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ZDF-Film über den 1. Weltkrieg : Hier verreckt niemand in einem Trichter

Briefe aus dem Off: Peter Kollwitz (Tom Gramenz) schreibt von der Front in Belgien einen Brief an seine Mutter Käthe. Bild: Oliver Halmburger

Keine Ratten, keine Flöhe, keine Verwesung, kein Dreck - der Tod im Plüschfeld: Das ZDF erzählt in „Mit Jubel in die Hölle“ zu harmlos von Soldatenschicksalen aus dem Ersten Weltkrieg.

          Das Fernsehen vereinfacht die Welt, und das ist gut so. Wäre es anders, müssten wir uns beispielsweise die Wahrheit über den Ersten Weltkrieg aus stummen und schwarzweißen Archivfilmen, aus körnigen Fotografien und faksimilierten Briefen zusammensuchen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wir würden diesen Krieg als ebenso fremd erfahren, wie uns der eigene Urgroßvater und die Urgroßmutter es sind - als ein Geschehen, von dem uns hundert lange Jahre trennen, ein Grauen aus ferner Zeit, in das wir uns auch mit größter Anstrengung kaum noch einfühlen können.

          In den Dokumentationen zum „Weltenbrand“, mit denen uns die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte seit vergangenem Jahr versorgt, ist nun alles anders. Die Bilder sind farbig, die Archivszenen aufwendig nachkoloriert, und wo das Anschauungsmaterial der Schlachten und Sturmangriffe fehlt, hat man es für die Kamera nachinszeniert, mit Statisten, die auch im Schützengraben blitzsaubere Uniformen tragen, mit benzinkanisterhaft aufflammenden Granaten, mit böllerhaft krachenden Geschützen und malerisch im Gegenlicht dampfenden Lokomotiven.

          Konservative Emotionskurven

          Und wenn Sprecher aus dem Off Briefe von damals vorlesen, dann sehen wir dazu nicht die Gesichter derer, die sie schrieben, sondern Schauspielergesichter, in denen das Historische sich spiegeln soll, als Kostüm, Maske, Frisur, martialisch verzerrter oder trauernd erstarrter Gesichtsausdruck. Und, spiegelt es sich? Wir wissen es nicht. Wir kennen ja kaum das wirkliche Aussehen der Menschen, die da schrieben und starben. Ihre Bilder huschen vorbei, dann senkt sich wieder der Schleier der Nachinszenierung, der Fiktion, die dieses Sendeformat in Wahrheit ist, über das Geschehen.

          In dem Film „Mit Jubel in die Hölle“ von Stefan Brauburger und Stefan Mausbach geht es um die Briefe und Tagebücher dreier Soldaten des deutschen Kaiserreichs, Karl Rosner, Kurt Hopffer und Peter Kollwitz, und um die Tagebucheintragungen von Peters Mutter Käthe Kollwitz, die durch den Tod ihres Sohnes zur Pazifistin und Sozialistin wurde. Nur Rosner hat den Krieg, den er von Anfang an verdammte, überlebt, während Hopffer als Kommandeur eines bayerischen Bataillons vor Verdun fiel; die ZDF-Redakteure fanden seine Aufzeichnungen bei ihren Recherchen in München.

          Die Emotionskurve der Sendung ist also klar, von der Begeisterung zur Ernüchterung, von „Nach Paris!“ zu „Krieg dem Kriege!“, wie es Rosner in seinem Tagebuch formuliert und Ernst Friedrich 1924 im Titel seines berühmten viersprachigen Pamphlets fordern wird.

          Hölle mit Einzelabteil und Rückfahrschein

          Aber gerade diese Kurve wird in der Dokumentation nicht richtig sichtbar. Was ist denn das „Vaterland“, für das Rosner, Hopffer und Kollwitz nach Flandern und an die Marne ziehen? Man sieht kriegspielende Kinder, Spaziergänger in Berlin, die Fassade des Reichstags: lauter Äußerlichkeiten. Vielleicht hätte es geholfen, ein paar jener Propagandapostkarten abzubilden, die ab August 1914 massenhaft auf den Markt kamen; aber das war dem ZDF offenbar zu historisch.

          Stattdessen walzt man jene Reenactment-Szenen aus, die in deutschen Fernsehproduktionen immer wie eine Boutiquenversion des echten Krieges aussehen. Peter Kollwitz (Tom Gramenz) bricht zusammen, als er planlos an einer Grabenkante herumschippt; der schwerverletzte Karl Rosner gräbt bei Verdun eine skelettierte Hand aus der Erde. Ansonsten ist alles eitel Sauberkeit und Ordnung: keine Ratten, keine Flöhe, keine Verwesung, kein Dreck.

          So unterschlägt der Beitrag gerade das Fronterlebnis, von dem seine Dokumente sprechen. Wer die Schützengräben überlebte, kehrte mit einem tiefen Hass auf den Krieg oder, wie Jünger und Hitler, mit brennendem Durst nach Rache zurück; Gleichgültige gab es kaum. Diese Art von Fernsehgeschichtserzählung produziert sie nun in Massen. Man hört ein Maschinengewehr tackern, dann stürzen sich hellgrau Uniformierte auf ihre hellblauen Gegner; dazwischen spritzen Kugeln in einer Pfütze. Und alle sterben schön in den Armen ihrer Kameraden, keiner verreckt in einem Trichter. Der Krieg, mit den Augen des ZDF betrachtet, ist eine Hölle mit Einzelabteil und Rückfahrschein.

          Nur ein Seitenblick auf Käthe Kollwitz

          Es gibt eine einzige Stimme in diesem verplüschten Oratorium, die wirklich weh tut. Das ist Käthe Kollwitz (Chris Nonnast), deren Notizen in ihrer Schlichtheit zum Anrührendsten zählen, was über das große Völkerschlachten geschrieben wurde.

          Dem Schmerz um den gefallenen Sohn hat Kollwitz später den besten Teil ihrer Kunst gewidmet, darunter die „Pietà“, deren Vergrößerung heute in der Neuen Wache steht, und das „Trauernde Elternpaar“ auf dem Soldatenfriedhof von Vladslo.

          Die Dokumentation wirft auf diese Skulpturengruppe am Ende einen knappen Seitenblick. Dann rattert die Fernsehbildmaschine weiter. Die Trauer der Kätze Kollwitz, das wäre eine eigene Geschichte gewesen. Dieser Film erzählt sie nicht.

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