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Tausend Folgen „Tatort“ : Überleben ist die halbe Quote

Ferkeldeutsch zur besten Sendezeit: Götz George in seinem letzten Einsatz als Horst Schimanski Bild: Picture-Alliance

Vom Straßenfeger zum Twitter-Trendsetter: Der „Tatort“ ist das beliebteste Fernsehformat der Deutschen. Sechs Erklärungsversuche nach tausend Folgen Mord und Totschlag vor regionaler Kulisse.

          Der letzte Schimanski-„Tatort“ von 1991 war in den tausend bisher ausgestrahlten Folgen sicher einer der schillerndsten. Nicht nur, dass die Figur des von Götz George verkörperten Polizei-Chaoten aus Duisburg die Deutschen gegen alle Wahrscheinlichkeit mitten ins Herz getroffen hatte – und jetzt der plötzliche Abgang! –, die Folge „Der Fall Schimanski“ vom 29. Dezember war in vielerlei Hinsicht ein Dokument des Übergangs und der erste fast konsequent selbstbezogene „Tatort“.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Achim Dreis
          Sebastian Reuter

          Der eigentliche Gegenspieler Schimanskis in diesem auf einer Kasperletheater-Dramaturgie beruhenden Wirtschaftskrimi (die organisierte Kriminalität versucht in Duisburg durch einen Grundstückserwerb Drogengeld zu waschen und hat einem Staatssekretär ein positives Gutachten abgepresst - zum Schluss hilft eine Dea ex machina aus dem alten Geldadel) ist der interne Ermittler Jahnke, und der hat Schimanski schon ganz gut durchschaut: Der Hauptkommissar mit seiner Schmuddeljacke passe nicht mehr in die Zeit, er sei ein „Fossil der sechziger Jahre“, ein „verbohrter Individualist“, „unfähig, sich anzupassen“, verblendet von einem „anarchistischen Weltbild“. Wobei Schimanski in dieser Folge vor allem letzteres immer wieder dadurch unter Beweis stellt, dass er fast unentwegt das Eigentum seiner Mitmenschen missachtet: Er entführt einen Wohnwagen, klaut Milch, zertrümmert den R4 seines neuen Mitbewohners.

          Bemerkenswert nur, dass seine Kumpel-Mentalität in dieser Folge so endgültig dem alten Eisen zugerechnet wird - denn als anpassungsunfähiger Anarchist war Schimanski schon in der ersten Folge, “Duisburg Ruhrort“ von 1981, aufgetreten, und die versiffte Wohnung des Kommissars, sein betonter Sex-Appeal, das Lieblingswort „Scheiße“, all das hatte schon gleich zu Beginn seiner Amtszeit für anhaltende Kritik gesorgt.

          Dabei hatte Schimanski bei seiner „Tatort“-Amtseinführung noch einigermaßen in ein sozial-liberales, immer grüner werdendes Deutschland gepasst. Erst in der mittleren Ära Kohl, in der sich Deutschland nach dem Mauerfall plötzlich der Notwendigkeit, erwachsen zu werden und der vermeintlich unvermeintlichen Globalisierung ausgesetzt sah, drohte die Figur, leer zu laufen. Schimanskis anhaltender Erfolg in einem Klima, das viele mit dem Schlagwort „Neoliberalismus“ zu erfassen versuchten, wurde immer unheimlicher, die Figur immer romantischer, unrealistischer.

          1991 war das die Alternative zum Kommissariat: Götz George (hier mit Ulrich Matschoss) landet nach seiner Kündigung bei der Polizei im Supermarkt.

          Schimanski selbst, der im Film von 1991 nach einer beleidigten Kündigung bei seinem „Verein“ vorübergehend als Supermarktkassierer arbeitet, sagt es selbst zu seinem früheren Vorgesetzten Königsberg: „Nichts ist mehr wie früher, du. Da rücken doch jetzt ganz andere Typen nach, du. Karrieristen, Bürokraten, angepasste Saubermänner, Sesselpuper. Ich hab einfach keinen Bock mehr, du. Wir wollten immer alles anders machen, wir wollten es besser machen, wir wollten es menschlicher machen, nicht immer jeder gegen jeden.“ Andererseits: Die 1991 kaum noch zu überbietende Popularität beim Fernsehpublikum gab Schimanski doch eigentlich recht.

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