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Medien : Kurze Leine

  • -Aktualisiert am

Judith Miller muß ihre Quellen offenlegen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die „New York Times“ will die durch die Plame-Affäre bekannt gewordene Journalistin Judith Miller offenbar entlassen. Die renommierte Zeitung hat durch Miller zum zweiten Mal in zwei Jahren erheblichen journalistischen Schaden genommen.

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          Judith Miller, Pulitzer-Preisträgerin und affärengestählte Starreporterin der „New York Times“, steht offenbar in Kündigungsverhandlungen mit Arthur Sulzberger Jr., dem Herausgeber der Zeitung.

          Das „Wall Street Journal“ schreibt, die Journalistin sondiere ihre Zukunftsoptionen bei dem Blatt, bei dem sie Mitte Oktober wegen fehlender Offenheit und fragwürdiger Recherchen in Ungnade gefallen war.

          Was für die Zeitung ein schwieriger Prozeß werden könnte, scheint unumgänglich, denn die „Times“ hat durch Miller zum zweiten Mal in zwei Jahren erheblichen journalistischen Schaden genommen. Im Fall der offenbar als Regierungsracheakt enttarnten CIA-Agentin Valerie Plame ließ das Blatt der Reporterin, die die Zeitung schon einmal wegen nicht haltbarer Berichterstattung über irakische Massenvernichtungswaffen zu einer peinlichen Entschuldigung genötigt hatte, unbeschränkten Handlungsspielraum.

          Das Traditionsblatt hat Schaden genommen
          Das Traditionsblatt hat Schaden genommen : Bild: AP

          Hochrangige Beamter geschützt

          Nun muß sich die „Times“ des Eindrucks erwehren, ihren Lesern nicht nur vor Beginn des Irak-Kriegs Regierungspropaganda aufgetischt, sondern ihnen auch noch einen Skandal um eine Abstrafungsaktion aus höchsten Regierungskreisen vorenthalten zu haben.

          Zwar hatte Judith Miller für die Weigerung, ihre Quellen preiszugeben, scheinbar ehrenhaft eine fast dreimonatige Beugehaft absolviert. Doch nach ihrer Haftentlassung stellte sich heraus, daß sie mit ihrem Gefängnisaufenthalt die Kampagne hochrangiger Beamter aus dem Weißen Haus gegen einen Regierungskritiker geschützt hatte. Und daß weder der Washingtoner Bürochef noch ihr Chefredakteur oder der Herausgeber über Details im Bilde waren.

          Die Redaktion nahm in einer E-Mail von Chefredakteur Keller dessen Staunen über Millers Platz „am Empfangsende einer Flüsterkampagne“ zur Kenntnis: „Ich hätte mich wundern müssen, warum ich erst durch den Sonderermittler davon erfuhr, ein Jahr nachdem das Ganze stattgefunden hat.“ Dem Ombudsmann der „Times“, Byron Calame, schrieb Keller: „Ich wünschte, ich hätte von Judy Miller eine umfassende Aufklärung verlangt, nachdem ich von ihrer Vorladung im Fall Plame erfuhr, und ich wünschte, ich hätte ein paar Recherchen von meiner Seite nachgeschoben.“

          „Woman of Mass Destruction“

          Zwar hat die Zeitung Miller gezwungen, ihre Aussage vor Gericht und den Verlauf der Gespräche mit Libby im Blatt zu dokumentieren. Ironischerweise dient aber diese späte Offenbarung angesichts einer anstehenden Gerichtsverhandlung mehr dem Selbstschutz der „Times“ als der Wahrheitsfindung. Durch eine Reihe schonungslos selbstkritischer Artikel bricht sich zudem ein offener Redaktionskrieg Bahn. So bezeichnete die Kolumnistin Maureen Dowd ihre Kollegin Miller in einem Leitartikel als „Woman of Mass Destruction“, ein Wortspiel mit dem englischen Akronym für Massenvernichtungswaffen - „WMD“. Dowd kritisiert auch die Blattführung:

          „Eine Frau, die eine kurze redaktionelle Leine bitter nötig hatte, leitete man überhaupt nicht an, und das hat dieser Zeitung und ihrer Vertrauenswürdigkeit geschadet.“ Der Chefredakteur Keller warf Miller unterdessen in einer E-Mail vor, sie habe das Blatt getäuscht. Der Ombudsmann Calame rügte die „journalistischen Abkürzungen, die Ms. Miller offenbar gern nimmt“, woraufhin ihm Miller eine wütende E-Mail schickte, in der sie ihm „haltlose Anspielungen“ und dem Chefredakteuer Keller eine „häßliche und ungenaue E-Mail“ vorwarf.

          Die „Washington Post“ und der Radiosender NPR zitieren derweil anonym Redakteure der „New York Times“ mit dem Bekenntnis, die Moral der Redaktion sei stärker angeschlagen als zu Zeiten des Skandals um Jayson Blair. Der Zeitung sei „die Fähigkeit abhanden gekommen, in dieser Geschichte die Wahrheit über sich selbst zu sprechen“, sagte der Journalismus-Professor Jay Rosen. So gerät die „Times“ unter Druck.

          „Verbrechen gegen den Journalismus“

          Greg Mitchell vom Branchenmagazin „Editor and Publisher“ forderte Judith Millers umgehenden Rausschmiß „für Verbrechen gegen den Journalismus“, die „Los Angeles Times“ warf ihr sogar vor, die Wahlschlappe von John Kerry mitverantwortet zu haben, nachdem der Sonderermittler Fitzgerald sagte, er hätte Scooter Libby unter anderen Umständen schon im vergangenen Oktober - kurz vor der Präsidentenwahl - anklagen können.

          Millers Verbleib bei der „Times“ ist offen. Nur soviel mag Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. sagen: „Sie und ich sind uns darüber klar, daß es neue Grenzen für ihr künftiges Wirken gibt.“

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