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Medien im Krieg : CNN-Präsident Cramer: "Das ist echter, purer Journalismus"

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CNN-Präsident Cramer: „Wir geben allen Standpunkten Raum” Bild: CNN

Kriegsberichterstattung ist ein Puzzlespiel mit fehlenden Teilen. Der amerikanische Nachrichtensender CNN nimmt für sich in Anspruch, viele verschiedene davon liefern zu können. Ein Gespräch mit CNN-Präsident Cramer.

          Die Berichterstattung aus Bagdad findet in diesem Golfkrieg ohne den amerikanischen Nachrichtensender CNN statt. 1991 hatte der Sender mit seinem Reporter Peter Arnett Mediengeschichte geschrieben, der zuletzt der einzige westliche Journalist in der irakischen Hauptstadt war. Im Jahr 2003 bietet CNN mehrere hundert Mitarbeiter in der Region auf, um dem Publikum weltweit ein umfassendes Bild der Lage im Irak zu bieten. Ein Gespräch mit Chris Cramer, Präsident von CNN International Networks.

          Die irakische Regierung hat ihre Korrespondenten des Landes verwiesen. Grund sei die angeblich “unfaire“ Berichterstattung. Damit könnte die Einschätzung des Reporters Nic Robertson gemeint sein, Saddam Hussein halte vielleicht noch chemische und biologische Waffen in Reserve. Was halten Sie von dem Vorwurf gegen Ihre Arbeit?

          Unser Team von vier Mitarbeitern aus Bagdad ist vorgestern in Jordanien angelangt. Ich bin sehr glücklich, daß sie wohlbehalten angekommen sind. Sie mußten noch in der Nacht reisen, die Fahrt war extrem gefährlich. Daß wir aus dem Irak hinausgeworfen worden sind, ist sehr schade. Wir haben seit mehr als zehn Jahren ein Büro in Bagdad unterhalten, das einen wichtigen Beitrag zu unserer Berichterstattung aus der Region leistet.

          Ich weiß, ehrlich gesagt nicht, warum die Iraker uns hinausgeworfen haben. Es sind auch andere Teams ausgewiesen worden. Es ist für unseren Sender wichtig, aus so vielen verschiedenen Ländern der Welt berichten zu können wie möglich. Dafür steht CNN, davon lebt CNN. Insofern ist der Umstand, daß unsere Korrespondenten nicht mehr in Bagdad sind, sehr enttäuschend. Ich hoffe, wir können bald wieder dort sein. Aber das irakische Regime ist nun beileibe nicht das erste, dem CNN-Reporter lästig sind, und es wird nicht das letzte sein, dem unsere Mitarbeiter nicht willkommen sind. Unsere Aufgabe aber ist es, aus der ganzen Welt für die ganze Welt zu berichten.

          Werden gezielt amerikanische und britische Teams aus Bagdad verwiesen?

          Fox News ist vor rund einem Monat rausgeflogen, einige englischsprachige Tageszeitungen sind betroffen. Wir befinden uns in sehr guter Gesellschaft.

          Wie kommen Sie jetzt an Material und Bilder aus Bagdad?

          Bilder sind kein Problem. Es gibt Angebote einer ganzen Reihe unserer Partner. Und die Bilder der verheerenden Bombenangriffe auf Bagdad aus den letzten Nächten standen über ein Pool-Angebot weltweit zur Verfügung. Wir haben Vereinbarungen mit ITV in Großbritannien und TF1 in Frankreich getroffen. Wir müssen nicht selbst in Bagdad sein, um berichten zu können. Trotzdem schmerzt es, keine eigenen Reporter dort zu haben, die mit ihrer persönlichen Erfahrung für das gewohnte Niveau der Hintergrundberichterstattung und entsprechende Analyse bürgen.

          Wie viele Korrespondenten und Teams haben Sie zur Zeit in der Region?

          Wir haben rund 250 Mitarbeiter am Golf, darunter 45 Korrespondenten. Es berichten rund zwanzig “eingebettete“ Teams von der Front. Hinzu kommen Journalisten anderer Medien, mit denen wir verbunden sind. Viele von ihnen arbeiten in diesen Tagen unter Lebensgefahr. Wie Sie wissen, sind ein Reporter des australischen Senders ABC getötet worden und zwei Mitarbeiter des britischen Senders ITN, die bei Basra unterwegs waren, werden noch vermisst. Wir sind besorgt um unsere Mitarbeiter und andere Kollegen: Was sie tun, ist wirklich sehr gefährlich.

          Das ist die riskante Seite des “Embedding“.

          Diese Verbindung möchte ich nicht knüpfen: Die Reporter, die ums Leben gekommen sind oder vermißt werden, waren nicht “eingebettet“, sie waren auf eigene Faust unterwegs. Wir haben Korrespondenten an der Front, die von dort live berichten. Das hat es in der Geschichte des Fernsehens und in der Geschichte der Kriegsführung noch nie gegeben! Was wir in den letzten Tagen gesehen haben, ist ein historischer Schritt für den Journalismus, und es ist wichtig, das zu begreifen. Unsere Reporter befinden sich dabei selbstverständlich in großer Gefahr, in der aber schweben alle, die aus dem Kriegsgebiet berichten. Abgesehen davon ist unser gesamtes Geschäft sehr gefährlich. Wir Journalisten sind augenblicklich als Berufsstand nicht sehr beliebt.

