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Medien im Krieg : Dabeisein ist alles

Verwirrung der Bilder: Der Krieg im französischen Fernsehen hält textlich Distanz zu den Quellen der Nachrichtenlieferanten und feiert gleichzeitig nichtssagende Bilder.

          Es sind die gleichen Bilder. Doch im französischen Fernsehen läuft nicht der gleiche Krieg wie auf CNN oder Fox News. Am Tag bevor er ausbrach, hatte die staatliche Medienaufsicht CSA (Conseil supérieur de l'audiovisuel) die Programmdirektoren zu "besonderer Wachsamkeit" aufgefordert. TF1 ging wenige Minuten nach den ersten Bomben auf Sendung.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Endlich, hatte man den Eindruck, konnte es losgehen und Europas größter Privatsender zeigen, wozu er im Ernstfall fähig ist. Umgehend war das Bemühen zu spüren, nicht mehr die gleichen Fehler wie im ersten Golfkrieg zu begehen. Damals kämpfte die eigene Armee auf der Seite der Amerikaner. Das Fernsehen übernahm die Bilder von CNN und kommentierte sie mit euphorischer Faszination und chauvinistischen Akzenten.

          Militärischen Jargon entschlüsseln

          Diesmal ist selbst TF1 um Distanz und Objektivität bemüht. Man verweist auf die Herkunft der spärlichen Nachrichten und darauf, daß man Teil eines Propagandakriegs mit Bildern ist. Kommentiert wird fast ausschließlich in der Möglichkeitsform. "Es scheint, daß", "mehr wissen wir auch nicht", "nach unbestätigten Angaben" sind Wendungen, die in jedem zweiten Satz verwendet werden. Die einzige verbale Entgleisung war die Bemerkung eines Reporters an der Front, der die amerikanischen Soldaten als Gärtner bezeichnete und die Iraker mit Stechmücken verglich.

          Die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Anstalten F2 und F3 ist kaum weniger aufwendig und nicht wesentlich anders. Auf F2 ist eine Präsentatorin permanent bemüht, den Jargon der militärischen Experten anschaulich zu machen: "kollaterale Schäden sind Tote", "Säubern heißt zerstören". Arte widmet dem Krieg Debatten und Magazine und vermittelt in den Abendnachrichten einen eher kurzen, aber gut strukturierten Überblick. Ein großes Unbehagen erzeugt der von TF1 betriebene Nachrichtenkanal LCI, der praktisch rund um die Uhr vom Krieg berichtet und mehr noch als die anderen seiner Faszination ausgeliefert ist: Weil es kaum News gibt, kommentiert man mit schwärmerischen Ausführungen den technologischen Aufwand.

          Nichtssagende Bilder

          "Wir können keine Berichte drehen und keine Nachrichten verifizieren", räumt ein Korrespondent freimütig ein. Die Kriegsreporter tun gar nicht mehr so, als würden sie etwas wissen. Aber sie sind vor Ort, und wir sind dabei. Live, suggerieren in allen Kanälen die endlos wiederholten, ewiggleichen Bilder - Bilder, auf denen man praktisch nichts sieht. Ein Knall, in der Ferne ein Feuer. Panzer, Flugzeuge. Sie erzählen, obwohl CNN nicht mehr über das absolute Monopol verfügt, den Krieg aus amerikanischer Sicht und lassen kaum etwas von den Schwierigkeiten der Koalition erraten.

          Diese sind jedoch der Schwerpunkt aller Kommentare aus dem Studio. Nichts verläuft nach Plan. Von militärischen Dingen verstehen die Journalisten zwar wenig - doch dafür hat man in Frankreich sehr viele Generäle im Ruhestand, die in allen Medien die Ereignisse entschlüsseln. Für Michel Roquejoffre, Kommandant der französischen Streitkräfte im ersten Golfkrieg, kam der Angriff "zu spät und zu früh". Im Detail werden die logistischen Probleme der amerikanischen Armee analysiert und unterstrichen - der Kontrast zwischen dem gesprochenen kritischen Wort und der Mehrfachverwertung nichtssagender Bilder vom Schauplatz des Geschehens grenzt an Schizophrenie.

          Unverdaulicher Brei

          Im ersten Krieg des Internetzeitalters setzt man nun auch noch den Text ein. Die Laufbänder, die bislang den Spartenprogrammen und Börsenkursen vorbehalten waren, halten in den großen Sendern Einzug. Doch bei den Schlagzeilen handelt es sich vielfach um Meldungen, die bereits in der gedruckten Zeitung stehen. Das Resultat ist ein unverdaulicher Brei, der die Zuschauer zusehends abstößt. Die Präsenz des Kriegs auf dem Bildschirm wird reduziert.

          Auf den ersten Bildern amerikanischer Gefangener hatte TF1 die Gesichtszüge unkenntlich gemacht. Die öffentlich-rechtlichen Sender drehten den Ton ab. Das Westschweizer Fernsehen hielt solche Rücksichtmaßnahmen generell für überflüssig, das französische zumindest so lange, als es nur um Iraker ging. Nach einer Kriegswoche lobte die CSA-Medienaufsicht, die dem im Pariser Kabel empfangbaren Sender "Al Dschazira" eine Rüge erteilte, die Arbeit der französischen Journalisten als professionell und rücksichtsvoll. Man bedauert die Abhängigkeit der Berichterstattung von den anderen Sendern und treibt das Projekt eines "französischen CNN" mit neuer Energie voran - allerdings wächst die Einsicht, daß eigene Bilder vom Krieg auch in Zukunft nur Kameraleute der kriegführenden Länder haben werden.

          Bagdad ist Babel
          Der Philosoph Paul Virilio glaubt keineswegs, daß die Vermehrung der Bilderquellen einen Pluralismus der Standpunkte garantiert. Im Gegensatz zum ersten Golfkrieg, mit dem das Zeitalter des "info war" begann, wird diesmal das Schlachtfeld gezeigt. An der "Entwirklichung" ändert das nichts. Es ist der Weltkrieg der Lüge, befindet Virilio: Keiner weiß, was wahr ist und was falsch - niemand kann glauben, was er sieht. Bagdad ist Babel - das biblische Symbol für die Verwirrung der Sprache steht fortan auch für die Unlesbarkeit der Bilder.

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