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Medien im Krieg : CNN-Präsident Cramer: "Das ist echter, purer Journalismus"

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Als Zuschauer habe ich den Eindruck, daß Ihre “eingebetteten“ Reporter ziemlich beeindruckt sind von dem, was sie tun. Sie scheinen Teil des Geschehens zu werden. Jim Clancy spricht von einer “Welle von Stahl in der Wüste Iraks“. Glauben Sie nicht, daß dies als einseitige, distanzlose Art der Berichterstattung aufgefaßt wird?

Diese Kritik kann ich nicht akzeptieren. Fernsehjournalismus bedeutet seinem Wesen nach, daß man es mit Bildern, Worten und Menschen zu tun hat. Was wir hier leisten, ist wirklich sehr wichtig für alle, die etwas über diesen Krieg wissen und verstehen wollen, was vor sich geht. Ich glaube nicht, daß irgend jemand die Berichterstattung unseres Reporters Walter Rodgers, der mit der 7. US-Kavallerie gen Bagdad vorrückt, und anderer Militärkorrespondenten geringschätzen sollte. Die Reporter berauschen sich nicht an sich selbst, sie beschäftigt, was um sie herum geschieht.

Ich empfehle jedem, sich die Aufnahmen unseres Team anzusehen, das im Süden Basras selbst unter Feuer lag. Das ist ein anderer Journalismus, als wir ihn bisher kennen. Das ist echter, purer Journalismus, das ist Kriegsberichterstattung. Das ist der erste Entwurf eines Geschichtsfernsehens. Es steht nicht für sich selbst. Wir müssen andere Teile des Puzzles hinzufügen - die Berichterstattung von Downing Street No. 10, aus dem Weißen Haus oder dem Deutschen Bundestag. Wir setzen alles zusammen und beginnen die Welt besser zu verstehen. Es geht nicht um einen bestimmten Reporter an einer bestimmten Straße oder in einem bestimmten Teil der Wüste inmitten eines unglaublich wichtigen Geschehens und was dieser davon hält.

Wir alle wissen, daß Krieg mehr ist als eine Parade von Waffen und Soldaten, die sich für den Kampf rüsten. Er bedeutet Vertreibung, Leid und Tod. Werden wir diese, die dunkle Seite des Krieges auch bei CNN zu sehen bekommen?

Sie haben diese Seite des Krieges schon gesehen - in den Bombennächten über Bagdad. Was Sie meinen, ist, ob wir Tote zeigen, tote Soldaten und tote Zivilisten? Die Antwort ist: ja. Wir vermitteln kein Hochglanzbild des Krieges. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand die letzten Tage vor dem Fernseher gesessen hat und nicht entsetzt ist über das, was er sieht. Das ist kein Reality-TV. Das ist Realität im Fernsehen. Das ist Fernsehen, das die Welt zeigt, wie sie wirklich ist.

Sind Sie zufrieden mit der Informationspolitik der amerikanischen Regierung und der Armeeführung?

Dieser Krieg ist jetzt gerade einmal vier Tage alt, da wäre es ein bißchen zu früh und auch nicht fair, ein abschließendes Urteil zu fällen. Fragen Sie mich das bitte in einigen Monaten noch einmal. Augenblicklich bin ich zufrieden, und ich gebe mich nicht schnell zufrieden.

Es scheint, daß die Aufmerksamkeit für den internationalen Protest gegen diesen Krieg äußerst begrenzt ist, auch bei CNN.

Das stimmt nicht. Es ist einfach nicht wahr. Schauen Sie sich bitte unsere umfassende Berichterstattung von diesem Wochenende an. Wir haben nicht nur Bilder aus allen Erdteilen gezeigt, wir haben mit Reportern vor Ort berichtet, aus New York, London, Berlin, Rom, Asien und dem Nahen Osten. Es ist die Politik von CNN, für die ich auch persönlich stehe, umfassend zu berichten. Wir geben allen Standpunkten Raum.

Wie lautet Ihr persönliches Urteil über den Krieg im Irak und seine Gründe? Ist es eine notwendige Fortsetzung des sogenannten “Kriegs gegen den Terror“ oder nicht doch etwas anderes?

Selbstverständlich habe ich dazu persönlich eine Meinung. Ich habe dazu auch eine Meinung als Journalist. Ich habe zu ganz vielen Dingen eine Meinung. Als Manager eines so großen Senders und Berichterstatters wie CNN will ich es mir aber nicht erlauben, diese hier kundzutun. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang für die BBC gearbeitet und mir angewöhnt, meine Meinung als persönliche Angelegenheit zu betrachten. Ich hänge sie morgens mit meinem Mantel an den Haken und nehme sie abends wieder mit nach Hause. Ich verbreite sie nicht im Büro.

Wann, glauben Sie, werden Ihre Reporter wieder in Bagdad sein?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich hoffe, es ist so bald wie möglich.

Das Gespräch führte Michael Hanfeld.

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