          Als Zuschauer habe ich den Eindruck, daß Ihre “eingebetteten“ Reporter ziemlich beeindruckt sind von dem, was sie tun. Sie scheinen Teil des Geschehens zu werden. Jim Clancy spricht von einer “Welle von Stahl in der Wüste Iraks“. Glauben Sie nicht, daß dies als einseitige, distanzlose Art der Berichterstattung aufgefaßt wird?

          Diese Kritik kann ich nicht akzeptieren. Fernsehjournalismus bedeutet seinem Wesen nach, daß man es mit Bildern, Worten und Menschen zu tun hat. Was wir hier leisten, ist wirklich sehr wichtig für alle, die etwas über diesen Krieg wissen und verstehen wollen, was vor sich geht. Ich glaube nicht, daß irgend jemand die Berichterstattung unseres Reporters Walter Rodgers, der mit der 7. US-Kavallerie gen Bagdad vorrückt, und anderer Militärkorrespondenten geringschätzen sollte. Die Reporter berauschen sich nicht an sich selbst, sie beschäftigt, was um sie herum geschieht.

          Ich empfehle jedem, sich die Aufnahmen unseres Team anzusehen, das im Süden Basras selbst unter Feuer lag. Das ist ein anderer Journalismus, als wir ihn bisher kennen. Das ist echter, purer Journalismus, das ist Kriegsberichterstattung. Das ist der erste Entwurf eines Geschichtsfernsehens. Es steht nicht für sich selbst. Wir müssen andere Teile des Puzzles hinzufügen - die Berichterstattung von Downing Street No. 10, aus dem Weißen Haus oder dem Deutschen Bundestag. Wir setzen alles zusammen und beginnen die Welt besser zu verstehen. Es geht nicht um einen bestimmten Reporter an einer bestimmten Straße oder in einem bestimmten Teil der Wüste inmitten eines unglaublich wichtigen Geschehens und was dieser davon hält.

          Wir alle wissen, daß Krieg mehr ist als eine Parade von Waffen und Soldaten, die sich für den Kampf rüsten. Er bedeutet Vertreibung, Leid und Tod. Werden wir diese, die dunkle Seite des Krieges auch bei CNN zu sehen bekommen?

          Sie haben diese Seite des Krieges schon gesehen - in den Bombennächten über Bagdad. Was Sie meinen, ist, ob wir Tote zeigen, tote Soldaten und tote Zivilisten? Die Antwort ist: ja. Wir vermitteln kein Hochglanzbild des Krieges. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand die letzten Tage vor dem Fernseher gesessen hat und nicht entsetzt ist über das, was er sieht. Das ist kein Reality-TV. Das ist Realität im Fernsehen. Das ist Fernsehen, das die Welt zeigt, wie sie wirklich ist.

          Sind Sie zufrieden mit der Informationspolitik der amerikanischen Regierung und der Armeeführung?

          Dieser Krieg ist jetzt gerade einmal vier Tage alt, da wäre es ein bißchen zu früh und auch nicht fair, ein abschließendes Urteil zu fällen. Fragen Sie mich das bitte in einigen Monaten noch einmal. Augenblicklich bin ich zufrieden, und ich gebe mich nicht schnell zufrieden.

          Es scheint, daß die Aufmerksamkeit für den internationalen Protest gegen diesen Krieg äußerst begrenzt ist, auch bei CNN.

          Das stimmt nicht. Es ist einfach nicht wahr. Schauen Sie sich bitte unsere umfassende Berichterstattung von diesem Wochenende an. Wir haben nicht nur Bilder aus allen Erdteilen gezeigt, wir haben mit Reportern vor Ort berichtet, aus New York, London, Berlin, Rom, Asien und dem Nahen Osten. Es ist die Politik von CNN, für die ich auch persönlich stehe, umfassend zu berichten. Wir geben allen Standpunkten Raum.

          Wie lautet Ihr persönliches Urteil über den Krieg im Irak und seine Gründe? Ist es eine notwendige Fortsetzung des sogenannten “Kriegs gegen den Terror“ oder nicht doch etwas anderes?

          Selbstverständlich habe ich dazu persönlich eine Meinung. Ich habe dazu auch eine Meinung als Journalist. Ich habe zu ganz vielen Dingen eine Meinung. Als Manager eines so großen Senders und Berichterstatters wie CNN will ich es mir aber nicht erlauben, diese hier kundzutun. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang für die BBC gearbeitet und mir angewöhnt, meine Meinung als persönliche Angelegenheit zu betrachten. Ich hänge sie morgens mit meinem Mantel an den Haken und nehme sie abends wieder mit nach Hause. Ich verbreite sie nicht im Büro.

          Wann, glauben Sie, werden Ihre Reporter wieder in Bagdad sein?

          Das weiß ich wirklich nicht. Ich hoffe, es ist so bald wie möglich.

          Das Gespräch führte Michael Hanfeld.

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