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Tausendster „Tatort“ : Von Fahrvergnügen keine Rede

Was denken die sich bloß? Die Kommissare Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) haben sich Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) als Fahrer nicht ausgesucht. Bild: NDR/Meyerbroeker

Der tausendste „Tatort“ schickt, wie der allererste, ein „Taxi nach Leipzig“. Trotzdem kommt die Jubiläumsfolge nicht auf Touren. Ehemalige geben sich ein Stelldichein, aber sonst passiert wenig.

          „Diese Frau hat die Sensibilität eines Schneepflugs“, denkt Borowski (Axel Milberg) und meint Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). „Wie er so dasteht mit seinem runden Kopf ...“, denkt sie und meint ihn. Besonders sympathisch sind sich die beiden Kommissare nicht, die normalerweise in Kiel und Hannover ermitteln, einander nie begegneten und nun zur Jubiläumsfolge, dem tausendsten „Tatort“, anreisen mussten, um nebeneinander innere Monologe zu führen - in einem „Taxi nach Leipzig“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesen Titel trug 1970 auch der erste „Tatort“, inszeniert von Peter Schulze-Rohr. Mit einer deutsch-deutschen Fahndungsgeschichte, in der ein bärbeißiger Hamburger Polizist (Walter Richter) auf eigene Faust einen Kindstod jenseits des Eisernen Vorhangs aufklärt, ging eine Reihe auf Sendung, deren Erfolgsgeschichte niemand vorhersehen konnte, auf die das Erste rückblickend aber gern verweist.

          Kommissarin a.D.: Karin Anselm spielte von 1981 bis 1988 im „Tatort“, in der Jubiläumsfolge gibt es ein Wiedersehen mit ihr.

          Hans Peter Hallwachs, der im ersten „Tatort“ den Bösewicht spielte, taucht kurz auf. Friedhelm Werremeier, Autor des Debüt-„Tatorts“, darf in einer TableDance-Bar einen Cameo-Auftritt hinlegen. Immerhin in einem aufregenderen Ambiente als dem, in dem Charlotte Lindholm und Borowski sich mit anderen Ehemaligen wiederfinden. Ihr Polizeiseminar über Deeskalation - man gibt sich friedlich zum Fest - besucht zwar auch Hanne Wiegand alias Karin Anselm, eine „Tatort“-Kommissarin der achtziger Jahre, das Wort führt ein Kursleiter in Gestalt des früheren „Tatort“-Kommissars Franz Markowski (Günter Lamprecht), der in der ersten Folge überdies als DDR-Grenzer zu sehen war. Aber langweilig ist die Sache doch. Charlotte Lindholm simst mit ihrem Liebhaber, Borowski will nur nach Haus, gestalkt überdies von einem Kollegen, dessen Bewerbung er irgendwann einmal abgelehnt hatte.

          Per Zufall im selben Taxi

          Und so landen sie zufällig im selben Taxi, an dessen Steuer ein traumatisierter Afghanistan-Veteran (Florian Bartholomäi) sitzt und in dessen Kofferraum bald eine Leiche liegt. Auf unbestimmter Route rauschen die gekidnappten Kommissare durch die Nacht und führen einfühlsame Deeskalationsgespräche mit dem bewaffneten Fahrer. Der durchschaut ihre allzu durchsichtige Taktik sofort, gibt aber dennoch preis, dass er auf dem Weg nach Leipzig ist, um seiner Exfreundin, die am Morgen darauf seinen Exchef heiraten will, etwas zu sagen. Oder will er sie umbringen? Und seine Geiseln dazu? Auch der Amoklauf von „Falling Down“ hat schließlich mit einer lästigen Fliege im Auto angefangen, und wie stressig der Tag für den Taxifahrer war, haben wir eingangs gesehen.

          Ein Kammerspiel um Leben und Tod also entspinnt sich hier auf engstem Raum, aber dass man, weil es sonst wohl zu still würde, reihum die Gedanken einer Figur laut hört, ist schon kein gutes Zeichen. Die Rückblenden in die Kindheit der Kommissarin, die der Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph in das Skript geschrieben hat, auch nicht. Action muss her: Charlotte Lindholm stolpert im Rotkäppchen-Mantel durch den deutschen Wald, auf der Flucht vor dem bösen Wolf. Borowski weiß, dass die keine Menschen fressen, verletzt sich aber am Knie, als er eine Autoscheibe eintreten will. Der Fahrer lenkt seinen eiskalten Killerblick erst auf einen niedlichen kleinen Jungen, dann auf die Kommissarin. Derweil blickt in Leipzig die schöne Helena, nein Nicki (Luise Heyer), um deretwillen alles ins Rollen gekommen ist, auf den positiven Schwangerschaftstest. So geht es weiter, immer weiter durch die Nacht, Richtung Showdown.

          Zur ersten Folge des „Tatorts“ schrieb er das Drehbuch, nun sitzt er in der „Bon Bon Bar“: Friedhelm Werremeier.

          In 46 Jahren hat der „Tatort“ vermocht, unverrückbar in den Sonntagabend betoniert, sich als eines der letzten festen Fernsehrituale zu behaupten und vielerlei für viele zu bieten: Typen wie Schimanski haben ihn erneuert, Manfred Krug als Paul Stoever durfte für ihn singen, Boerne und Thiel ihn quotenträchtig mit dem Klamauk versöhnen, Til Schweiger als Tschiller rumballern, Kommissar Felix Murot mit „Im Schmerz geboren“ eine echte Spitzenleistung abliefern, und Kommissarinnen wie Lena Odenthal gehen wohl nie in Pension. Nah an der Gegenwart wollten die regional aufgestellten „Tatorte“ immer sein, das ist ihnen mal mehr, mal weniger gut gelungen. Die Reihe steht für vertrauten Schauder. Und insofern ist das neue „Taxi nach Leipzig“ ein repräsentativer, weil durchschnittlicher „Tatort“. Nicht wirklich logisch nachvollziehbar, aber ordentlich gespielt und inszeniert, hält er zumindest eine wichtige Lehre bereit: Ein bisschen Proviant schadet nie auf einer Autofahrt. Denn Kekse können Leben retten.

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