets neuen Gewinn. Der kamerascheue Achmetow, den man nur von ferne oder bei einigen wenigen offiziellen Auftritten zu sehen bekommt, wird gerade deshalb zum Inbegriff des oligarchischen Prinzips der postsowjetischen Ära - unnahbar, undurchschaubar ist dieser Mann und gleichwohl in ausgesuchten Fällen und mit Hilfe des Mediums Fußball auf öffentliche Auftritte und publike Selbstdarstellung geradezu erpicht.

          Das wohlverdiente Glück des Zufalls

          Höchst einfallsreich kompensiert der Filmemacher Preuss das Fehlen von bewegten Archivbildern vergangener Fußballschlachten. Schon seiner wundersamen Animationen wegen sollte man sich „The Other Chelsea“ anschauen. Sein wirkliches Format gewinnt das Werk jedoch durch ein klug komponiertes Themen- und Figurenspiel auf drei Ebenen - und durch das wohlverdiente Glück des Zufalls. Dass Preuss ausgerechnet in jenen Monaten in Donezk drehte, die schließlich mit dem ersten europäischen Titel für Schachtjor enden sollten, verleiht dem Ganzen im Nachhinein eine Dramaturgie des scheinbar unaufhaltsamen Aufbruchs und Aufstiegs.

          Verstärkt wird diese Perspektive noch dadurch, dass Achmetow just in den Jahren 2008 und 2009 alles daransetzt, sowohl die von ihm finanzierte neue Stadionkathedrale für Schachtjor, den Verein der Bergarbeiter, fertigzustellen als auch der russlandnahen „Partei der Regionen“ seines Schützlings Wiktor Janukowitsch wieder zur Macht zu verhelfen. Beides gelingt.

          Der Erfolgsbahn zuwider laufen jedoch die Lebenswege von drei Menschen, die Preuss auf der zweiten Ebene des Films vorstellt. Sascha, Walja und Stepanowitsch lauten die Kosenamen, mit denen sie sich wechselseitig anreden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von einer Kohlenmine im Staatsbesitz abhängen, die trotz aller Investitionsversprechen marode vor sich hinrottet. Geblieben ist den Dreien eine lebenskluge Melancholie, die sie, so der Endfünfziger Stepanowitsch, bewusst auch all jene „Feste feiern lässt, die die Menschheit für sich erschaffen hat“ - die Spiele von Schachtjor gehören dazu.

          Meisterliches Porträt eines Empokömmlings

          Meisterhaft ist schließlich das Porträt des in der Gnade Achmetows erblühenden Jungpolitikers und Jungunternehmers Kolja Lewtschenko. Ihm ist Preuss begegnet, als er, studierter Jurist und Politikwissenschaftler, in offizieller Mission für internationale Organisationen wie die OSZE und die IOM die Wahlen in der Ukraine beobachtete.

          Das Vertrauen, das Kolja dabei ganz offenkundig zu dem nun auf filmischen Wegen wandelnden Regisseur fasste, lässt ihn allerlei Dinge offen aussprechen, die sonst kein Reporter aus dem Westen je zu hören bekommen hätte - das Verhältnis zum „Helden Stalin“ eingeschlossen. Zudem öffnet Kolja der Kamera Tür und Tor zu seinem Neureichtum.

          Jakob Preuss aber nutzt das Vertrauen nie aus. Nichts beschönigend, zeigt er gleichwohl einen freundlichen, ja einen sympathischen Mann mit Zukunft. Auch für Fußball interessiert sich Kolja nur aus Karrieregründen. Er ist fair genug, dies anzuerkennen. Für seinen Film hat Preuss jüngst den Max-Ophüls-Preis erhalten. Für den Film im Film, also für das Porträt des jungen Lewtschenko, hat er ihn mehr als verdient.

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