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Medien in China : Schreiben Sie die „Gesamtwahrheit“!

Der Tower des chinesischen Staatssenders CCTV, von den Pekingern liebevoll als „große Unterhose“ bezeichnet. Bild: AP

Der deutsch-chinesische Mediendialog soll Journalisten beider Länder miteinander ins Gespräch bringen. Doch dieses Mal setzte es nur Propaganda und Affronts in Serie. Bericht von einer Farce.

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          Shen Weixing sieht in China eine schöne, grüne Wiese. Doch die deutschen Medien, beklagt er, würden den Blick immer nur auf die Bakterien im Gras richten, statt über das satte Grün zu berichten. „Teilwahrheiten“ nennt der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung „Guangming Daily“ das. Und fordert: Die Deutschen sollten nur über „konstruktive Wahrheiten“ berichten. Schließlich betonten die chinesischen Medien in ihrer Berichterstattung über Deutschland ja auch das Positive. Die „Gesamtwahrheit“ nennt Shen das.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Der Vorwurf ist nicht neu, er wird seit Jahren von Peking erhoben. Doch die Vehemenz, mit der er beim sechsten deutsch-chinesischen Mediendialog in Peking wiederholt wird, nicht nur von Herrn Shen, sondern von verschiedenen Rednern in immer neuen Variationen, ist ein gezielter Affront. Eine Demonstration der Stärke. Denn eigentlich hatten sich das Auswärtige Amt in Berlin und das Presseamt beim Staatsrat der Volksrepublik China auf eine ganz andere Agenda verständigt. „Moderne Journalistenausbildung“ und „Qualitätskontrolle von Nachrichten in der neuen Medienära“ lauten die – bewusst unverfänglich formulierten – Themen, über die sich die deutschen und chinesischen Medienvertreter in der vergangenen Woche in Peking austauschen sollten. Aber geht das überhaupt? Ein Dialog zwischen freien Medien und gelenkten Staats- und Parteiorganen?

          Trolleinsatz im großen Stil

          Beispiel „Fake News“: Der Umgang mit gefälschten Nachrichten, so heißt es an diesem Tag immer wieder, sei eine gemeinsame Herausforderung, der China und Deutschland gleichermaßen begegnen müssten. Wirklich? Kritische Wortmeldungen im Internet werden in China als „Verbreitung von Gerüchten“ kriminalisiert. Gleichzeitig setzt Peking im großen Stil Trolle im Internet ein, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Sichtlich genervt lässt die chinesische Delegation deutsche Redebeiträge über eine mündige Öffentlichkeit und die Bedeutung glaubwürdiger, unabhängiger Medien über sich ergehen. „Wir sehen hier heute, dass die deutschen Medien auf China herabsehen“, sagt Jiang Heping vom Staatssender CCTV.

          Teilbemäntelung: Chinesische Presse bei der Eröffnung der Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes.
          Teilbemäntelung: Chinesische Presse bei der Eröffnung der Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes. : Bild: AP

          Was also hofft man in Berlin, mit einer solchen Veranstaltung zu erreichen? Reden sei besser als nicht reden, heißt es im Auswärtigen Amt. Es ist ein Gesprächskanal, der seit sechs Jahren offen gehalten wird und dem China in der gegenwärtigen Lage womöglich nicht zugestimmt hätte, gäbe es ihn nicht längst. Der Mediendialog sei eines von siebzig offiziellen deutsch-chinesischen Dialogformaten, zählt Staatssekretär Stephan Steinlein auf. Es klingt, als sei es das Gleiche, wenn Naturwissenschaftler oder Unternehmer beider Länder sich treffen.

          Man spricht lieber über Briefmarkenauktionen

          Selbstverständlich gibt es auch in China Medienschaffende, die mit Leidenschaft journalistischen Werten verpflichtet sind. Die täglich die Grenzen der Zensur austesten. Doch ein Dialog mit solchen Journalisten ist vom chinesischen Protokoll nicht vorgesehen. Das zeigt schon das „Vorprogramm“ für die deutsche Delegation, eine dreitägige Reise in den Süden Chinas. Da wäre zum Beispiel der Besuch des Nanfang-Verlagshauses in Guangzhou: Eine Zeitung der Gruppe, die „Nanfang Zhoumo“ (Südliches Wochenende), ist in ganz China bekannt für ihren investigativen Journalismus. Als der frühere amerikanische Präsident Barack Obama im Jahr 2009 China besuchte, verschmähte er das Staatsfernsehen CCTV und gab stattdessen der „Nanfang Zhoumo“ ein Interview. Die Zeitung erschien demonstrativ mit mehreren weißen Flächen, nachdem die Zensurbehörde viele Aussagen Obamas gestrichen hatte. Seit Staats- und Parteichef Xi Jinping die Medien auf die Parteilinie eingeschworen hat, ist aber auch die „Nanfang Zhoumo“ unter Druck geraten.

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