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Spiel „11-11 Memories retold“ : Lebenszeichen von der Front

Ganz unverhofft, unter einem Hügel: Harry und Kurt begegenen sich zum ersten Mal.
Ganz unverhofft, unter einem Hügel: Harry und Kurt begegenen sich zum ersten Mal. : Bild: Aardman/Digixart

Erzählt wird auch in eingestreuten Zwischensequenzen, in denen Kurt und Harry aus dem Off Feldpost-Briefe vorlesen, die sie nach Hause schicken. In der Rolle von Harry wählt man dafür aus den selbstgeschossenen Fotos aus, die den Verlauf der Handlung ebenso bestimmen wie die Gefühle Julias. Als Kurt muss sich der Spieler entscheiden, was er seiner kleinen Tochter Lucie vom Krieg und der Suche nach Max erzählen will. Der Spieler muss hier zwischen solchen Zeilen wählen, die nichts verheimlichen; solchen, die beschwichtigen wollen, und jenen, die einen Mittelweg finden oder die Aufmerksamkeit auf eine konkrete Begebenheit lenken – wie zum Beispiel jenen Soldaten, der die deutsche Entsprechung von „Auld Lang Syne“, „Nehmt Abschied, Brüder“, auf der Gitarre im Zug an die Front summt. Auch wenn Claus Ludwig Laue das Lied erst mehr als dreißig Jahre später ins Deutsche übersetzen wird.

Eine Frage drängt sich trotz aller Opulenz und Originalität auf: Stellt sich das Erlebnis auch ein, wenn man nicht darüber schreiben muss? Wer den Ersten Weltkrieg nur aus ambitionierten Ego-Shootern wie „Battlefield 1“ kennt, mit detailliert rekonstruierten Uniformen und Waffen und der Hatz nach „Kills“ im Online-Verbund mit anderen, wird sich abwenden oder umstellen müssen. Doch die Eigentümlichkeit des Spiels bietet Chancen, viele für sich einzunehmen. Man kann in die Gestalt einer Katze schlüpfen, Karten spielen, in einen Pariser Nachtklub gehen und finstere Träume durchschreiten. Einen Schuss wird man im gesamten Spiel nicht abgeben.

Treuer Begleiter: Die Katze, die Kurt im Dunkel der Tunnel zugelaufen ist, wird ihm nicht mehr von der Seite weichen.
Treuer Begleiter: Die Katze, die Kurt im Dunkel der Tunnel zugelaufen ist, wird ihm nicht mehr von der Seite weichen. : Bild: Aardman/Digixart

Man kann sich an der Gemächlichkeit des Spiels, wie sie so vielleicht sonst nur die Spiele Fumito Uedas prägen, stören. Oder sie begrüßen – gerade, wenn man nicht gerne allein spielt oder wenig Erfahrung mit Videospielen hat. Einzig störend ist die Schnitzeljagd nach versteckten Puzzlelteilen. Man verbringt noch in der dramatischsten Situation viel Zeit damit, alle Winkel zu durchstöbern, um Schnipsel zu finden, die in einem Levelabschnitt versteckt sind. Auch wenn diese sich – einmal zusammengesetzt – als authentische und hochinteressante Zeitdokumente aus der virtuellen Bibliothek „Europeana.eu“ entpuppen und sich über ein Menü aufrufen und einzeln studieren lassen – das Stöbern nach ihnen zerstört sowohl den dramatischen Moment als auch den Fluss der Geschichte.

Ein Vorteil des Videospiels gegenüber dem Film als Instrument der Erinnerung ist, dass es neben Augen und Ohren auch den Orientierungs- und Tastsinn des Spielers anspricht. Wenn man sich als Kurt, unter einer Gasmaske keuchend, in den Schützengräben verirrt, die Steuerung sich verlangsamt, weil man durch kniehohen Matsch watet, während um einen herum Kameraden ohne Maske von Hustenkrämpfen geschüttelt werden und die Einschläge des Artilleriefeuers das Steuergerät in den Händen des Spielers vibrieren lassen, ist zu erahnen, was Krieg bedeutet.

An einer Stelle betritt Kurt ein frisches Gräberfeld. Dort gähnen Hunderte offener Gruben neben noch mal hundert gefüllten. Vor jeder einzelnen steht ein weißes Kreuz. Nähert sich der Spieler, kann er sich auf Knopfdruck den Namen und die Regimentsnummer ansehen, die darauf geschrieben stehen. Eines der Gräber, in denen Soldaten aus dem Regiment seines Sohnes begraben liegen, trägt keinen Namen.

Im „Ratgeber für die deutsche Kriegerfrau“ aus dem Jahr 1916 steht auf Seite 23 unter Punkt 4 „Der Mann ist gefallen“ geschrieben: „Ist die Gewißheit da, ist der Gatte, der Vater der Kinder, der Bruder, der nahe Verwandte gefallen, dann starb einer, wie viele, für sein Vaterland. Er tat seine Pflicht und für Dich beginnt eine neue Pflicht, sogar viele neue Pflichten: allein weiterzusorgen und zu kämpfen für eine neue geänderte Zukunft.“ Noch Fragen?

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